Eine Nacht im ewigen Winter 2013, es ist gleich 2 Uhr an der Skalitzer Straße. Etwa 70 Leute trotzen dem Schneetreiben und hoffen auf Einlass in den Festsaal Kreuzberg. Doch der ist bereits am Rande seiner Kapazität. Es ist schwül, an den Wänden kondensiertes Wasser, schweißnasse Tänzer jubeln und springen auf und ab – und das liegt nicht nur am „Jump Around“ von House of Pain, das gerade durch die Boxen dröhnt. Denn genau genommen verwendet DJ Alle Farben vom Hip-Hop-Klassiker nur ein paar Takte, aus denen nach kurzer Beschleunigung ein rollender House-Track wird.

Frans Zimmer grinst in die Menge. Sein Publikum an diesem Abend ist im Schnitt 23, und wählt man im Festsaal die Balkonperspektive, sieht man auf der Tanzfläche auffällig viele kleine Bildschirme leuchten: Telefone, deren smarte Besitzer sich auch beim Feiern nicht ausloggen möchten. Das mag inzwischen ein weit verbreitetes Phänomen sein, hat mit Alle Farben aber im Besonderen zu tun. Denn die meisten Fans fand der 27-Jährige zunächst im Netz.

Ein Konditor biegt ab

Geboren und aufgewachsen ist Frans Zimmer in Kreuzberg. Nach der Schule peilte er ein Kunststudium an, probierte sich in Grafikdesign, jobbte als Konditor und bog dann in Richtung Musik ab. Inspiriert vom Künstler Friedensreich Hundertwasser nannte er sich „Hundert Farben“, woraus später „Alle Farben“ entstand. „Das hat auch gut gepasst, weil ich mich mit vielen verschiedenen Musikrichtungen beschäftigt habe, mit Rock, Trip-Hop, ein bisschen Hip-Hop, sogar mit Metal.“

Er lauschte House-DJs im Sage Club, tanzte beim Electric Ballroom im SO36, war beeindruckt von DJ Koze – und begann schließlich, selbst aufzulegen, in Locations wie dem Lux in Kreuzberg oder dem Kaffeehausklub Grand Hotel in Prenzlauer Berg. Parallel veröffentlichte er seine Mixe im Internet: „Das Netz spielte immer eine große Rolle. Ich hatte auch immer guten Output, mit dem ich mein Netzwerk füttern konnte. Selbst am Anfang, als ich nur 200 Fans hatte, habe ich mir gesagt: Jeden Monat ein neuer Mix.“ Der Aufwand lohnte sich, immer mehr Nutzer luden sich die DJ-Sets herunter, im populären Clubmusik-Portal soundcloud.com war Alle Farben eine Zeit lang der meistgehörte deutsche Musiker überhaupt.

Dem Konzept seines DJ-Namens wird er in seinen Podcasts auch eher gerecht, da umfasst das Klangfarbenspektrum sogar Klassik oder mal einen Song von The Cure. Im Club dagegen gibt es vor allem House-Rhythmen, hier gepaart mit Soul-Stimmen, dort mit Piano- oder Trompetenklängen, dazu immer wieder ein drollig hüpfender Polka-Bass. Mitunter sind es Stücke und Remixe, die Alle Farben selbst produziert hat.

Im Festsaal wippt er mit dem Groove zwischen Laptop und Plattenspieler hin und her, eine gefilterte Stimme singt die Nonsenszeile „When I think of all the good times that’s been wasted, spending good times, good times, good times, good times…“ – bis wieder der Bass einsetzt. „Die Leute wollen tanzen, ausflippen, freidrehen, springen“, sagt Alle Farben. „Die kommen mit einer Erwartung zu mir – und ich muss mich für diese Erwartung nicht verbiegen, sondern das ist mein Stil.“

Nörgler im Netz

Er kommt mit dieser positiven Grundstimmung freilich nicht an jeden Techno-Hörer ran, in Internet-Foren schlägt ihm teilweise auch Häme entgegen. „Da schreiben Leute über mich, die vielleicht ein oder zwei Tracks von mir kennen, sich aber nie ein ganzes Set von mir angehört haben. Da ist oft großer Neid im Spiel. Bei manchen Leuten habe ich auch das Gefühl, dass sie heute immer noch beim 90er-Techno sind. Für die ist jeder Neue in der Szene ein Schwarzes Schaf.“

Doch auch den Nörglern im Netz weiß Zimmer etwas Positives abzugewinnen. „Die tragen dich oft viel weiter rum als die Fans. In einem Forum blieb ich lange im Gespräch, weil über mich immer wieder neue Kommentare gepostet wurden. Da haben sich dann auch viele andere Leser meine Mixe angehört – dank der Leute, die mich gehasst haben.“

Unabhängig davon, was Alle Farben gerade auflegt, das Wie beherrscht er in jedem Fall: Er kreiert feinfühlig Übergänge, baut gelegentlich Scratches ein und schafft eine Dramaturgie, die die Tanzenden immer wieder aufs Neue herausfordert – auch über lange Zeiträume, wie bei seiner inzwischen traditionellen Sechs-Stunden-Session, die es das nächste Mal am Freitag im Astra gibt. Dann holt er sich zusätzlich Musiker auf die Bühne, die ihn mit Klavier, Trompete, Saxofon und Gitarre begleiten.

In Zukunft dürfte das häufiger vorkommen, denn das bloße Auflegen reicht Frans Zimmer offenbar nicht mehr. „Mein erstes Album, an dem ich gerade arbeite, wird mit Band entstehen.“ Wie er das live umsetzen wird, weiß er noch nicht genau, von „Touch-Wänden“ und „Laser-Harfen“ ist die Rede. „Ich würde jedenfalls nicht nur hinterm Laptop stehen, sondern auch richtig performen wollen.“ Vielleicht wird er auf der Bühne dann auch in richtige Tasten hauen. „Ich hatte vor ein paar Tagen die erste Begegnung mit meinem Klavierlehrer“, verrät Zimmer.

Alle Farben 6 Stunden Session: Fr 5.4.2013, 23 Uhr, Astra Kulturhaus, Revaler Str. 99, Abendkasse 12 Euro, Support: Bastian Kurzweil und Live-Musiker