„Tür auf, Tür auf“, brüllten diejenigen, die zu spät gekommen waren – wobei zu spät immerhin eine halbe Stunde vor offiziellem Veranstaltungsbeginn war. Das ist ein schöner Erfolg für eine Podiumsdiskussion an einem Freitagabend, die im Kulturzentrum Sebastian Haffner an der Prenzlauer Allee stattfindet. Und es lag zweifelsfrei am Diskutanten und am Thema:

Wohnungsbau-Staatssekretär Andrej Holm (parteilos, für Linke) stellte sich öffentlich den Vorwürfen wegen seiner Stasi-Vergangenheit. Und so viel lässt sich festhalten: Die Debatte über Holms Umgang mit seiner Biografie bewegt keineswegs nur die Medien, sie interessiert ein breites Publikum, in diesem Fall rund 250 Menschen im Saal und 50 weitere vor der Tür.

Holm stellte sich diesem Publikum – die „Tür auf“-Rufe verstummten übrigens, nachdem ein Lautsprecher vor den Saal gestellt wurde – bei einer Diskussion mit dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk von der Stasi-Unterlagenbehörde. Die beiden sind ungefähr gleich alt, stammen beide aus der DDR – und standen vor dem Mauerfall auf unterschiedlichen Seiten.

„Meine Zukunft lag mit 15 Jahren hinter mir“, sagte Kowalczuk. Als Teenager schien für ihn festzustehen, dass er auf ein Studium, nicht mal auf das Abitur eine Chance haben würde. Ein Abweichler, ein Verdächtiger, da hatte sein Leben kaum begonnen. Für Holm war es anders, er stand auf der richtigen Seite, die dann zur falschen wurde.

Holm und Kowalczuk kennen sich, sie duzen sich. Und Kowalczuk begann damit, Holm in Schutz zu nehmen. „Wer mit 14 Jahren zu solchen Entscheidungen gedrängt wird, ist ein Opfer des Regimes“, sagte er über Holms Stasi-Verpflichtung als Jugendlicher. Auch die Entscheidungen eines 18-Jährigen dürften nicht über sein gesamtes weiteres Leben bestimmen. Er wies dann auch noch darauf hin, dass viele frühere SED-Kader heute rehabilitiert sind. „In der Linke-Bundestagsfraktion sitzen frühere Kader, die viel mehr auf dem Kerbholz haben als der junge Andrej Holm.“

Kowalczuk: „Staatssekretär Holm hat nicht geleistet, was von ihm zu erwarten ist“ 

Doch die Geschichte geht eben weiter, mit all ihren Widersprüchen. Heute ist Holm nicht mehr 18-jähriger Offiziersschüler, sondern 46-jähriger Staatssekretär. „Und der Staatssekretär Holm hat nicht geleistet, was von ihm zu erwarten ist“, sagte Kowalczuk.

Was er von Holm vermisst, sind klare Begriffe. Dass er etwa keinen Unterschied darin erkennen wolle, ob er als Offiziersschüler schon als hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter zählte oder nicht.

Holm hingegen – wie Kowalczuk saß er ganz in Schwarz gekleidet auf dem Podium – vermisst Fairness im Umgang. Er habe doch ganz klar gesagt, dass er als junger Mann eine hauptamtliche Stasi-Tätigkeit angestrebt habe, sagte er. Er habe klar eingeräumt, dass er dadurch zum Teil eines verbrecherischen Systems geworden ist. Er habe deutlich gesagt, dass das der schwerste Fehler seines Lebens gewesen sei. Und er habe berichtet, woran er sich erinnern könne, und das sei im Übrigen mehr, als aus den Akten hervorginge. „Aber meine Erinnerungen scheinen immer die falschen zu sein.“

Der eine Punkt, an den sich Holm falsch erinnerte, war im Jahr 2005, als er – wie nun vielfach berichtet – bei seiner Einstellung an der Humboldt-Universität ankreuzte, er habe Wehrdienst beim Stasi-Wachregiment geleistet. Kowalczuk äußerte sogar dafür Verständnis: „Er hätte sonst keine Chance im öffentlichen Dienst gehabt.“ Und als Konsequenz dieser verständlichen falschen Angabe sitze er nun hier.

Andrej Holm: „Mein Anwalt würde mich in den Folterkeller stecken“

Gerade zu diesem Vorgang konnte Holm nichts sagen, weil an der HU derzeit eine arbeitsrechtliche Prüfung läuft, in deren Rahmen er sich bis zum 12. Januar offiziell äußern soll, die Frist wurde gerade verlängert. „Mein Anwalt würde mich in den Folterkeller stecken, wenn ich dazu etwas sagen würde.“

Dafür wurde deutlich, dass Holm mit seinen verschwimmenden Erinnerungen bislang ganz gut leben konnte. „Ich weiß ja, was ich getan habe“, sagte er, und man kann das paradox finden, weil er die Lücken in seiner Erinnerung immerzu einräumte. Warum er denn nicht in seine Akte geschaut habe, wurde er aus dem Publikum gefragt. „Weil es keinen Anlass dazu gab“, sagte Holm. Die meisten anderen Ostdeutschen hätten ihre Akten ja auch nicht angeschaut. Immerhin: Sehr präzise konnte er immerhin erklären, warum er genau sagen konnte, dass er nicht im Einsatz gegen Demonstranten war. Diese Erinnerung habe er mit Bekannten abgeglichen.

Was nun daraus folgt? „Jede Entscheidung in diesem Fall wird fehlerbehaftet sein“, sagte Ilko-Sascha Kowalczuk, ob Holm nun bleiben dürfe oder gehen müsse.

Das Publikum bestätigte diese Einschätzung. Es wurde zu den gegensätzlichsten Positionen gejohlt, gepfiffen und gebrüllt, teilweise mit sehr hässlichen Worten. Übel beschimpft wurde auch ein Journalist vom Tagesspiegel, weil er sich als solcher zu erkennen gab. Und mit Gebrüll wurde auch der Satz der Moderatorin bedacht, die nach 80 Minuten einen Seitenhieb Kowalczuks gegen Holm kommentierte mit: „Das ist doch ein schönes Schlusswort.“