Am Montag kamen 170 Leute in Brandenburg/Havel zur Demo des Pegida-Ablegers „Bramm“ – Brandenburger für Meinungsfreiheit und Mitbestimmung. Die Gegendemo zählte 500 Leute. Ein Gespräch mit Dirk Wilking, Chef einer Initiative gegen Rechtsextremismus, über die Ängste der Islam-Gegner und die Unterschiede zwischen Sachsen und Brandenburg.

Herr Wilking, haben Sie sich Demonstrationen gegen die Islamisierung des Abendlandes und gegen die aktuelle Asylpolitik angeschaut?

Na klar. Ich schaute bei Demos in Oranienburg und Wittstock zu.

Sachsen ist die Heimat der Pegida mit tausenden Demonstranten, in Brandenburg gehen nur wenige zu ähnlichen Demos: In der Stadt Brandenburg waren es am Montag 170, in Königs Wusterhausen vergangene Woche zehn Leute, in Oranienburg 250. Überrascht Sie das?

Nein, wir haben schon im vergangenen Jahr damit gerechnet, dass das in Brandenburg floppt. Ein Grund dafür: Die hochengagierten Frustrierten fahren lieber zum erfolgreichen Original nach Sachsen, als sich mit dem müden Abklatsch hier zu begnügen.

Wer demonstriert dort? Je nach Studie sind es mal recht gebildete Leute, die wütend sind auf die politische Klasse, mal sind es Islam-Gegner.

Es ist ein sehr heterogenes Bild, und bei der winzigen Zahl der Teilnehmer in Brandenburg recht schwer zu sagen. Aber es sind wohl Menschen, die Ängste haben in der Risikogesellschaft. Es ist nicht das Subproletariat, sondern es sind Leute mit Angst vor Verlusten. Viele, die dort mitlaufen, sind nicht so sehr politikverdrossen, sondern verwaltungsverdrossen. Sie haben viele Negativerfahrungen gemacht und Schwierigkeiten, im politischen Spektrum anzudocken, denn wertkonservative und traditionalistische Haltungen sind in der Parteienlandschaft kaum noch repräsentiert.

"Kaum Abgrenzungen zu Neonazis"

Die sächsischen Aktivisten dieser Bewegung versuchen, sich offiziell von Neonazis abzugrenzen. Wie sieht es in Brandenburg aus?

In Brandenburg gibt es kaum Abgrenzungen. Die meisten Organisatoren sind parteipolitisch ganz klar im äußerst rechten Spektrum organisiert: in Brandenburg/Havel die Republikaner, in Frankfurt (Oder) Die Rechte, in Oranienburg die Autonomen Nationalisten, mit dem Bruder eines Mannes aus dem NSU-Umfeld. Die NPD spielt keine Rolle, die ist derzeit platt in Brandenburg.

Es heißt, es sind oft die selben Demonstranten. Stimmt das?

Manchmal ist es eine Karawane. Die Autonomen Nationalisten gehen zu mehreren Demos. Das ist durchaus eine Reisegesellschaft.

Spielt es eine Rolle, dass die Kritiker der Flüchtlingspolitik mit AfD-Vizechef Alexander Gauland bereits eine politische Stimme im Brandenburger Parlament haben?

Ich denke nicht, dass es die Stimme ist, denn Gauland vertritt nicht unbedingt deren Meinung. Aber er ist quasi der Andockpunkt in der Zivilgesellschaft. Denn viele wollen nicht auf Demos, das gilt für sie als quasi-militant und suspekt. Und dann auch noch mit dem Geruch, rechtsextrem zu sein.

Erfolgreiche Stigmatisierung rechter Themen

Nach der Wende galt Brandenburg als eine der Hochburgen für Neonazis. Laut offizieller Statistik gab es im bevölkerungsarmen Brandenburg ähnlich viele Todesopfer rechtsextremer Gewalt wie im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen. Hat sich in Brandenburg über die Jahre etwas geändert?

Der Rechtsextremismus und die Themen dieser Extremisten – wie zum Beispiel die pauschale Fremdenfeindlichkeit oder auch grundsätzliche antidemokratische Vorstellungen – wurden klar stigmatisiert. Mit Erfolg.

Brandenburgs Politiker sagen oft, dass die vielen Initiativen gegen Neonazis halfen, das gesellschaftliche Klima zu verbessern. Wie sehen Sie das?

Der Begriff vom Toleranten Brandenburg ist inzwischen zum gesellschaftlichen Konsens geworden und Teil der Landesidentität. Es gibt nicht mehr die schweigende Opposition gegen Neonazis, sondern seit etwa zehn Jahren eine aktive Gegnerschaft. Kaum melden Rechtsextremisten eine Demo an, gibt es Gegenaktivitäten mit deutlich höherer Beteiligung. Da kommen dann auch viele aus dem konservativen Raum.

Lokalpolitiker beklagen sich oft, dass sie nicht rechtzeitig informiert werden, wenn bei ihnen ein Asylbewerberheim eingerichtet werden soll. Wie sieht es in Brandenburg aus?

Wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren die Landkreise so früh wie möglich beraten und die Bevölkerung eingebunden. Wenn sich Politiker in Bürgerversammlungen dem Thema stellen, führt das zwar auch zu Protest, aber den Gegnern wird auch sofort klar, dass sie nicht die schweigende Mehrheit vertreten, weil sich immer Sportvereine oder andere finden, die Hilfsangebote machen. Das trägt zur Deeskalation der Lage bei. Aber ob bei den vielen neuen Unterkünften, die in diesem Jahr gebraucht werden, genug Zeit bleibt für diese Strategie, muss sich erst noch zeigen.

Interview: Jens Blankennagel