Das Drama an der Tempelhofer Johanna-Eck-Schule (JES) geht weiter, und es ist kein Ende in Sicht. Der Berliner Zeitung liegen 21 eidesstattliche Versicherungen vor, in denen Lehrer beteuern, dass sie keine rassistischen Vorfälle and der Schule erlebt haben. Zuvor hatte die B.Z. darüber berichtet, ausgerechnet die Antidiskriminierungsbeauftragte der Bildungsverwaltung, Saraya Gomis, sei in der Schule rassistisch gemobbt worden. In dem Bericht bestätigte eine Sprecherin der Bildungsverwaltung disziplinarische Ermittlungen, auch weil Gomis nach einer internen Sitzung mit Tierlauten verabschiedet worden sei – im Treppenhaus der Schule.

„Hoffentlich bewirken wir etwas“

Vier der Lehrer wollen am Freitagnachmittag die eidesstattlichen Versicherungen und einen Protestbrief mit 24 Unterschriften in der Bildungsverwaltung am Alexanderplatz übergeben. Sie sind ein bisschen aufgeregt. „Für wen?“, fragt der Pförtner im Gebäude. „Für Frau Scheeres“, antwortet eine Lehrerin. Die Bildungssenatorin. Doch kein Mitarbeiter der Verwaltung findet die Zeit, den Brief entgegenzunehmen. Der Pförtner nimmt ihn schließlich. „Hoffentlich bewirken wir etwas“, sagt eine Lehrerin danach.

Unter Eid falsch auszusagen, wird mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren bestraft. Die Erklärungen der Lehrer wiegen also schwer. Die Behörde ist nun unter Zugzwang, denn die erhobenen Diskriminierungsvorwürfe liegen bereits ein Jahr zurück. Fragen, wieso sie plötzlich zum Thema werden, beantwortet die Verwaltung ausweichend.

Es geht mittlerweile nicht nur um Missstände an der Schule, sondern immer mehr auch darum, wie die Bildungsverwaltung Informationen lanciert, um Stimmungen in eine bestimmte Richtung zu steuern. Unbenommen davon ist, dass es tatsächlich Fehler einzelner Lehrer gab. Doch diese sind bereits vor einem Jahr an andere Schulen versetzt worden. Etwa jene Lehrerin, die in einem Affenkostüm vor dem Büro der Schulaufsicht gegen das „Affentheater“ an ihrer Schule protestierte.

Rückblick: Die Berliner Zeitung hatte vor Wochen mit Recherchen zu dem Fall begonnen und am Wochenende dazu eine Geschichte veröffentlicht. Sie handelt davon, wie eine neue Schuldirektorin und die Senatsverwaltung ein bundesweit ausgezeichnetes Integrationskonzept beschädigen. Dabei mussten laut Aussagen verschiedener Lehrer 16 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund die Schule im letzten Schuljahr verlassen. Womöglich ein Fall von Diskriminierung, mutmaßen Lehrer.

Wenig Fingerspitzengefühl

Das Pikante dabei: die Direktorin selbst, Mengü Özhan-Erhardt, ist Berlins einzige türkischstämmige Pädagogin, die eine staatliche Oberschule leitet. Eine verzwickte und schwierige Geschichte. Wer nach den Ursachen forscht, stößt auf eine Lehrerschaft, die sich abkapselt und beginnt, gegen eine Direktorin zu kämpfen, der sie selbst ins Amt halfen. Und auf eine Direktorin, die teilweise wenig Fingerspitzengefühl für Personalführung zu haben scheint und überfordert wirkt. Unterstützt von der Bildungsverwaltung, zu der sie enge Beziehungen pflegt.

Als Gründe für das immer härtere Vorgehen seitens der Direktorin und der Senatsverwaltung werden „schwarze Kassen“ genannt. Gemeint ist ein Safe, den die Direktorin gefunden habe, heißt es. 20.000 Euro in bar sollen darin gelegen haben, obwohl Schulen Konten führen müssen. Ein laxer Umgang mit Geld, aus Sicherheitsgründen dürfen maximal 750 Euro in einem Schultresor aufbewahrt werden.

Fragwürdiger Umgang mit dem Geld

Nun gehen viele Berliner Schulen ideenreich mit ihren Einnahmemöglichkeiten um, es gibt Schülerfirmen oder Sponsorenläufe, bei denen Eltern und Verwandte Tausende von Euro spenden. Oft in bar. Von Bereicherung einzelner ist im Fall der JES nie die Rede. Auch seien sechs wöchentliche Stunden für den evangelischen Religionsunterricht für die Schulstation zweckentfremdet und falsch abgerechnet worden. All das wird ins Feld geführt, um zu belegen, was für eine lotterhafte Schule die JES sei.

Der fragwürdige Umgang mit dem Geld wird der Konrektorin angelastet, die zwangsversetzt wird. Dabei sind die Direktoren für Finanzen zuständig. Nicht die einzige Merkwürdigkeit in der Geschichte. Die JES, die in den vergangenen Jahren nicht nur Preise für verdienstvolle Integrationsarbeit bekam, sondern auch von Senatorin Sandra Scheeres mit Applaus bedacht wurde, verwandelt sich durch den B.Z.-Bericht in eine verkommene Problemschule – eine Art Rütli 2.

