Das millionenfach geklickte Video des YouTubers Rezo zeigt, wie sehr die Eigenkreationen aus der digitalen Welt das politische Establishment verunsichern und aus dem Takt bringen können. Viele Jugendliche sind begeistert von der stakkatohaft vorgetragenen Anklage des jungen Mannes, der insbesondere der CDU vorwirft, die Ungleichheit in der Gesellschaft zu fördern und für den Klimaschutz nichts zu tun. Politiker und Journalisten kritisieren hingegen unsachliche Tatsachenverdrehungen. Parallelwelten.

Das Kreuzberger Leibniz-Gymnasium will Schulen mit digitalen Hilfsmitteln besser machen

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf den gesellschaftlichen Riss, der mittlerweile zwischen den Generationen entstanden ist: Die ins digitale Zeitalter Hineingeborenen kennen YouTuber, Influencer und eine ganze Reihe spezieller Formate, von denen ihre Eltern oder Lehrer oft noch nie gehört haben. Sie sind in sozialen Netzwerken zu Hause, chatten dort oder stellen sich dar, ohne dass die ältere Generation eine Einsicht hat, was dort abgeht.

An keinem Ort treffen diese unterschiedlichen Welt so intensiv aufeinander wie in den Schulen. Die Schüler scheinen mit ihrem Smartphone verwachsen, während Lehrer ein Handyverbot durchsetzen sollen. Am renommierten Kreuzberger Leibniz-Gymnasium fand am Freitag eine wegweisende Veranstaltung zum Thema statt. Zehntklässler präsentierten die Ergebnisse eines dreitägigen Projekts. Es ging darum, wie Schule mit digitalen Hilfsmitteln besser gemacht werden kann. Begleitet wurden die Schüler von vier studentischen Mentoren, die die Organisation „Wissenschaft im Dialog“ stellt. Dabei entwickelten die Schüler der Klasse 10c zum Beispiel eine elektronische „Klassenzimmeranzeige“, die draußen vor der Tür auf einem Bildschirm anzeigt, welcher Lehrer und welche Schüler sich im Raum befinden. „Denn oft suchen Schüler einen bestimmten Kurs, reißen dann die Tür auf und stören den Unterricht“, sagt Zehntklässler Aaron. Mit dem Bildschirm vor der Tür sei das nicht mehr nötig. Das Ganze läuft über einen Treiber und einen WLAN-Router, der in dieser Schule mittlerweile in jedem Raum installiert ist. Der Lehrer kann die Anzeige vom Computer im Klassenraum steuern.

Die Schule setzte schon früh auf Digitalisierung

Mit den Projekttagen will Schulleiterin Renate Krollpfeiffer-Kuhring das kollaborative, projektorientierte Lernen stärken, wie sie sagt. Es helfe Schülern, wenn sie sich gemeinsam Lösungen für eine bestimmte Herausforderung suchen. Diese Art zu lernen, sei im Zeitalter der Digitalisierung angemessen. Eine andere Schülergruppe hat einen musikalischen „Unterrichtsunterbrecher“ gebaut. Wenn eine Stunde vorüber ist, ertönt statt eines schrillen Pausenzeichens ein Song. Zur ersten großen Pause ist es das Lied „Dickes B“ von Seeed. „Viele Lehrer überziehen ja ihren Unterricht“, sagt Schülerin Zoe. „Das wollen wir so verhindern.“

Andere Schüler haben mittels LED-Lämpchen und Quellcode eine „Countdownuhr“ entwickelt: Das Ende der Pause wird mit blinkenden Signalen schon früh angezeigt. Ein anderes digital programmiertes Konstrukt ist die „Komplimente-Ente“. Schlecht gelaunte Schüler drücken drauf, und die computergesteuerte Maschine wirft dann einen Sticker mit Aufschrift aus. „Du bist schön!“, steht da etwa drauf. Das soll für gute Laune sorgen.

Die Schule hat schon früh auf gutes WLAN im Gebäude gesetzt, sogar ein digitales Bewässerungssystem für den Schulgarten entwickelt. Derzeit überlegen sie hier, wie sie die Mittel aus dem Digitalpakt einsetzen sollen. „Tablets für alle Schüler“ steht hoch oben im Kurs. Das wird für Veränderungen sorgen. „Wenn ein paar Schüler gemeinsam Präsentationsarbeiten vorbereiten, treffen sich manche schon jetzt gar nicht mehr persönlich, sondern nur noch virtuell“, sagt die Schulleiterin.

Schüler sehen Digitalisierung oft als positive Entwicklung - aber nicht immer

Ingmar Meinecke ist der Informatik-Lehrer der Schule. Nicht alle Schüler seien tatsächlich internetbegeistert. „Viele machen sich auch Gedanken um den Datenschutz oder Netzsicherheit“, sagt der 45-Jährige. Er warnt vor einer einseitigen Digital-Euphorie. Man müsse einfach vieles ausprobieren. „Aber die Rolle des Lehrers wird sich ändern“, sagt Meinecke. „Er wird eher zum Mentor oder Helfer, der den Schülern zur Seite steht.“ Denn viel Wissen und Lernstoff finden die Schüler ja nun online. In Zukunft könnte es womöglich weniger klassischen Unterricht geben, sinniert Meinecke. „Vielleicht wird es mehr Selbstlernzeiten geben, in denen sich die Schüler im Rahmen des Ganztagsangebotes selbst Dinge beibringen werden.“

Ansonsten ist Meinecke dafür, vernetzte Fächer zu schaffen, in denen unterschiedliche klassische Fachrichtungen zusammengehen. „Ich freue mich, wenn Schüler in der Holzwerkstatt arbeiten und dann den Satz des Pythagoras anwenden.“ So sei der Lerneffekt größer. Letztens haben seine Schüler eine Unterrichtsreihe nur online aufbereitet, gar nichts niedergeschrieben. „Das haben sie gleich viel ernster genommen, sich mehr Mühe gegeben“, berichtet er. Aber nicht immer sei ein Lernvideo besser, es helfe mitunter schon, Dinge niederzuschreiben. Natürlich stellt sich auch die Frage, ob nicht alle Schüler Kenntnisse über Informatik und das Programmieren haben sollten. In Bayern jedenfalls ist Informatik bereits ab der 6. Klasse Pflichtfach.

Unter den Schülern ist der YouTuber Rezo natürlich auch an diesem Tag ein Thema. „Ich fand, er hat schon gut performt“, sagte ein Schüler, der aber nicht gedacht hätte, dass ganz Deutschland über das Video debattieren würde. „Im Netz gibt es doch noch viel krassere Sachen“, sagte ein anderer.