Berlin - Monika Kruse (40) macht seit über 20 Jahren elektronische Musik. Sie ist ständig unterwegs und legt auf allen Kontinenten auf. Am Freitag erschien ihr viertes Album „Traces“.

Sie sind in Berlin geboren, aber in München aufgewachsen. Wieso sind Sie 1997 zurückgekehrt?

Ich bin der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Der Schritt ist mir leicht gefallen. Denn München wurde mir zu klein, ich hatte das Gefühl alles gesehen zu haben.

Finden Sie Berlin mittlerweile ebenfalls langweilig?

Nein, die Stadt ist immer aufregend und abwechslungsreich.

Kann man bei Ihrem Lebensentwurf überhaupt ein geregeltes Leben führen?

Das ist schwierig, aber ich habe ein paar Fixpunkte. Dienstags und Donnerstags mache ich Yoga und Fitness, Mittwochs ist Bürotag und Donnerstags höre ich Platten durch. Zwischendurch versuche ich möglichst viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Vor wenigen Tagen waren wir zum Beispiel beim Pferderennen im Hoppegarten.

Gewettet und gewonnen?

Natürlich nicht. Ich hatte ja auch keine Ahnung von den Pferden und habe sie nach den Namen ausgewählt. Mein Konzept ist nicht aufgegangen. (lacht)

In welchem Berliner Club waren Sie zuletzt privat?

Im Week-End. Dort hat ein Freund von mir aufgelegt. Im Berghain bin ich auch oft.

Und in welchem legen Sie am liebsten auf?

Im Berghain, Watergate oder Week-End. Aber ich liebe auch das kleine Nation of Gondwana-Festival. Dort habe ich auch in den letzten drei Jahren aufgelegt.

Sie wurden mit harten Techno-Klängen bekannt. Ihr Sound ist jedoch weicher und grooviger geworden.

Zu Beginn meiner Karriere habe ich viel Funk, Soul und Deephouse gespielt. Aber ich brauchte damals Abwechslung und habe härtere Sachen aufgelegt. Nach ein paar Jahren hatte ich dann die Nase voll von harten Techno-Sounds. Bei ruhigeren Klängen geht mir das Herz auf, der härtere Sound ist dafür da, um Stress abzubauen. Man sieht mehr Frauen auf der Tanzfläche, wenn man grooviger auflegt.

Was ist so toll daran, wenn mehr Frauen auf der Tanzfläche sind?

Wenn die Frauen tanzen, lassen die Männer nicht lange auf sich warten. (lacht)

Apropos tanzen: Im Jahr 2000 haben Sie bei der Loveparade aufgelegt. Wie fühlt es sich an, 1,5 Millionen Menschen zum Tanzen zu bringen?

Ich war so aufgeregt, dass ich mich kurz vor meinem Set übergeben habe. Als es dann soweit war, konnte ich gar nicht begreifen, wie viele Menschen dort stehen. Ich habe nur unfassbar viele Köpfe gesehen.

Auch bei der Loveparade-Tragödie in Duisburg haben Sie aufgelegt. Wie haben Sie von der Massenpanik erfahren?

Schon als ich auf dem Gelände angekommen bin, habe ich diesen ghettoartigen Tunnel gesehen. Als ich dann nach meinem Set mit dem Taxi zum Flughafen gefahren bin, meinte der Fahrer zu mir, dass einige Menschen gestorben sind. Wir sind an den Leichensäcken vorbeigefahren. Das war eines der schlimmsten Erlebnisse in meinem Leben. Ich war fassungslos und habe geheult.

Fassungslos waren Sie offenbar auch im Jahr 2000, als Sie die Initiative „No Historical Backspin“ gegründet haben.

Damals wurden einige Asylbewerberheime in Brand gesetzt, aber auch im privaten Bereich habe ich die Ausländerfeindlichkeit mitbekommen. Ein Kollege von mir wurde vor einem Technoclub verprügelt, weil er schwarz war. Ich habe beschlossen, etwas gegen Rassismus, Homophobie und Intoleranz zu unternehmen. Also habe ich mit einigen Mitstreitern Partys veranstaltet, bei denen die DJs umsonst spielen und die Erlöse aus dem Eintritt gespendet werden. Bislang sind dabei über 60 000 Euro zusammengekommen. Das Geld kommt Opfern von rassistischer und homophober Gewalt zugute.

DJs haben bisweilen Groupies. Wie verhält es sich bei einer DJane?

In der Regel sind die Jungs sehr schüchtern, die lassen sich höchstens mal bei Facebook aus. Die einzigen, die richtig rangehen, sind manche Lesben. Da werde ich öfter mal angebaggert.

Klingt fast so, als fänden Sie es schade, dass sich die Männer so zurückhalten.

Nein, das nicht. Ich finde es ohnehin übertrieben, dass DJs etwas Besonderes sind. Mir ist es auch unangenehm, Autogramme zu geben. Wir legen doch nur Platten auf. Damit mag man Menschen glücklich machen. Doch es gibt Berufe, die weitaus wichtiger sind, Krankenpfleger zum Beispiel.

Das Gespräch führte André Tucic.