Von Anton Wilhelm Amo ist kein Bild überliefert. Die portugiesische Karte von 1563 zeigt die Goldküste, genau die Herkunftsgegend von Anton Wilhelm Amo. Die Stadt Axim liegt etwa dort, wo an der Goldküste links unterhalb des Wortes "mina" eine Palme gezeichnet ist.
Foto: Academia das Ciencias, Lisboa/Alvesgaspar

Berlin-MitteAnton Wilhelm Amo steht als alternativloser Vorschlag von SPD und Grünen in Mitte zur Neubenennung der Mohrenstraße. Trotz seines ganz unglaublichen Lebens ist „der schwarze Philosoph“ der Berliner Öffentlichkeit bislang kaum bekannt. Es gibt auch keinen Hinweis, dass er jemals die preußische Hauptstadt besuchte. Er wurde um 1703 in Westafrika geboren und war der erste schwarze Afrikaner, der in Deutschland promoviert wurde und als unabhängig denkender Philosoph lehrte und weithin Anerkennung erlangte. Er wirkte in Halle, Wittenberg und Jena. Dort findet er seit Jahrzehnten Aufmerksamkeit und Ehrung (siehe Infobox).

Die starke Amo-Forschung in der DDR war inspiriert von Kwame Nkrumah, dem ersten Premier und Präsidenten Ghanas, das 1957 als eines der ersten Länder seine Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hatte und von der DDR als Partner betrachtet wurde. Nkrumah hatte selber zu Amo geforscht, und er stammt, so wie dieser, aus der Gegend um die Stadt Axim. Dort, wahrscheinlich im Dorf Nkubeam an der Atlantikküste, wo Amo geboren wurde, leben noch heute seine Verwandten und bewahren stolz sein Andenken.

Skulptur „Freies Afrika“ vor der Universität Halle. Sie zeigt nicht Amo, soll ihn aber ehren. Foto: Wikipedia/Blackpiper
Amo in der DDR

Öffentlichkeit: Wer in den 1960er- und 70er-Jahren im Bezirk Halle zur Schule ging, hörte viel von Anton Wilhelm Amo. Vor der Hallenser Universität steht eine Skulptur, die an ihn erinnern soll. Ein Dokumentarfilm von 1965 trägt den Titel „Anton Gvil. Amo Afer“.

Forschung: Seit den 1960ern besteht in Halle eine Forschungsstelle, die aus den Archiven in Halle und Wittenberg alles zusammentrug, was Amo hinterlassen hat, die sein wissenschaftliches Werk publizierte und die englische Übersetzung besorgte.

Buch & Ehre: Der Historiker Burchard Brentjes publizierte 1976 das Buch „Anton Wilhelm Amo. Der schwarze Philosoph in Halle“. Seit 1994 verleiht die Universität Halle-Wittenberg den Anton-Wilhelm-Amo-Preis; seit 2016 findet alljährlich die Anton Wilhelm Amo Lecture statt.

Anders als SPD, Grüne und die Initiative Schwarze Menschen behaupten, ist nicht bewiesen, ja sogar unwahrscheinlich, dass Amo „von der holländischen Ostindien-Kompanie aus dem heutigen Ghana verschleppt“ wurde.Vielmehr erfuhr der Historiker und Amo-Biograf Burchard Brentjes 1975 bei einem Besuch der Familie, Amo sei von seiner Mutter zu deren Schwestern nach Amsterdam geschickt worden, um dort ausgebildet zu werden. Zugleich habe der Junge als Pfand gedient, um den Abschluss eines Handelsvertrages des „Löwenstammes“ von Nkubeam mit der Holländisch-Indischen Gesellschaft zu besiegeln. Das könne erklären, so Brentjes, woher der nach Europa überführte Amo gewusst hat, wo seine Heimat und seine Familie zu finden waren, als er 1747 in seine Heimat zurückkehrte. Kwame Nkrumah schrieb 1964 in einem Brief an Brentjes über die Gepflogenheiten seiner und Amos Herkunftsregion: „So ist es doch sehr wahrscheinlich, dass er ursprünglich nach Holland geschickt wurde, um als Prädikant (Laienprediger) der niederländischen reformierten Kirche ausgebildet zu werden.“

