Berlin - Ihren Hauptsitz hat die Organisation in New York, gegründet wurde sie 1979 von dem US-Milliardär George Soros. Die „Open Society Justice Initiative“ ist weltweit tätig und erreichte zum Beispiel, dass Roma-Kindern in Tschechien keine getrennten Schulen mehr besuchen müssen. Die Menschenrechte sind das Hauptanliegen der Initiative. Man denkt ans große Ganze.

Nun hat die US-Organisation ein neues Betätigungsfeld entdeckt: Berlin. Kinder aus Zuwandererfamilien würden an hiesigen Schulen diskriminiert. Im Schöneberger Rathaus wird diese These an diesem Freitag in einer öffentlichen Tagung erörtert. Die Hälfte aller Berliner Kinder ohne Migrationshintergrund mache Abitur, von den Kindern nichtdeutscher Herkunft aber nicht einmal ein Drittel, so die Initiative. An den Gymnasien scheitern doppelt so viele Migrantenkinder am Probejahr wie Kinder deutscher Herkunft. Diese Zahlen sind unbestritten. „Wir wollen nicht immer nur über Integration, sondern auch über Diskriminierung sprechen“, sagt Betsy Apple, eine New Yorker Juristin und Aktivistin der Organisation am Donnerstag.

Eliteklassen mit deutschen Kindern?

Des Weiteren macht die Initiative einigen Schuldirektoren den Vorwurf, Eliteklassen mit ausschließlich Kindern deutscher Herkunft einzuführen, während der Migrantenanteil in anderen Klassen viel höher sei. Die Open Society hatte auch jüngst Eltern von drei türkisch- und arabischstämmigen Schülern bei einer Klage vor dem Verwaltungsgericht unterstützt. Deren Kinder hätten angeblich das Probejahr am Leonardo-da-Vinci-Gymnasium nicht bestanden, weil der Migrantenanteil in ihrer Klasse mit 63 Prozent viel höher gewesen sei als in den Lateinklassen mit vornehmlich deutschen Kindern. Das Gericht verwarf die Klage, sprach gar von einer strategischen Prozessführung im Sinne der Open Society Justice Initiative.

Genau das sei es gewesen, bestätigte nun die Initiative. „Wir stimmen mit der Gerichtsentscheidung aber nicht überein“, sagt Apple. Da zwei der drei Schüler nach einem Jahr Gymnasium fast nur Fünfen auf dem Zeugnis hatten, hielt sich die allgemeine Empörung jedoch in Grenzen. Die US-Organisation sei schlecht beraten gewesen, mit diesem Fall in die Öffentlichkeit zu gehen, heißt es. „Diese Menschen hatten den Mut, vor Gericht zu ziehen“, entgegnet Apple.

Im Rathaus Schöneberg hat die Initiative nun Fotos von Menschen angebracht, die von ihren Diskriminierungserfahrungen berichten: „Benimm dich wie in Mitteleuropa!“ würden manche Lehrer zu migrantischen Schülern sagen, berichtet GEW-Landesvorstand Norbert Böhnke, selbst Lehrer. GEW und Migrationsrat haben die Tagung mitorganisiert und fordern eine zentrale Beschwerdestelle.

Senatorin zeigt Verständnis

„Wir nehmen das Anliegen der Initiative ernst“, sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) der Berliner Zeitung. „Der Vorwurf von ,Migrantenklassen‘ an Gymnasien greift allerdings nicht, wenn damit gemeint sein sollte, dass Klassen mit Kindern gebildet werden, weil sie Migranten sind.“ Das sei schulrechtlich verboten. Für den Ausgleich sozialer oder sprachbedingter Nachteile stelle der Senat erhebliche zusätzliche Lehrerstunden zur Verfügung. „Und gerade das Berliner Losverfahren für die Aufnahme in die weiterführenden Schulen bietet allen Kindern die gleichen Chancen, auf eine Schule ihrer Wahl zu kommen“, betont Scheeres.