Richtige Blasen zu machen, ist eine zentrale Kulturtechnik der freien westlichen Welt.
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BerlinAuf dem Gehweg vor dem Einkaufszentrum ganz in unserer Nähe sieht man unzählige kleine, schwarze Flecken. Es sind ausgespuckte Kaugummis, die durch massenhaftes Drüberlaufen zu Mustern auf den Wegplatten wurden. Ein Bekannter reinigt Bahnhöfe. Dort gibt es dasselbe Problem. Es sei eine Plackerei, die klebrig-feste Masse zu entfernen, sagt er. Auf Fliesen könne man sie noch recht einfach abschaben. Auf Beton jedoch müsse man sie mit Eisspray aushärten und dann mit der Drahtbürste mühevoll herauskratzen. 30 bis 60 Minuten soll die Entfernung von zehn Kaugummis dauern, teilte die Bahn mit. Vor unserem Einkaufszentrum macht man sich aber erst gar nicht die Mühe.

„Wat sind’n dit für Leute?“, fragt mein innerer Berliner. „Wer spuckt’n erst mal sein Kaujummi aus, bevor er einkoofen jeht? Oder wer kommt aus’m Laden raus und spuckt sofort uffn Jehwech? Ist dit’n Reflex oder wat?“ Ich weiß auch nicht. Habe aber eine Vermutung: Die Leute holen sich im Einkaufszentrum etwas zu essen, gehen damit raus – und dann stört sie der Kaugummi. Natürlich wäre es zu mühevoll, den nächstliegenden Abfallbehälter aufzusuchen.

Als Kind kannte ich nur Kaugummis, die nicht besonders klebten. Je länger man sie kaute, desto härter wurden sie. Irgendwann verwandelten sie sich in steinharte Murmeln, mit denen man jemandem ein Auge ausschießen konnte. Wie weich und süß waren dagegen die West-Kaugummis! Auch der Strohdümmste, der Verwandte „drüben“ hatte, konnte mit ihnen angeben. Und tat es auch.

Die Gummis waren eingewickelt in lustige Comic-Bildchen, die auf dem Schulhof getauscht wurden. Sie rochen chemisch-fruchtig. Als Spitzenprodukte der Petrochemie mit sonstwas für Zutaten waren die Gummis knallbunt, super weich und klebten wunderbar. Man hätte sie nach dem Ausspucken für einen wirklich guten Zweck verwenden können – etwa um Fenster zu kitten und Fugen zu verdichten. Meist klebte das Zeug aber dort, wo man es überhaupt nicht gebrauchen konnte: an Tischen, auf Stühlen, auf dem Boden, an Türklinken, in den Haaren.

Stopfte man mehrere Kaugummis in den Mund, konnte man am Ende stolze Blasen machen. Manche wurden so riesig, dass man fast vom Boden abhob und wie ein Ballon davonschwebte. Platzte die Blase, verklebte sie einem das ganze Gesicht. Das Zeug wurde zusammengekratzt und wieder in den Mund geschlürft, zum Weiterkauen. Als ich irgendwann in Tschechien meinen ersten West-Kaugummi ergatterte, merkte ich, dass man viel üben musste. Bei mir bekamen die Blasen schnell ein Pusteloch, aus dem – „pfff“ – die Luft entwich. Ich versagte also bei einer der zentralen Kulturtechniken der freien westlichen Welt.

Inzwischen habe ich viel dazugelernt. Aber ich kaue keine Gummis mehr. Ich habe mir damit im jungen Erwachsenenalter mindestens eine wertvolle Amalgam-Plombe aus dem Zahn geknatscht. Schlimmer sind nur noch Kaubonbons. Aber diese lösen sich wenigstens irgendwann auf. Kaugummis findet man dagegen noch nach Jahrtausenden. Die späteren Archäologen werden rätseln, was die vielen Gummiflecken zu bedeuten haben. Bestimmt irgendwas Religiöses, werden sie denken. Es ist ja immer irgendwas Religiöses.

Torsten Harmsen erzählt in loser Folge über den Wandel der Dinge im Leben.