Dirk Kögler bei der Arbeit am frühen Morgen, er ist einer der letzten Kohlehändler Berlins.
Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-Neukölln - Der Tag beginnt nicht gut für Dirk Kögler. Er steht auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Britz. Um ihn herum stapeln sich meterhohe Türme aus Heizkohlen und Kaminholz, der Boden ist schlammig vom Morgentau. Es ist kurz nach sieben Uhr, Sonnenlicht kriecht langsam in diesen kalten Januarmorgen. Kögler zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Ick krieg hier langsam schlechte Laune.“

Kögler ist ein großer, wuchtiger Mann. Er trägt schwarze Arbeitskleidung und eine schwarze Baseballmütze. Man hört, dass die Zigaretten seine Stimme über die Jahre einige Intervalle tiefer gefärbt haben. Der Grund für Köglers schlechte Laune an diesem Donnerstagmorgen ist sein Gabelstapler. Der Keilriemen ist gerissen und ein neuer erstmal nicht vorhanden. „Hätte man alles gestern besorgen können“, blafft er seine Mitarbeiter an. Ein Kollege fehlt. Er hat verschlafen, wie sich bald rausstellt. „Die jungen Leute haben alle wat am Ballon“, sagt Kögler dazu. „Die wissen gar nicht, wie man richtig arbeitet. Ab Jahrgang 1975 kannste dit vergessen.“

Wie viele Wohnungen in Berlin noch mit Kohle beheizt werden, ist nicht ganz klar

Kögler, Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Kreuzberg, weiß noch, wie man arbeitet. Er hat einen Beruf, von dem man meinen könnte, er sei irgendwann im letzten Jahrhundert ausgestorben. Einen Beruf, der so gar nicht in diese Zeit und an diesen Ort passen will. Dirk Kögler ist Kohlenhändler. Einer der letzten Berlins. An sechs Tagen in der Woche liefert er mit seinen vier Mitarbeitern von seinem Lager in Britz Heizkohlen an Kunden in der ganzen Stadt aus.

An einem Donnerstag wie heute ist oft am meisten los. Doch der kaputte Gabelstapler und der Langschläfer zwingen Kögler zum Improvisieren. Im Halbdunkel geht er die mit Hand geschriebenen Aufträge des heutigen Tages durch. Dann beschließt er, dass eine Stammkundin in Falkensee erst morgen ihre Kohlen zum Heizen bekommen wird. Von ihr weiß Kögler, dass sie immer weit im voraus bestellt. Sie wird heute Abend nicht frieren müssen.

Es gibt in Berlin immer noch Wohnungen, die nicht ans Fernwärmenetz angeschlossen sind; in denen täglich der Ofen angefeuert werden muss, um es im Winter warm zu haben. Sie sind der Grund, warum es Kohlenhändler wie Kögler überhaupt noch gibt, im Jahr 2020.

Wie viele Wohnungen es genau sind, die noch mit Kohlen heizen, weiß keiner so genau. Der Berliner Senat hat nur einen Überblick über die landeseigenen Wohnungen. Hier sind es knapp 2000 Wohnungen, die ausschließlich durch das Ofenfeuer warm werden. Die Schornsteinfegerinnung Berlin schätzt, dass es zwischen 40.000 und 50.000 regelmäßig genutzter Öfen in Berlin gibt.

Die genau Anzahl seiner Kunden weiß Kögler nicht: „Wir haben ja keinen Computer.“
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Aus 900 Kohlenhändlern in Berlin wurden 10

Was sich viel anhört, ist in Wirklichkeit nur ein Bruchteil von dem, was es einst an Kohleöfen in der Stadt gab. Kamin- oder Kachelöfen waren bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Standard-Heizsystem. Früher hätte es an jeder Straßenecke einen Kohlenfritzen gegeben, sagt Kögler, der sein Büro in der Körtestraße in Kreuzberg hat. An die 900 seien es alleine in West-Berlin gegeben, schätzt her. Heute seien gerade mal noch zehn in ganz Berlin übrig. Und selbst die haben zu kämpfen. „Nur mit Kohlen geht es ja schon lange nicht mehr“, sagt Kögler. Neben Heizkohle liefert er auch Kaminholz aus. Und den Sommer, in dem früher Kohlen für die kalten Monate eingekellert wurden, muss Kögler mit anderen Arbeiten überbrücken. Er macht Fahrten für den Pflanzengroßhandel oder hilft bei Entrümpelungen.