Richtig bleibt: Die Reise trennte ihn von seiner Familie, stellte ihn allein in eine fremde Umgebung. Das Schicksals seines Bruders blieb ihm erspart: Dieser wurde als Sklave nach Suriname verschleppt. Unbestritten ist auch, dass die Holländisch-Indische Gesellschaft 1707 den Knaben an den Hof von Braunschweig-Wolfenbüttel verschenkte. Am 29. Juni jenes Jahres ließ ihn der Herzog in der Schlosskapelle auf den Namen Anton Wilhelm taufen, das Kirchenbuch vermerkt als Paten „die hiesige Sämbtl. Hochfürstliche Herrschaft“. Seinen afrikanischen Namen Amo behielt der Junge. An der seinerzeit berühmten Ritterakademie in Wolfenbüttel erfuhr er eine umfassende Ausbildung. Nach den Forschungen von Burchard Brentjes diente er wahrscheinlich nicht wie damals üblich als Kammermohr. Als Beleg dafür führt er eine von Amo in „energischer, flotter Handschrift“ unterschriebene Auszahlung für „mein Virteljährig Kostgeld und Besoldung“ an. Kostgeld – das spricht für einen eigenen Hausstand.

Als sich Amo am 9. Juni 1727 in Halle an der Saale immatrikulierte, trugen dort zwei Strömungen erbitterte weltanschauliche Schlachten aus: Auf der einen Seite die Frühaufklärer, auf der anderen die konservativen Pietisten. Deren studentische Anhänger eiferten ganz im Sinne ihrer Vorbilder gegen Toleranz und Offenheit, gegen die „höllischen Lehren“ der „Hallischen“, wie die Frühaufklärer genannt wurden. Zu Letzteren gehörte der Jura-Professor Johann Peter von Ludewig. Just zu diesem hatte der Wolfenbütteler Herzog Amo geschickt. Ludewig wurde zu Amos wichtigstem Freund und Lehrer. Der Student muss die Schärfe der weltanschaulichen Konflikte erlebt haben, sein Lehrer gehörte zu den während der pietistischen, toleranzfeindlichen Studentendemonstrationen und Krawalle am meisten angefeindeten.

Im Antrag der Grünen zur Umbenennung der Mohrenstraße heißt es, Amo habe 1729 in Halle promoviert. Das ist doppelt falsch: Er erwarb die Doktorwürde erst ein Jahr später – und zwar in Wittenberg. Zudem behaupten die Grünen, Wittenberg und Jena hätten zu jener Zeit zu Preußen gehört. Richtig ist: Wittenberg war sächsisch, Jena gehörte zum Herzogtum Sachsen-Eisenach. Falsch schreibt auch Tahir Della, Sprecher der Initiative Schwarze Menschen, in einem Text zu einer derzeit in Braunschweig laufenden Amo-Ausstellung: „1729 promoviert Amo in Halle mit einer kritischen Arbeit über die Rechte versklavter Menschen in Europa und setzte damit ein Zeichen des Widerstands gegen diese menschenverachtende Folge des europäischen Kolonialprojekts.“

Tatsächlich trat Amo im November 1729 zu seiner ersten disputatio, einem wissenschaftlichen Streitgespräch, aufs Podium, und zwar zu einem Thema, das ihm offenbar die Fakultät vorgeschlagen hatte: „Die Rechtsstellung der Mohren in Europa“.

Die Schrift ist verschollen. Woher Tahir Della seine Kenntnis vom Inhalt haben will, bleibt rätselhaft. Immerhin wissen wir aus einer Notiz, die wahrscheinlich vom hallischen Universitätskanzler stammt, dass Amo über die Verhältnisse im alten Rom gesprochen hat, wo „der Mohren ihr König bey dem Römischen Kayser ehedem zu Lehen gegangen“ sei und von demselben „ein Königspatent“ holen musste. Darüber hinaus habe Amo Überlegungen angestellt, „wie weit den von Christen erkaufften Mohren in Europa ihre Freiheit oder Dienstbarkeit denen üblichen Rechten nach sich erstrecke“.

