Döberitzer Heide: Wüste am Rande der Großstadt

ELSTAL - Der Pick-up von Tierpfleger Detlef Baumung rumpelt quer über den holprigen Weg. Von einem Wäldchen voller junger Kiefern und Birken geht es hinüber in eine weite, offene Landschaft. Sie ist bedeckt mit einem Flaum von Gräsern, mit Gruppen von verblühten Ginstersträuchern und gelb schimmernden Sandflächen, die bis zum Horizont reichen. „Das ist die Wüste“, sagt Detlef Baumung.

Diese Bezeichnung benutzen er und die anderen Mitarbeiter der Sielmann-Stiftung für den ehemaligen großen „Sandspielkasten“ der Militärs. Denn genau das war die Döberitzer Heide bei Elstal (Havelland) fast 300 Jahre lang: ein Truppenübungsplatz. Zuletzt trainierte die Sowjetarmee dort – direkt vor den Toren von West-Berlin – mit schwerem Gerät für den Krieg. Doch 1992 zogen die Sowjets ab. Inzwischen ist es genau zehn Jahre her, dass die Sielmann-Stiftung die nun vollkommen friedliche Landschaft übernommen hat.

Die Zeit arbeitet langsam

„Schade, sie sind diesmal nicht da“, sagt Tierpfleger Baumung. Er hat den Wagen gestoppt und sucht mit dem Fernglas in der Ferne nach Wisenten, Przewalski-Pferden und Rotwild. Die Kernzone der Döberitzer Heide ist 2 000 Hektar groß und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Hier siedelt die Sielmann-Stiftung in einem europaweit einzigartigen Projekt wilde Rinder, Pferde und Hirsche an. Meist sind es Arten, die akut vom Aussterben bedroht sind. Sie sollen als natürliche Landschaftsgestalter und Rasenmäher fungieren. Naturschutz und Arterhaltung werden zu zwei Seiten einer Medaille, die da heißt – Wildnis.

Seit dem Abzug der Armee holt sich die Natur das Manövergebiet zurück. In der Wüste arbeitet die Zeit besonders langsam. Aber an den Rändern der Panzerstrecken haben sich schon neue Mischwälder aus Eichen, Traubenkirschen, Espen, Birken und Kiefern gebildet. Der Mensch greift nicht ein. „Doch ohne die Tiere wäre hier irgendwann alles bewaldet“, sagt Detlef Baumung. „Das wollen wir nicht. Wir wollen die offenen Bereiche, die als Lebensraum für eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren, die nur hier vorkommen, besonders wertvoll sind, auf natürliche Weise erhalten.“ Etwa 5000 Pflanzen- und Tierarten konnten in der halboffenen Landschaft der Heide nachgewiesen werden. Vom Aussterben bedrohte Gräser und Kräuter sind genauso darunter wie seltene Käfer, Bienen oder Vögel.

Der Pritschenwagen ruckelt wieder über Wald- und Wiesenwege. Detlef Baumung sieht mit geschultem Auge die geknickten Bäume und Stämme, deren Rinde abgeschält ist. Die Großsäuger machen sich zwar rar in dem 5000 Fußballfelder großen Areal, aber ihre Spuren sind sichtbar. Etwa 60 Wisente, 60 Hirsche und 20 Pferde sind mittlerweile in der eingezäunten Kernzone zu Hause.

Sie fressen die Blätter, junge Äste, die Baumrinde, das Strauchwerk und das Gras. Die Wisente sind bis zu einer Tonne schwer, und dort, wo sie entlangstapfen oder sich in der Dünenlandschaft suhlen, wächst kein Wald nach. Die Arbeit mit den europäischen Urrindern lässt das Herz des gelernten Melkers und Zootechnikers höher schlagen. „Bei den Wisenten ist mittlerweile rund die Hälfte der Tiere hier in der Heide geboren“, sagt der 51-Jährige aus dem nahen Seeburg, der schon immer am Rande der Heide lebte. „Dass ich mal in der verbotenen Zone den Urviechern beim Wachsen und Gedeihen zusehen würde, habe ich mir nicht träumen lassen.“

Ungefähr alle zwei Tage ist Detlef Baumung im Kerngebiet der Heide unterwegs. Bei seinen Kontrollfahrten prüft er, ob die solarbetriebenen Tränken funktionieren, ob Zufahrtstore und Zäune in Ordnung sind, ob die Tiere irgendwelche Auffälligkeiten zeigen. „Es hat auch schon mal drei Wochen gedauert, bis mir wieder mal welche vor die Nase gelaufen sind“, sagt er, „dann fehlt mir aber wirklich etwas.“ An diesem Tag kann er keinen Wisent erspähen. Aber immerhin jede Menge Wildschweine, Rehe und auch eine Herde der wilden Przewalski-Pferde kreuzen seinen Weg. Die Heide lebt.

Als er zurückfährt, begegnet er einer jungen Frau, die gebannt in ein Wäldchen schaut und eifrig Daten in einen Computer eintippt. Nina Hansen hat ein paar Wisente entdeckt, die hinterm Zaun in einer überschaubaren Eingewöhnungszone auf das Leben in der Wildnis vorbereitet werden. Die Tiere drücken sich durch Pappeln und Birken, fressen von den reich vorhandenen Futtervorräten. Es knackt und knirscht. Nina Hansen beobachtet und tippt.

Bisher nur in halber Freiheit

Sie ist Studentin für Tiermanagement am Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Sie macht ein Praktikum und ist in ein Projekt zur Erforschung des Verhaltens der Tiere eingebunden. „Die Wisente sind mit Sendern ausgestattet, die uns sagen sollen, was sie tun, wenn sie sich später in der Wildniszone verlieren“, erklärt sie. „Aber erst einmal müssen wir ihren Handlungen die entsprechenden Signale zuordnen. Das mache ich gerade.“

Während die junge Wissenschaftlerin weiter ihren Computer füttert, konstatiert der erfahrene Tierpfleger, dass die zotteligen Bullen und die Kühe wohlgenährt sind. Diese Wisente haben einen langen Winter im eingezäunten Areal verbracht – also in halber Freiheit. Bald beginnt auch für sie das Abenteuer Wildnis in der ganz großen Freiheit – in der scheinbar endlosen Heide.