Früher lernten Grundschüler zunächst nur Rechtschreibung und Rechnen. Nun sollen sie schon als Achtjährige lernen, einen Computer zu programmieren. Dazu erhalten Schulen ab sofort 2500 Mini-Computer für ihre Drittklässler.

An der Alt-Lankwitzer Grundschule arbeitet die Klasse 3b bereits seit einigen Tagen mit den speziell gefertigten Platinen, die Calliope Mini genannt werden: Dem neunjährigen Dominique ist es bereits gelungen, mittels einer elektronischen Piano-Tastatur ein Lied darauf zu programmieren. „Ich habe das vor allem nach Gehör gemacht, es hat gut geklappt“, sagte er. Seine Mitschülerin Josephine hat die LED-Lampen auf der Platine derart codiert, dass dort nacheinander rötliche Buchstaben aufblinken, die das Wort „Herzlich Willkommen“ ergeben. „Es ist alles ganz logisch aufgebaut“, sagt die Achtjährige.

Die webbasierte Programmiersprache namens Nepo arbeitet kindgerecht mit vielen Symbolbildern. Die Schüler können den mit Sensoren ausgestatteten Mini-Computer auch fragen, wie das Wetter wird, oder nachvollziehen, wie ein Stromkreislauf funktioniert. Ab der 4. Klasse kommen mathematische Variablen zum Einsatz, später lernen die Schüler, wie Algorithmen funktionieren. In der Oberstufe sollen sie mittels Calliope gar einen autonomen Roboter steuern können.

„Für die Arbeitswelt reicht die alleinige Nutzung von Smartphones, Tablets oder Computern nicht aus, digitale Kompetenzen und Kreativität sind gefragt“, sagte Stefan Wrobel, Leiter des Fraunhofer-Institutes für Intelligente Analyse- und Informationssysteme. Diese Grundschüler sollen die Geräte beherrschen lernen – und nicht umgekehrt. Das Institut bietet Lehrern eine zweitägige Fortbildung am Wochenende, an deutschlandweit fünf Orten werden Lernmaterialien und Workshops angeboten. Nach der Fortbildung erhalten die Lehrer jeweils einen Klassensatz von 25 handtellergroßen Calliope Mini. Lehrer Martin Hort hat daran teilgenommen. Er ist begeistert, dass seine Drittklässler schon nach wenigen Tagen fast schneller sind als er.

Geld von der Industrie

Die Geldgeber dahinter sind indes Großkonzerne, die die digitale Welt beherrschen. Allen voran Google, aber auch Telekom und Microsoft kooperieren mit der Calliope gGmbH. „Wir haben eine enge Kooperation, aber das ist kein Firmensponsoring“, sagt Wieland Holfelder, Entwicklungsdirektor bei Google Germany. Firmenlogos tauchten nicht auf, stattdessen habe man extra einen sicheren Speicherplatz in einer Cloud entwickelt.

Kritischer sieht das der Bildungsautor Christian Füller. „Damit öffnet man die Schultore sperrangelweit für Google und Microsoft, die sich an diesem Projekt sofort beteiligt haben“, sagt er. „Grundschulkinder werden de facto sehr früh in die Programmiersprache von Microsoft eingesperrt.“ Die Macher indes betonen, dass auch noch eine andere Programmiersprache angeboten werde. Doch klar ist, dass die Branchenriesen längst in den Bildungsmarkt drängen.

Bei der Digitalisierung der Schulen seien starke Partner hilfreich, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). „Der Mini-Computer ist ein faszinierendes Werkzeug, das sich in unterschiedliche Unterrichtsfächer integrieren lässt.“

Kritiker Füller geht das in diesem Alter zu weit, „Mit einem Calliope ist es nicht getan, sondern die Kinder brauchen auch einen Rechner oder ein Handy, um die Platine zu programmieren“, warnt er. „Das heißt dann: Calliope bringt als Trojanisches Pferd das Zwangshandy für Drittklässler mit sich.“

Speziell für Mädchenförderung

Die wurfsternförmigen Calliope mit den bunten LED-Lämpchen, den Sensoren, Lautsprechern und Schnittstellen ist von der gemeinnützigen Calliope GmbH entwickelt worden. Die gut vernetzte Gesche Joost, Designprofessorin in Berlin, SPD-Internetspezialistin und offizielle Internetbotschafterin der Bundesrepublik, gehört hier zu den Gesellschaftern. Sie betont, dass sich insbesondere Mädchen in der 3. Klasse noch leichter für Technik begeistern lassen als später. „Das stimmt“, bestätigt Schulleiterin Angela Efinger. Schon in der 5. Klasse sei das wesentlich schwieriger, da trenne sie die Mädchen erst mal von den Jungs, um erstmals kleine Roboter zu programmieren.

Wenn das Projekt, wie Senatorin Scheeres es angekündigt hat, tatsächlich nicht nur auf 50 Schulen beschränkt bleibt, stellt sich indes die Frage, wie viele Lehrer sich freiwillig für eine Fortbildung am Wochenende zur Verfügung stellen.

Einzelne Schüler haben übrigens bereits Unzulänglichkeiten beim Calliope mini entdeckt. Dass man einmal festgelegte Dateinamen nicht mehr ändern könne, sei nicht gut, sagt ein Grundschüler. Ein erster Lernerfolg könnte das sein, will er doch die Technik verbessern.