Der Schauspieler George Clooney, der junge Arnold Schwarzenegger, das britische Model Kate Moss und andere bekannte Gesichter erscheinen vorne auf dem Whiteboard. Im Englischunterricht behandeln Oberstufenschüler gerade die Vokabeln zur Beschreibung von Äußerlichkeiten. Zunächst ging es um Körperteile und Gesichtszüge. Nun steht die Frage „Wer ist schön?“ im Raum. Die Schüler sollen Schönheitsideale diskutieren und hinterfragen. Später wird das Bild einer jungen Frau eingeblendet, frisiert und gekleidet je nach dem Schönheitsideal verschiedenster Nationen. Anschließend soll das Musikvideo eines jamaikanischen Sängers zum Einsatz kommen. Er rappt ein Shakespeare-Sonett. Es geht um eine Frau, die nicht im herkömmlichen Sinne schön ist, aber begehrenswert. Eine Lehrerin hat sich dieses Material mit Hilfe von Kollegen zusammengesucht – im Internet und anderswo.

Schulbuchverlage unter Druck

„Wichtig ist uns, dass Lernen den Schülern Spaß macht“, sagt die Berlinerin Zwetana Penova von der Online-Plattform Lernox. Am Freitag präsentierte sie ihre mit drei Mitstreitern entwickelte Plattform, auf der Nutzer geordnet nach Schulfach und Jahrgang digitale Unterrichtsinhalte finden sollen. So auch das Material zur Beschreibung von Äußerlichkeiten im Englischunterricht. Die Präsentation fand anlässlich der Konferenz zur Zukunft freier Bildungsmaterialien in der Urania statt. Tüftler, Nerds, Lehrer, Dozenten und auch Vertreter von Schulbuchverlagen sind dort zusammengekommen, um über das Lernen im 21. Jahrhundert zu reden. Veranstaltet wird der Kongress, der am Sonnabend weitergeht, von Wikimedia, einer Organisation, die frei zugängliches Wissen befördern will. Das Zauberwort heißt dabei „Open Educational Resources (OER)“, auf Deutsch spricht man von freien Bildungsmaterialien. Das sind Lernmaterialien, die offen lizensiert im Unterricht eingesetzt werden können. Lehrer können sie selbst herstellen oder davon Gebrauch machen. „Aktuell, rechtssicher und kostenlos“, so der Slogan.

Künftig soll es ein interaktives Skelett für den Biologieunterricht geben. Bereits entwickelt ist „Lateinvokabel-Abschießen“. Dabei erscheint eine lateinische Vokabel auf dem Bildschirm, dann schwirren mögliche deutsche Bedeutungen vorbei. Die richtige muss der Schüler dann per Klick treffen.

All diese freien Bildungsmaterialien stellen die monopolartige Position der großen Schulbuchverlage infrage. Der Berliner Schulbuchverlag Cornelsen hatte zuletzt ganze Abteilungen geschlossen und dies mit den neuen Herausforderungen in der digitalen Welt begründet.

David Klett gehört zur Verlegerfamilie, die die Klett-Schulbücher herausgibt. Mit seinem Zopf und der Brille mit schwarzem Rahmen sieht er selbst aus wie ein OER-Tüftler. Doch er will erst mal das Schulbuch retten, verweist in der Urania darauf, dass ein Buch die Qualität sicherstellt, um die Vorgaben der Kultusministerkonferenz zu erfüllen. Außerdem wollten nicht alle Lehrer ständig mit ihren Kollegen konferieren, um die besten OER-Inhalte zu erstellen. „Aber was ist in fünf oder zehn Jahren? Werden Schüler mit digitalen Endgeräten im Unterricht arbeiten?“, wird er gefragt. „Also, wir haben noch nicht mal in allen Klassenräumen Internet verfügbar“, mahnt eine Pankower Lehrerin Realitätssinn an.

Berlin mit erstem Digitalangebot

Die Bildungsverwaltung bietet seit Kurzem selbst erste OER-Inhalte für Mathe und Naturwissenschaften an. Anders als in anderen Bundesländern entscheiden in Berlin die Lehrer selbst, welche Materialien sie verwenden. Eine ganz wichtige Frage ist, ob freie Bildungsmaterialien künftig von staatlichen Stellen oder anderen Anbietern wie Lernox angeboten werden. Aufpassen müsse man auch, dass Wirtschaftskonzerne OER nicht als Werbemöglichkeit nutzen, um Schüler zu beeinflussen, sagte eine Lehrerin in der Urania. Die schöne neue Lernwelt hat gerade erst begonnen.