Hunderttausende Raver tanzten 2006 auf der Straße vor dem Brandenburger Tor in Berlin zu hämmernden Bassrhythmen auf der Love Parade.
Foto: dpa/MArcel Mettelsiefen

BerlinDr. Motte meint es ernst: Der legendäre Techno-DJ und Loveparade-Erfinder will die bunte Techno-Straßen-Parade, die einst in Berlin gegründet wurde, zurück in die deutsche Hauptstadt holen.

„Seit Jahren häufen sich die Fragen an mich, wann die Loveparade zurück nach Berlin kommt“, so Dr. Motte, der mit der bürgerlichen Namen Matthias Roeingh heißt. Die Sehnsucht nach der Loveparade scheine riesig zu sein. „Und ganz ehrlich. Wann, wenn nicht jetzt?“, so der 59-Jährige. „Wir stellen die Frage: Wollt ihr eine neue Loveparade?“ Die Antwort darauf könne nur „Ja“ sein.

Dr. Motte und das Team der gemeinnützigen GmbH Rave the Planet wollen Spenden sammeln, um ihren Techno-Traum wiederzubeleben. Dazu haben die Initiatoren ein besonders Spendensammel-Modell entwickelt, das sie „Fundraving“ nennen – angelehnt ist das Wortspiel an den Begriff „Fundraising“, also die Beschaffung von Geldern.

Modell der Straße des 17. Juni bereit für das Projekt „Fundraving“.
Foto: Gerd Engelsmann

Seit Montag steht im ehemaligen Garten des ersten Tresor Clubs in der Mall Berlin in der Leipziger Straße ein Modell der Straße des 17. Juni bereit – hier lief damals auch die Loveparade entlang. Man kennt die Fotos der tanzenden Menschen an der Siegessäule. Auf einer Gesamtlänge von 48 Metern im Maßstab 1:87 ist die Straße vom Ernst-Reuter-Platz über die Siegessäule bis hin zum Brandenburger Tor nachgebaut. Über den Onlineshop oder direkt vor Ort kann man eine kleine Figur für fünf Euro erwerben, die man selbst auf die Modellstraße kleben kann.

Es gibt Miniraver in unterschiedlichster Gestaltung. Sie nennen sich Parade Pitt, House Hector, Trance Gender, Tech Mom, Raving Rosi oder Dirty Dora – einige sind schon ausverkauft.

Dr. Motte will Techno zum Weltkulturerbe machen

Am Montagabend hatten sich schon 2273 Menschen an der Aktion beteiligt und eine Figur erworben. Ziel soll es sein, insgesamt 1,5 Millionen Figuren zu verkaufen. 80 Prozent des Betrags fließen in gemeinnützige Zwecke, darunter auch die neue Parade. Laut Rave the Planet soll dieses Modell eine Art Stimmungsbarometer sein, inwieweit die Initiatoren mit ihrer Idee den Nerv der Öffentlichkeit treffen.

Mit dem Geld, so Motte, könne man eine unabhängige Finanzierung der Projekte garantieren. Denn längst geht es den Machern nicht nur um die Loveparade. Die Ziele sind deutlich höher gesteckt. Die Initiatoren, bestehend aus Künstlern, Ravern und Unternehmerinnen, wollen erreichen, dass elektronische Tanzmusikkultur als Immaterielles Kulturerbe unter den Schutz der Unesco gestellt wird. Noch in diesem Jahr soll der Antrag dafür gestellt werden.

Matthias Roeingh.
Foto: Gerd Engelsmann
DJ Dr. Motte

heißt mit bürgerlichem Namen eigentlich Matthias Roeingh. Er ist am 9. Juli 1960 in Spandau geboren und ist Musiker sowie Labelbetreiber. Bekannt wurde er als Mitbegründer und Organisator der Musik- und Tanzveranstaltung Loveparade in Berlin.

Loveparade: Er war bis 2006 Miteigentümer der Loveparade Berlin GmbH, deren Geschäftszweck es war, den in mehreren Ländern geschützten Markennamen Loveparade zu vermarkten. Im Jahr 1985 war Roeingh erstmals als Diskjockey tätig.

Außerdem soll ein offiziell anerkannter „Feiertag der elektronischen Tanzmusikkultur" initiiert und etabliert werden – gefeiert werden soll natürlich an diesem Tag auf der Loveparade in Berlin. Rave the planet will mit diesen Aktionen für mehr Akzeptanz der Club- und Festivalkultur sorgen und sie als gleichwertige Kulturform schützen.

Dr. Motte erinnert sich an die Anfänge der Technozeit in Berlin, das habe unser Leben verändert, sagt er. „Stillstehen konnte keiner. Was für ein Erlebnis.“ Im Tanz sei man frei und glücklich. Liebe, Vielfalt, Lebensfreude, Tanz und Respekt, das sei zur Kultur und zur Lebenseinstellung geworden, so Dr. Motte. Das könne man in den Clubs und bei den vielen Festivals in der Stadt immer noch spüren. „Aber 30 Jahre später stellen wir in Berlin und auf der ganzen Welt fest, dass Behörden, Investoren, Politiker und Polizei noch immer nicht verstehen, welche besondere Kraft die elektronische Musikkultur entfaltet und was sie für die positive Entwicklung für eine Gesellschaft beitragen kann“, kritisierte der DJ und übte zugleich Kritik an der Politik kund Behörden.

„Investoren gefährden Clubs“

Immer wieder gebe es überzogene Forderungen, wie man beim Fusion-Festival in Mecklenburg-Vorpommern im vergangenen Jahr sehen konnte. Wochenlang wurde 2019 über das Sicherheitskonzept gestritten. Die Polizei wollte auf dem Gelände auf Streife gehen und eine feste Polizeiwache installieren, obwohl das Musik- und Kunstfestival seit Jahrzehnten störungsfrei verläuft. „Da wurde eindeutig eine rote Linie überschritten. Denn Kunst, Kultur und Musik müssen frei sein“, betonte. Dr. Motte. Investoren würden die Existenz von Clubs gefährden, indem sie die Mieten verdoppelten und stattdessen lieber Shopping Malls und teure Wohnungen bauten. Der Musiker forderte Parteien und Behörden auf, hier endlich Lösungen zu finden.

Der Techno-Umzug fand von 1989 bis 2006 in Berlin und ab 2007 bis 2010 an wechselnden Orten im Ruhrgebiet statt. In den Jahren 2004, 2005 und 2009 wurde sie nicht durchgeführt. Als die das erste Mal am 1. Juli 1989 anlässlich des Geburtstags von Dr. Motte unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ war sie noch als politische Demonstration angemeldet. Rund 150 Menschen nahmen teil. Es wurden immer mehr. Im Jahr 1999 tanzten 1,5 Millionen Menschen zu Technobeats auf der Straße.

Seit 2015 gibt es in Berlin eine neue Technoparade: Der „Zug der Liebe“, der sich allerdings nicht als Loveparade-Nachfolger begreift.

Seit dem Unglück im Jahr 2010 hat die Loveparade nicht mehr stattgefunden. Am 24. Juli kam es in Duisburg bei dem Techno-Großevent zu einer Katastrophe: Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes kam es zu einem Massengedränge an den Ein- und Ausgängen. 21 Menschen starben bei dem Unglück, 500 wurden verletzt, davon 40 schwer.