Am vergangenen Samstag platzte das Badehaus Szimpla auf dem RAW-Gelände mal wieder aus allen Nähten – was völlig normal ist, wenn Django Lassi zu Gast sind und obendrein ein neues Album vom Stapel lassen. Die von Jazz-Legende Django Reinhardt inspirierte Band hat sich in den letzten Jahren zum Publikumsmagneten entwickelt, in Klubs wie Bassy, Kaffee Burger oder auf dem Fusion-Festival werden sie regelmäßig für ihre Version des Gypsy-Swing gefeiert, den sie stets auf ganz eigene Art weiterentwickeln.

Rauschende Hochzeiten

Angefangen hat alles vor knapp zehn Jahren im Wedding, wo sich der Kölner Bassist Klark, der eigentlich Christopher Schintlholzer heißt, und der kroatische Gitarrenlehrer Matija Krznaric zu einer Jam-Session verabreden. Wenig später ist auch Yasir Hamdan dabei, der eigentlich nur Unterricht nehmen wollte, doch schon zwei Wochen später sitzt er als Rhythmusgitarrist bei einem Konzert mit auf der Bühne. Learning by Doing spielt beim sogenannten Jazz Manouche eine wichtige Rolle, an einer Hochschule erlernen kann man ihn nicht.

Während Yasir Hamdan eifrig Repertoire einpaukt, bekommt er eines Nachts im Proberaum unerwarteten Besuch: „Da stand auf einmal Jonny Herzberg vor meiner Tür, ein wichtiger Manouche-Gitarrist aus der Sinti-Szene. Er hatte mich spielen hören und wollte wissen, ob ich Sinti sei. Eine Woche später brachte er seine Cousins mit, um mich vorzuzeigen.“

Das Trio knüpft Kontakte zu den weit verzweigten Sinti-Familien, für die der Gypsy-Swing ein wichtiges Kulturgut darstellt – und die Django Lassi nun häufig für ihre Feste engagieren. Die Musiker erzählen von rauschenden Hochzeiten und Beerdigungen, mit vielen Tanten, Verwandten und Cousins in feinen Anzügen und spitzen Schlangenleder-Stiefeln.

Das Bühnenprogramm verläuft selten nach Plan

Oft war es ein Sprung ins Ungewisse. „Wenn wir eine Adresse in die Hand bekamen, konnte sich dahinter ein voller Theatersaal verbergen oder eine kleine Teestube“, erinnert sich Klark. „Diese Mentalität und Lebensart hat auch mit einer gewissen Bereitschaft zu tun, sich auf eine Situation einzulassen.“ Auf den Gypsy-Veranstaltungen verlaufe selten etwas nach Plan, ein normaler Jazzer mit Liedfolge und Akkorden auf dem Notenständer wäre da hoffnungslos verloren. „Es kann zum Beispiel sein, dass plötzlich jemand auf die Bühne kommt, dir deine Gitarre aus der Hand nimmt, sie umstimmt und ein Solo in einer ganz anderen Tonart weiterspielt – so etwas passiert andauernd.“

Parallel dazu gitarrenswingte sich die Band in die Berliner Club-Szene und vergrößerte sich. Mittlerweile sind sie zu sechst, die Musiker kommen aus vier Ländern und mindestens noch mal so vielen Stilrichtungen. Klark war zuvor Funk-Bassist, Klarinettist Laurin Habert spielt nebenbei in einem Drum'n'Bass-Projekt, Geiger Roland Satterwhite in einem Flamenco-Ensemble. Der israelische Drummer und Tabla-Experte Yatziv Caspi dagegen hat eine Progressive Rock-Zeit hinter sich.

Insofern verwundert es auch nicht, dass man auf der Bühne im Badehaus Muskelshirt neben Smoking und Baskenmütze erblickt. Auch die spontane Session mit einem Didgeridoo-Spieler wirkt nur im ersten Moment abwegig. Denn schnell wird klar, dass Django Lassi auch das röhrende Aborigines-Instrument in ihre treibende Melange aus Jazz, Swing- und Balkan-Elementen zu integrieren wissen.

Jazz Manouche steht auch für Wandel

Dass sie ihre Songs nicht in klassischer 20er-Jahre-Manier schreiben, tut ihrem Erfolg keinen Abbruch, auch bei den Sinti ist diese Abwechslung willkommen: „Jazz Manouche steht auch für Wandel. Diese Menschen sind viel gereist, häufig vertrieben worden, in zig Ländern gewesen, und die Tradition hat sich mit jeder Stadt, mit jedem Land verändert“, sagt Yasir Hamdan.

„Django Reinhardt bleibt aber letztlich die Basis“, ergänzt Laurent Humeau, vermutlich einer der besten Gitarristen der Stadt. Die Kollegen nennen ihn scherzhaft „Coldface“, da er bei seinen furios schnellen Soli kaum mit der Wimper zuckt. „All meine Konzentration geht in dem Moment in meine beiden Hände“, erklärt er. Zu Teenager-Zeiten noch Punk-Gitarrist, entdeckte er Reinhardt vor sechs Jahren, seitdem übt er ein bis vier Stunden täglich. „Das ist wie Gymnastik.“

Das hohe Maß an Virtuosität bleibt in der Gypsy-Swing-Szene nicht lange unbemerkt, gerade trudelte eine Einladung zum „Django Festival“ nach Oslo ein. Quer durch Deutschland ist die Band ohnehin seit einigen Jahren unterwegs, wobei man sich über die andernorts herrschenden Verhältnisse freut: „In München zahlen die Leute für ein Konzert 16, 17 Euro. Wenn du das in Berlin verlangst, da kommt niemand.“ Andererseits sind Django Lassi auch gerne mal spendabel: Die neue CD „Szupa Czipa“ bekamen die Gäste der Release-Party geschenkt.

Django Lassi live: Sa 7. Dezember, bei der Electro Swing Revolution im Astra Kulturhaus (RAW-Gelände), Revaler Straße 99, Friedrichshain, Einlass: 23.30 Uhr, Abendkasse 10 Euro