Berlin - Die Geschäftsidee hat schon viel Lob geerntet: Das Berliner Start-up Dörrwerk verarbeitet Obst, das nicht der Norm entspricht und deswegen vom Handel aussortiert wird, zu Fruchtpapier. Es „rettet“ Obst, wie der Gründer, der Arzt Zubin Farahani (32), sagt. Ende 2014 startete die Manufaktur in Kreuzberg, auch mit Hilfe von Crowdfunding. Ein Jahr später zog die Firma in den Marienpark nach Mariendorf, erweiterte und hat nun wieder eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Sie läuft bis zum 18. Dezember. Das Ziel: 15.000 Euro.

Wofür brauchen Sie das Geld?

Aus zwei Gründen: Erstens haben wir in diesem Sommer sehr viel Obst vor der Tonne gerettet und zu Fruchtpapier verarbeitet. Aber die Haltbarkeit ist begrenzt und wir wollen nicht, dass die Ware verdirbt. Zweitens wollen wir mit unseren Waren in die Supermärkte und sind mit dem Einzelhandel im Kontakt. Doch dafür müssen wir bestimmte Zertifikate vorweisen, und das wiederum erfordert, dass wir investieren.

Warum sitzen Sie auf so viel Ware?

Wir hatten uns für eine Fernseh-Show für Start-ups beworben, in der man seine Geschäftsidee vorstellt, um Investoren zu gewinnen. Den Namen darf ich aufgrund des geschlossenen Vertrags nicht nennen. Wir waren auch bei den Aufzeichnungen für die Show und es schien sehr gut zu laufen. Wir haben sechs Monate lang die Produktion voll laufen lassen, um uns auf den großen Ansturm vorzubereiten. Denn wir hatten ja erwartet, dass wir nach der Ausstrahlung viel mehr Fruchtpapier und Chips verkaufen als sonst.

Was ist schief gegangen?

Es wurde uns ein Investment zugesagt. Aber als wir uns nach der Aufzeichnung mit den potenziellen Geldgebern getroffen haben, hatten diese leider abweichende Vorstellungen davon, wie wir unsere Firma weiter entwickeln sollten. Wie sich zeigte, steckten noch andere Investoren über Beteiligungsgesellschaften in dem Investment, von denen wir vorher nichts wussten. Also hatten wir plötzlich einen Deal mit Investoren, mit denen wir ja gar keine Vereinbarung getroffen hatten.

Haben Sie sich im Streit getrennt?

Naja, wir konnten uns jedenfalls nicht einigen. Bis drei Wochen vor dem letztmöglichen Ausstrahlungstermin hat man uns hingehalten, wann die Sendung denn tatsächlich läuft. Telefonisch hieß es, der genaue Termin stehe noch nicht fest, unser Auftritt werde aber sicher gezeigt. Wir hatten allerdings keine schriftliche Zusage. Letztlich wurde die Sendung kurzerhand doch nicht ausgestrahlt.

Was hatte das für Folgen?

Bis vor kurzem lagerten hier noch 30.000 Tüten Fruchtpapier. Teils konnten wir Ware über den Einzelhandel verkaufen. Sie ist ja begrenzt haltbar und wir wollen auf keinen Fall, dass sie weggeworfen werden muss. Jetzt haben wir noch etwas mehr als 10.000 Tüten. Jede Tüte enthält etwa 40 Gramm Fruchtpapier, das entspricht 500 Gramm Frischobst.

Waren Sie nicht ein wenig naiv? Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Sendung gegangen?

Wir haben uns natürlich ein Investment gewünscht. Und wir dachten uns, wenn das nicht klappt, schadet es auch nicht. Dann haben wir durch den Fernsehauftritt einen Werbeeffekt. Wir haben jedoch nicht damit gerechnet, dass nichts von den Dreharbeiten ausgestrahlt wird.

Nun sammeln Sie via Internet Geld. Was haben die Unterstützer davon?

Sie bekommen unsere leckeren Snacks – Fruchtpapier und Tomatenchips – zu vergünstigten Preisen. Und es geht ja auch darum, die Idee zu unterstützen. Viele Menschen wollen etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun. Obst, das wir verwenden, entspricht nicht der Norm, schmeckt aber sehr gut. Wir machen daraus feine Snacks, ohne Zusätze, auch ohne Zucker.

Wie viel haben Sie schon verarbeitet?

Insgesamt rund 50.000 Kilogramm Obst seit der Gründung Ende 2014. Die Nachfrage ist seither stark gewachsen und wir haben einen Preis für nachhaltiges Unternehmertum gewonnen, den Green Buddy Award.

Schlägt sich das auch in Ihren Bilanzen nieder?

Wir machen deutlich mehr Umsatz und erreichen in Kürze die sogenannte schwarze Null. Was eigentlich ganz gut ist, nach anderthalb Jahren. Bisher haben wir vor allem über das Internet verkauft, auch bei Manufactum gibt es uns und neuerdings in einigen Edeka-Filialen. Jetzt steht der große Schritt in Richtung Einzelhandel an.

Welche Größenordnung peilen Sie an?

Wenn wir pro Jahr 100.000 Kilogramm Obst retten wollen, müssen wir rund 200.000 Tüten Fruchtpapier vertreiben. Das ist ein Ziel, das wir mindestens schaffen wollen und werden. Wenn es mehr wird, ist es toll. Beim ersten Crowdfunding haben wir fast 200 Prozent der Summe erzielt, die wir erreichen wollten. Ich bin guter Dinge, dass es dieses Mal auch mit den 15.000 Euro gut läuft.

Für Dörrwerk hatten Sie Ihre Anstellung als Arzt aufgegeben. Haben Sie es schon bereut?

Tatsächlich arbeite ich seit kurzem wieder als Arzt in einer Rettungsstelle. Ich mache „fifty-fifty“. Es war von Anfang auch mein Wunsch, beides zu machen und so macht beides einfach doppelt Spaß.

Das Gespräch führte Iris Brennberger.