Am 7. Oktober feiert Dirk Zöllner im Pfefferberg-Theater die schon ausverkaufte Premiere seines neuen Buchs „Herzkasper“, mit dem er auf musikalische Lesetour gehen wird.
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BerlinSo mancher seiner Kollegen wurde durch Corona schon auf den Gedanken gebracht, sich einen neuen Job zu suchen. Für den Berliner Sänger und Bandchef Dirk Zöllner kommt das gar nicht in die Tüte: „Musikmachen für die Begegnung unterschiedlichster Menschen ist der schönste Beruf der Welt. Da möchte ich nicht tauschen.“

Die unfreiwillige Untätigkeit endete für Zöllner, der so gern auftritt, im August: „Seitdem bin ich relativ viel unterwegs. Gleich im August waren es zwölf Konzerte. Das hat mich überrascht und fast überfordert. Ich musste erst mal wieder singen lernen. Und vor allen Dingen musste ich erst mal wieder trinken lernen.“

Am 7. Oktober feiert Zöllner im Pfefferberg-Theater die schon ausverkaufte Premiere seines neuen Buchs „Herzkasper“, mit dem er auf musikalische Lesetour gehen wird. Und zwar immer in Begleitung von André Drechsler, dem Bassisten von Pankow und Ex-Gitarristen von Jessica. „Das mit André Drechsler macht riesigen Spaß. Ich bin dazu mehr oder weniger wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Eigentlich hatte ich ihn nur gebeten mitzukommen, weil ich mich nicht traue, alleine Auto zu fahren.“ Das klang jetzt seltsam und Zöllner schiebt direkt die Erklärung hinterher: „Ich habe erst mit über 50 den Führerschein gemacht und fahre richtig scheiße. Es gibt so Tage, an denen ich gar nicht fahren kann. Also dachte ich mir: Ich fahre mit André, da kann er auch gleich was spielen. Und auch was lesen.“ Wie gut er mit ihm auf der Bühne harmoniert, weiß Zöllner schon länger: „Ich habe ihm eine richtige Rolle ins Buch geschrieben, die des unterforderten Herzens. Bisschen kitschig, aber sehr schön.“

Die Pandemie und der von ihr ausgelöste große Stillstand haben den Köpenicker, der am Wasser lebt, nachdenklich gemacht: „Ich kann jetzt auf den Grund der Dahme blicken. Das hat wahrscheinlich auch was mit Corona zu tun. Das Wasser ist sauberer.“ Er findet, dass eines nach Corona nicht passieren darf, nämlich ein Weiter-so auf der Basis unseres Verhaltens vor der Pandemie: „Wir müssen anfangen, uns Gedanken darüber zu machen, wie die Zukunft aussehen wird. Es ist höchste Zeit, dass auch die Künstler anfangen, darüber Gedanken zu formulieren, was wir wollen, wenn die Karre wieder losfährt. Ist es wirklich wichtig, dass die Karre in dieselbe Richtung fährt wie zuvor? Und in dem Tempo, das wir vorher hatten? Müssen wir wirklich mit Flugzeugen an irgendwelche Küsten gebracht werden, wo Betonbunker stehen?“ Wie viele andere Menschen hat auch er in dieser Zeit gelernt, wie schön die eigene Heimat sein kann, wenn man einfach mal die Autobahn verlässt und Landstraße fährt: „Ich habe das neu entdeckt.“

Fast 45 Jahre hat Zöllner, wie er selbst sagt, „die Hippienummer durchgezogen“. Die Frage, was danach kommt, versteht er nicht: „Aus der Nummer kommt man nicht raus. Dieses ewige Kind bin ich sehr gern und bewusst.“

An einer Stelle seines Buchs weist Zöllner ausdrücklich darauf hin, dass er gerade in „stocknüchternem Zustand“ schreibt. Der Leser fragt sich da sofort, ob der Rest von „Herzkasper“ im Rausch entstand. Er gibt zu: „Das ist früher wirklich passiert. Aber dieses Buch habe ich zum größten Teil im Auto geschrieben. Oder früh, bevor die Kinder aufgestanden sind. Insgesamt also recht nüchtern, wenn nicht sogar komplett nüchtern.“

Ob es Ermahnungen aus dem „Zirkus Zöllner“ (wie er seine Großfamilie aus Kindern und Ex-Frauen nennt) gab, bloß nicht zu Intimes in seinem neuen Buch auszuplaudern? Die Frage trifft den Sänger nicht unvorbereitet: „Diese Lektion habe ich durch meine Biografie gelernt, die ich vor acht Jahren geschrieben habe. Da bin ich vielleicht ein bisschen zu leichtfüßig mit manchen Sachen umgegangen und habe durchaus auch Freundschaften in Gefahr gebracht.“ Diesmal durften alle, bei denen er sich verbal in Grenzbereiche vorwagte, die betreffenden Passagen vorab sehen. Dirk Zöllner hat aus einem Schaden gelernt, den ihm seine Biografie einbrachte: „Mein Onkel Werner aus dem Spreewald spricht nicht mehr mit mir.“

Mensch, Werner, gib dem Jungen doch noch eine Chance! Er klingt echt zerknirscht, wenn er das erzählt.