Party auf dem Wasser – eine Lieblingsbeschäftigung der Berliner und ihrer Gäste.
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BerlinIrgendwann habe ich einmal erzählt, dass mein Opa – Jahrgang 1904 – einst ein altes Polizeiboot zu einem kleinen Familienkreuzer umbaute, mit dem wir in meiner Kindheit über Spree und Dahme schipperten. Freizeitkapitän zu sein, das war eine ernsthafte Angelegenheit. Jederzeit konnte die Wasserschutzpolizei angedüst kommen, die Papiere verlangen und einen in die Tüte blasen lassen – Alkoholkontrolle! Heute scheint es so etwas kaum noch zu geben angesichts der vielen Besoffenen und Grillwütigen, die so herumkurven: auf Party-Flößen und schlingernden Kähnen neben fetten Angeber-Yachten.

Doch auch wir machten damals mit unserem Boot „echt Party“, wie man heute sagen würde. Mit unserem Außenbordmotor Forelle 6 hörte man uns schon von weitem. Mein Opa und mein Vater kauften eine Farbe, die „Anti-Dröhn“ hieß. Es hieß, dass der Krach nachlasse, wenn man die Motorhaube von innen damit bestreiche. Viel half es nicht.

Oft soff der Motor ab. Meist war die nass gewordene Zündkerze schuld. Den Motor wieder anzulassen, war eine echte Aktion. Mein Vater betätigte hinten die Anreißleine, immer und immer wieder. Mein Opa hockte am Steuerrad hinter der Frontscheibe und bediente Gas- und Ganghebel. „Mehr Gas! Noch mehr Gaaas!“, rief es von hinten. Yoiiiiiiing! Der Motor heulte auf wie ein Kampfjet beim Senkrechtstart. Eine blaue Party-Wolke stieg in den Himmel. „Gas runter! Gang rein!“ Wir konnten weiterfahren.

Abends tuckerten wir wieder zurück, während die untergehende Sonne ihren Glitzerteppich auf dem Wasser ausbreitete. Idyllisch! Aber es gab auch immer kleine Party-Überraschungen. Einmal überflog uns ein Geschwader von Schwänen. Einer ließ über uns seine Hinterladung ab. Grüner Schlabber verteilte sich auf den Sitzen, in den Haaren. Stundenlang wurde geputzt. Eines Abends explodierte eine Leberwurst, die sich während des warmen Tages in ihrer zugeschweißten Hülle ausgedehnt hatte. Das Ergebnis war dasselbe wie beim Schwanenüberflug – nur mit Leberwurst.

Ein besonderer Partyspaß waren die Fahrten für meine Oma, die nicht schwimmen konnte. Bei jedem Wassergefährt, das hinter einer fernen Flussbiegung auftauchte, rief sie: „Passt auf, ein Dampfer!“ – „Ein Schubkahn!“ – „Ein Segelboot!“ Sie hatte Angst, dass wir mit irgendeinem Wasserfahrzeug zusammenstoßen und umkippen.

Eines Tages kam es dann zum Zusammenstoß. Ein großer Schubkahn näherte sich, der Kies oder Kohle geladen hatte. Mein Opa drehte am Steuerrad, aber das Boot reagierte nicht. Der Grund: Das Steuerseil, das von vorn zum Heckmotor führte, war verklemmt. „Det Paddel, schnell det Paddel!“, rief er noch. Doch zu spät. Rumms! – die Spitze des Bootes krachte gegen die Wand des Schubkahns. Ein Stück Holz samt Beschlag flog weg. Der Schubkahn stoppte. Der Binnenschiffer guckte über die Reling auf uns herab und fragte: „Ihr seid wohl verrückt geworden?“

Nee, das machen wir immer so! Das ist unser Party-Hobby, Schiffe versenken!, hätten wir damals sagen sollen. Aber das fällt mir heute erst ein. Meine Oma war zum Glück damals nicht mit an Bord. Sie hatte zu Hause zu tun. Es ist auch unser einziger Zusammenstoß geblieben.

Torsten Harmsen erzählt in loser Folge über den Wandel der Dinge im Leben.