Berlin - Tempo, Tempo! Am 10. Dezember geht ein weiterer Abschnitt der Schnellstrecke zwischen Berlin und Bayern in Betrieb. Mit bis zu 300 Kilometer pro Stunde werden Zugreisen nach München nur noch rund vier Stunden dauern, Nürnberg liegt knapp drei Stunden entfernt.

Doch das Milliardenprojekt betrifft nicht nur Bahnnutzer, sondern auch Fluggäste und Fernbuskunden. Die neue Hochgeschwindigkeitstrasse wird den Fernverkehr von und nach Berlin grundlegend verändern. Das erwarten Experten, mit denen die Berliner Zeitung gesprochen hat.

Die Flugreise ist kaum noch kürzer

Heute lässt sich im Vergleich zum Zug viel Zeit sparen, wenn man fliegt. Dieser Zeitvorteil wird stark schrumpfen, sagt Dieter Schneiderbauer, Chef des Beratungsunternehmens ECM Ventures in München. Er hat Gesamtreisezeiten verglichen – von Innenstadt zu Innenstadt, von Tür zu Tür.

Die Anfahrt zum Bahnhof oder Flughafen, die Aufenthalte im Bahnhof oder Flughafen sowie die Weiterfahrt zum eigentlichen Ziel wurden eingerechnet. Das Ergebnis: Wer den ICE-Sprinter von Berlin nach München nutzt, ist insgesamt 300 Minuten unterwegs – 60 Minuten länger als bei einer Flugreise. Zwischen Berlin und Nürnberg müssen Sprinterfahrgäste 240 Minuten Gesamtreisezeit einplanen – nur 40 Minuten mehr als Fluggäste.

Morgens zum Weißwurstfrühstück, ins Deutsche Museum, zum Einkaufen – und am Abend wieder nach Berlin. Dank der neuen Strecke wird die Bahn auch für Ausflüge attraktiv. „Bald ist es gut möglich, an einem Tag hin und zurück zu reisen“, sagt Christoph Gipp vom IGES Institut Berlin.

Der Marktanteil der Bahn steigt

Fast sieben Stunden – heute dauert die Zugreise Berlin–München einfach viel zu lang. Kein Wunder, dass die Deutsche Bahn (DB) auf dieser Route nach eigenen Angaben nur einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent hat. Doch nach dem Fahrplanwechsel rutscht die Fahrzeit unter den psychologisch wichtigen Schwellenwert von vier Stunden.

„Was sich die DB ausrechnet, wird eintreten: Ihr Anteil wird sich deutlich erhöhen – zulasten des Flugzeugs“, sagt Gipp. „Zwischen Berlin und München könnte er mittelfristig die 40-Prozent-Marke übersteigen, zwischen Berlin und Nürnberg halte ich mittelfristig sogar 60 bis 80 Prozent für realistisch“, so Schneiderbauer.

Es könnte weniger Flüge zwischen Berlin und München geben

Noch ist dies die aufkommensstärkste Flugstrecke Deutschlands, neun Prozent aller innerdeutschen Fluggäste sind zwischen der Spree und der Isar unterwegs. Allein im vergangenen Jahr gab es dort mehr als 16.200 Flüge mit 2,03 Millionen Passagieren, sagt Schneiderbauer.

Er erwartet nun, dass der Flugverkehr deutlich an Bedeutung verliert: Zwischen Berlin und München könnte die Zahl der Fluggäste um ein Viertel (bis zu 500.000 pro Jahr) zurückgehen. Doch zwischen Berlin und München werde es auch Flugverbindungen geben, schon allein im Anschlussverkehr. München ist ein wichtiger Knotenpunkt im internationalen Luftverkehr, ein Hub – mit zahlreichen Umsteigern.