Lehrer geraten ins Visier

Der B.Z.-Artikel erscheint nur einen Tag vor der Veröffentlichung der Berliner Zeitung. Er nimmt die rebellischen Lehrer ins Visier und nicht die Verwaltung oder die Direktorin. Während die Berliner Zeitung mehrfach bisher vergeblich versuchte, mit Mengü Özhan-Erhardt zu sprechen und nur Ablehnungen erhielt, die von der Bildungsverwaltung übermittelt wurden, gibt sie der B.Z-Redakteurin ein Statement.

Nun heißt es, die Lehrerinnen und Lehrer seien rassistisch und diskriminierten die Direktorin und die Antidiskriminierungsbeauftragte Saraya Gomis. Der Kernsatz der Story, der seither alle anderen Missstände überstrahlt, bezieht sich auf Gomis: „Als sie zum Gespräch mit den Lehrern kam, wurde sie mit Affengebrüll begrüßt, während sie redete, mit den Füßen getrampelt“, schreibt die B.Z.-Redakteurin. Eine andere Lehrerin habe ein Diskriminierungsspiel erfunden und mit einer Affenmaske protestiert.

Fassungslosigkeit bei den Lehrern

Eine Kollegin des Tagesspiegel recherchiert daraufhin weiter und wundert sich: „Hinter der Veröffentlichung der schon etwa ein Jahr zurückliegenden Vorgänge zum jetzigen Zeitpunkt“, schreibt sie mit Bezug auf Aussagen von Lehrern, stecke womöglich „ein „Manöver“ der Verwaltung, um von „Defiziten“ bei der Amtsführung der umstrittenen Leiterin abzulenken, denn „die Verwaltung wusste, dass die Berliner Zeitung einen Artikel vorbereitete“.

Nach dem Erscheinen des B.Z.-Artikels treffen sich 14 Lehrer in ihrer Stammgaststätte und sind fassungslos.

Für diese Lehrer ist Integration nicht nur ein Konzept, sondern eine Berufung. Das verdeutlichen stundenlange Gespräche mit rund einem Dutzend von ihnen, die die Berliner Zeitung führte. Aber nun gelten sie plötzlich als Rassisten, welche die Antidiskriminierungsbeauftragte wegen ihrer Hautfarbe mit Affengeräuschen begrüßen.

Die Antidiskriminierungsbeauftragte Gomis war zweimal an der Schule. Schon beim ersten Treffen im Juli 2017 formulierte sie abstrakte Diskriminierungsvorwürfe an das Kollegium. Auf mehrfache Nachfragen, worum es genau gehe, erhielten die Lehrer bis heute keine Information, berichten sie. Der Vorfall, auf den sich die B.Z. bezieht, muss sich beim Folgetreffen ereignet haben: am 4. Oktober 2017. Nach drei Monaten Wartezeit wollten die Lehrer bei diesem Treffen nun endlich wissen, was ihnen vorgeworfen würde.

Eine Lehrerin, die später mit einer Affenmaske vor dem Regionalbüro der Schulaufsicht protestiert, fragt immer wieder nach und setzt sich schließlich protestierend in die erste Reihe. Doch auch bei diesem Treffen wird Gomis nach Aussagen vieler Lehrer nicht konkret beleidigt. Sie hält stattdessen einen Vortrag über Vorurteile, die unbewusst verankert seien, und über verschiedene Formen der Diskriminierung.

„Die Leute, die an dieser Schule arbeiten, haben sich diese Schule ausgesucht“, sagt ein Lehrer. „Hätte ich das mitbekommen, hätte ich den- oder diejenige zur Rede gestellt“, sagt eine Lehrerin zu den Vorwürfen. „Ich habe das nicht gehört oder gesehen“, sagt ein anderer. Mehrfach bestätigen das auch verschiedene Lehrer an diesem Nachmittag.

Verwirrspiel um neuen Vorwurf

Sie beratschlagen, was sie tun sollen, und entschließen sich, einen Brief an die Direktorin und an die Bildungsverwaltung zu schreiben, in dem sie diese zu einer Richtigstellung auffordern. Die Bildungsverwaltung präzisierte am Freitag, dass sie sich bei den Vorwürfen auf die Angaben von Saraya Gomis beziehe. An Gomis soll auch ein sogenanntes Diskriminierungsspiel mit Affen-Sticker geschickt worden sein. Das lancierte die Pressestelle vor einigen Tagen. Erst auf Nachfrage räumt man nun dort ein, dass auch das schon vor knapp einem Jahr passiert sein soll.

Offen bleibt die Frage, warum mehrere Schüler die Schule verlassen mussten, die eines eint: ihre nichtdeutsche Herkunft. Jens Großpietsch, einer der angesehensten Schulleiter Berlins, sagt: „Die Schule hatte früher zu Recht einen guten Ruf. Nun müssen die Schüler endlich wieder im Mittelpunkt stehen.“