: DJ Luke H. wurde in Wildwest-Manier ermordet
Angelika B. ist aus dem Zeugenstand entlassen. Sie könnte jetzt den Saal verlassen, doch die 65-Jährige zögert an diesem Mittwochnachmittag. Dann bittet sie den Vorsitzenden Richter, noch etwas sagen zu dürfen. Sie dreht sich unsicher zu den Eltern des erschossenen Engländers Luke H. um, die in dem Prozess Nebenkläger sind, und sagt mit zitternder Stimme: „Ich möchte den Eltern herzliches Beileid ausdrücken und ihnen trotzdem alles Gute wünschen.“ Dann wird es sehr still im Saal 500 des Landgerichts.
Angelika B. ist eine Verwandte von Rolf Z., der wegen Mordes auf der Anklagebank sitzt. Sie hätte liebend gern von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Doch sie sei mit dem Angeklagten nur dritten Grades verschwägert, wie ihr der Vorsitzende Richter erklärt. Das genüge nicht, um die Aussage zu verweigern. Angelika Z. ist die Ehefrau des Neffen von Rolf Z.
Schrotflinte am Tattag versteckt
Der 63-jährige Angeklagte mit den langen weißen Haaren und dem Vollbart soll am 20. September 2015 gegen 5.45 Uhr den 31-jährigen Luke H. vor der Bar Del Rex in der Neuköllner Ringbahnstraße heimtückisch umgebracht haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, mit einem langen Ledermantel bekleidet an den telefonierenden Mann herangetreten zu sein und mit einem Schrotgewehr gezielt auf den Oberkörper von Luke H. geschossen zu haben. Opfer und mutmaßlicher Täter kannten sich nicht Rolf Z. hat zu den Vorwürfen bisher geschwiegen. Doch die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt. Ein wenig dürfte dazu wohl auch Angelika B. beigetragen haben.
Sie war es, die eine zerlegte Schrotwaffe bei ihrer Schwiegermutter, der Halbschwester von Rolf Z., fand. Die Waffe hatte Rolf Z. dort offenbar nach der Tat deponiert. Sie war es, die daraufhin die Polizei rief. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um die Tatwaffe handelt. Auch wenn ein Waffenexperte die Flinte nicht eindeutig als die Waffe identifizieren konnte, aus der das tödliche Geschoss stammte.
Angelika B. erzählt, dass sie und ihr Mann zwei Tage nach der Tat bei der Schwiegermutter waren. Die alte Dame habe erwähnt, dass Rolf Z. am Morgen, als Luke H. nur wenige Häuserblöcke weiter erschossen wurde, mit einem Ledermantel bekleidet zu ihr gekommen sei und eine Tüte verstaut habe. Angelika B. fand die Tüte im Schlafzimmerschrank. Darin steckte ein auseinandergenommenes Gewehr, ein Messer und ein Patronengürtel. „Mir war gleich klar, da stimmt was nicht“, sagt sie. Sie habe schon bei der Täterbeschreibung an Rolf Z. denken müssen.
In der Wohnung der Schwiegermutter an der Garderobe stellte die Polizei auch den Ledermantel von Rolf Z. sicher. Der Angeklagte soll am Tattag bis zum Morgen in der Bar Del Rex getrunken, sich dann aus seiner nahe gelegenen Wohnung ein Schrotgewehr, einen Patronengürtel und einen Ledermantel geholt haben. Eine Zeugin soll einen so gekleideten Mann mit einer Flinte vor der Bar gesehen haben. Sie fühlte sich an einen Wildwestfilm erinnert.
Andere Besucher der Bar erzählen als Zeugen, dass man nach der Tat gegrübelt habe, ob der Täter Rolf Z. gewesen sein könnte, der zuvor dort Gast gewesen sei. „Jemand hat mir erzählt, dass der Mann keine Ausländer mag“, sagt ein spanischer Barbesucher. War das das Tatmotiv?
Die Eltern von Luke H. leben im englischen Manchester. Sie wollen jeden Prozesstag im Gerichtssaal sein und erfahren, warum ihr einziger Sohn sterben musste. Ihre Anwälte haben vor, in dem Verfahren auch den noch ungeklärten Mord an Burak B. zur Sprache zu bringen. Der 22-jährige war 2012 von einem Unbekannten auf offener Straße erschossen worden. Auch in Neukölln, offenbar auch von einem ihm Fremden. In den Ermittlungen zu diesem Fall tauchte auch der Name Rolf Z. auf. Die Anwälte schließen nicht aus, dass der Mann etwas mit dem Tod von Burak B. zu tun hat.