Fliegen wird billiger

Am Freitag fliegt Air Berlin zum letzten Mal, Fachleute rechnen damit, dass auf vielen Strecken die Ticketpreise steigen werden. Für Berlin–München erwartet Schneiderbauer das nicht: „Die Flugpreise werden aufgrund der neuen Konkurrenzsituation etwas nachgeben, so dass Fliegen zwischen Berlin und München etwas günstiger wird.“

Damit rechnet auch Joris D’Incà, Partner und Transportexperte bei der Strategieberatung Oliver Wyman. Ein Beispiel sei die Strecke Mailand–Rom, wo Alitalia erfolgreich mit Hochgeschwindigkeitszügen konkurriert: „Es zeigt, dass eine solche Wettbewerbssituation dazu führen kann, dass Flugpreise sinken und sich im Ergebnis das Preisniveau im Luftverkehr dem der Bahn angleicht.“

Keine Flüge zwischen Berlin und Nürnberg mehr

Die fränkische Hauptstadt rückt näher an Berlin heran. Wenn die Fahrt im ICE-Sprinter nur noch zwei Stunden und 53 Minuten dauert, wird sich das auf den Luftverkehr auswirken, sagt D’Incà. „Für diese Verbindung ist absehbar, dass sich der Verkehr massiv vom Flugzeug zur Bahn verlagert.“

Für den Flughafen Nürnberg gehört die Route nach Berlin zu den am stärksten genutzten Verbindungen, analysiert Schneiderbauer. Im vergangenen Jahr gab es dort 3544 Flüge mit fast 239.000 Passagieren. Dank der Bahn muss sich die Flughafen Nürnberg GmbH auf Einbußen einstellen: „Zwischen Nürnberg und Berlin kann es gut sein, dass das Flugangebot deutlich reduziert oder ganz eingestellt wird.“

„Die Kapazitätsprobleme des neuen Flughafens werden sich auf diesem Weg nicht lösen lassen“

Experten warnen davor, dass der neue Berliner Flughafen zu klein sein wird. Könnte die neue Schnellbahn ihn entlasten? Schneiderbauer ist skeptisch. Nach seiner Rechnung könnte die Zahl der jährlichen Fluggäste maximal um rund 750.000 sinken.

„Auf die Gesamtzahl der Fluggäste in Berlin bezogen, wird sich dies auf die Flughafenkapazität kaum auswirken und kaum entlastend wirken“, analysiert er. „Die Kapazitätsprobleme des neuen Flughafens werden sich auf diesem Weg nicht lösen lassen“, pflichtet D’Incá bei.

Fernbuskunden wandern zur Bahn ab

„Zwischen Berlin und München wird der Fernbus Fahrgäste verlieren, wenn die Bahn ihren Fahrzeitvorsprung deutlich ausbaut. Ich gehe davon aus, dass er künftig nur noch für extrem preissensitive Kundschaft interessant sein wird“, sagt Schneiderbauer. Doch der Bus wird ein Konkurrent der Bahn bleiben, so D’Incá.

„Ein Teil der Kunden ist bereit, längere Fahrzeiten in Kauf zu nehmen, wenn der Fahrpreis niedrig ist.“ Die Bahn müsse mit weiteren Wettbewerbern rechnen: „Carsharing und Mitfahrzentralen wie Blablacar werden präsent bleiben. Ich gehe davon aus, dass ihre Bedeutung trotz des neuen Bahnangebots sogar noch zunehmen wird. In Frankreich hat Blablacar trotz TGV einen hohen Marktanteil.“

Private Fernzüge nach Bayern sind denkbar

Nicht ausgeschlossen, dass sich die DB in den kommenden Jahren mit einem weiteren Wettbewerber auseinandersetzen muss, sagt Joris D’Incá.„Fernverkehr auf der Schiene ist ein schwieriges Geschäft. Doch sicherlich ist die Verbindung zwischen Berlin, Nürnberg und München eine der wenigen Strecken in Deutschland, wo private Konkurrenz denkbar und sinnvoll wäre.“

Auch künftig wird es Sparangebote geben, beteuert die DB. Doch der Flexpreis für Vollzahler wird am 10. Dezember steigen – für Berlin–München von 132 auf 150 Euro. Das gab bereits viel Kritik. „Die Preisgestaltung muss auch der Tatsache Rechnung tragen, dass es viele sehr preissensitive Kunden gibt“, sagt Joris D’Incá.

Die Flexpreis-Erhöhung sieht er dennoch nicht kritisch: „Für Tickets, die Flexibilität ermöglichen, ist die Zahlungsbereitschaft oft hoch. Geschäftsreisende sind darauf angewiesen, dass sie umbuchen und einen anderen Zug nehmen können, wenn ein Termin länger dauert.“ Zwischen Berlin und München wird die Bahn attraktiver, bekräftigt Christoph Gipp: „Da ist es richtig, dass die Bahn mehr Geld verlangt.“