Die erste Tour mit Heizkohlen geht heute nach Treptow. Ein sozialer Träger, der mehrere Wohnungen als Übergangshaus für Obdachlose betreibt, hat insgesamt fünf Tonnen Kohlen bestellt. Zwei wurden schon letzte Woche geliefert. Heute kommen die nächsten zwei, bevor morgen die letzte Tonne folgt. Kögler hat seinen alten Mercedes-Truck, Baujahr 1965, schon gestern Abend beladen. 40 Säcke mit jeweils 50 Kilogramm Kohlen stehen dicht an dicht auf der Ladefläche. Kögler hat noch zwei kleinere Laster, mit dem seine Mitarbeiter Holz und Kohlen ausfahren. Den großen 7,5-Tonner fährt nur er. „In den 70ern hatten wir mal zehn Laster“, sagt Kögler. Sein Urgroßvater mütterlicherseits hat das Unternehmen Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet. Später habe sein Vater übernommen, der mit 75 auch heute noch mindestens einmal in der Woche ins Büro kommt.

Kohlehändler: Ein Knochenjob

In Treptow, beim Übergangshaus, angekommen, klappen Kögler und sein Mitarbeiter Emo die seitliche Ladebordwand herunter. Bei dem was nun folgt, würde jeder Physiotherapeut wohl einen Herzinfarkt kriegen. Der 50-Jährige greift sich mit einer Hand einen der zentnerschweren Säcke, wuchtet ihn auf seinen Rücken und watschelt dann mehr als dass er läuft in den Hinterhof, die Treppe zum Keller hinunter, wo er den Sack in einem Lagerraum ausschüttet. Knapp eine dreiviertel Stunde brauchen er und Emo für die 40 Säcke. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Knochenjob. Der Schweiß auf Köglers Gesicht mischt sich nach wenigen Minuten mit dem Ruß der Kohlen. „Sechs Wochen kannst du das maximal am Stück machen“, sagt Kögler. „Dann brauchst du eine Pause.“

Dirk Köglers Tag wird unterdessen nicht besser. Eine Palette mit Kaminholz ist abgerutscht und hängt eingeklemmt zwischen zwei Paletten-Türmen. Da immer noch kein neuer Keilriemen für den Gabelstapler da ist, fragt Kögler schnell beim „Gerüstfritzen“ nebenan nach, ob er ihm seinen Gabelstapler leihen kann, um die Palette wieder auf ihren Platz zu heben.

Es sind diese kleinen Probleme, die oft an der Laune des ansonsten fröhlichen Kögler zehren. Dennoch mache ihm sein Job Spaß, sagt er. Dass er Kohlenhändler geworden ist, hat Kögler einem historischen Moment zu verdanken. Während seiner Schulzeit hilft er nachmittags manchmal beim Kohlenausgetragen im Betrieb seiner Eltern aus. Aber das Geschäft hat seinen Zenit schon damals überschritten. Um nicht alles auf die Kohlen zu setzen, macht Kögler eine Lehre zum Speditionskaufmann. In der Zwischenzeit gehen noch ein paar Öfen mehr aus, doch dann kommt das Jahr 1989.

„Wäre die Mauer nicht aufgegangen, hätte ich nicht weitergemacht“, sagt Kögler heute. Auf einmal steht den Kohlenhändlern eine halbe Stadt mehr zur Verfügung. „Wir dachten damals, jetzt haben wir für die nächsten 40 Jahre zu tun.“

Nicht darüber nachdenken

Doch der Wende-Kohle-Boom ist ein kurzer. Blockweise werden im Osten bald schon Häuser saniert. „Wofür sie im Westen 40 Jahre gebraucht haben, haben sie im Osten in fünf Jahren gemacht“, sagt Kögler. Schon Mitte der 90er gehen die Aufträge wieder zurück.

Dirk Kögler ist nun häufiger im Büro, nimmt Aufträge an, schreibt Rechnungen. Nur am Donnerstag, wenn sie besonders viele Aufträge haben, hilft er nun noch mit beim Ausliefern. Zwei Touren macht Kögler an jenem kalten Donnerstag im Januar noch. Um 19 Uhr, nach zwölf Stunden, ist sein Tag vorbei. Die Palette sitzt wieder aufrecht, und selbst der Gabelstapler ist repariert. Zum Schluss belädt Kögler noch einen seiner kleineren Trucks, damit es morgen um sieben Uhr wieder losgehen kann.

Wie lange man Kögler noch mit seinem alten Laster durch die Stadt fahren sehen wird, wie lange er Kohlen schleppen wird, darüber mache er sich nicht allzu viele Gedanken. Noch gebe es ihn ja. Die genau Anzahl seiner Kunden weiß Kögler nicht: „Wir haben ja keinen Computer.“

Zwar gehen immer mehr Öfen in Berlin endgültig aus, aber bisher konnte Kögler das gut mit anderen Arbeiten kompensieren. Nur wenn mal wieder einer seiner noch wenigen verbliebenen Konkurrenten aufgibt, merke er einen kleinen Sprung bei den Anrufen.

Na klar freue er sich dann über diese neuen Aufträge, sagt Kögler. Aber es sei immer auch ein wenig traurig. Früher hätte man an jeder Ecke einen Kohlenfritzen getroffen. „Man hat sich gegrüßt, man hat kurz gequatscht“, sagt Kögler. „Und bei denen wusste man: Die machen die gleiche Scheiße wie wir.“