Seine Promotion zum Doktor der Philosophie und Freien Künste erfolgte 1730 in Wittenberg. Amo war kurz zuvor vor den immer wilderen pietistischen Studentenprotesten und der Vertreibung andersmeinender akademischer Lehrer vom preußischen Halle nach Sachsen geflohen, wo der Pietismus nicht Fuß gefasst hatte. Hier erlebte Amo seine besten Jahre. Wenige Wochen nach der Immatrikulation in Wittenberg erhielt er die Magisterwürde. In seiner Promotionsarbeit zu der großen philosophischen Frage des Verhältnisses zwischen Leib und Seele „Die Apatheia der menschlichen Seele“ formuliert er eine eigenständige Position zwischen Pietisten und Frühaufklärern. Einer seiner Professoren rühmte sich, Amo zum „Doktor der Weltweisheit“ gemacht zu haben.

Glück und Elend

Neben akademischer Anerkennung erfuhr Amo höchste gesellschaftliche Ehre. Als August III., König von Polen und Kurfürst von Sachsen, am 10. Mai 1733 Wittenberg besuchte, boten Stadt wie Universität ihre höchsten Würdenträger zur Begrüßung auf. Anton Wilhelm Amo bestimmte man, den Zug anzuführen. Im überlieferten Bericht heißt es: „Der Herr M. Amo, ein Africaner, stund in der Mitten, als Commandeur über das gantze Corpo, schwartz gekleidet, einen propren Stock in der Hand tragend.“ Der Rektor der Universität, Johann Gottfried Kraus, schrieb 1733: „Er gewann die ganze Philosophische Fakultät derart für sich, dass er von den Professores einstimmig mit dem Lorbeer eines Doktors der Philosophie geschmückt wurde. Diese Auszeichnung, die er sich dank seinem Genie erworben hatte, mehrte er noch durch seine rühmlich hervorragende Rechtschaffenheit, seinen Fleiß und seine Bildung. Indem er sich so führte, machte er sich allen Besten und Gelehrtesten beliebt und leuchtete so mühelos unter seinen Altersgenossen hervor.“ Auch am geselligen Leben nahm Amo teil: Das Stadtarchiv Wittenberg bewahrt Listen des Ratskellers über säumige Zecher, darunter der Name des Rhein-Wein-Freundes Amo.

So glücklich ging es nicht weiter. Die Stimmung wurde auch in Wittenberg rauer. Der Tod seines fürstlichen Gönners brachte ihn in Finanzschwierigkeiten. Sein Freund und Lehrer Ludewig starb. Nach einer kurzen Zeit in Halle suchte Amo nach einer Existenz in Jena. In seiner Bewerbung vom 27. Juni 1739 bat er um Erlass der Einbürgerungsgebühr: „Ich bin nämlich von Hause aus arm“, schrieb er dem Dekan der Philosophischen Fakultät. Man gewährt ihm Stundung, und er konnte Vorlesungen anbieten.

Dann traf ihn ein schwerer Schlag, die für jeden Menschen wohl schlimmste Demütigung: Nunmehr etwa 40 Jahre alt hatte er um eine Frau aus Halle geworben. Zwei Gedichte, die in der Kantonalbibliothek Aarau überliefert sind, gelangten in die Hände eines übel beleumdeten Großmauls namens Johann Ernst Philippi, der den „galanten Liebesantrag“ an Mademoiselle Astrine der Öffentlichkeit zum Fraß vorwarf. Die Angehimmelte hatte Amos Werben abgelehnt. Die Öffentlichkeit amüsierte sich über den Gescheiterten, Amo wurde rassistisch als Waldmensch und Satyr beleidigt.

Tief verletzt kehrte Amo 1747 nach Ghana zurück. Der Schweizer Schiffsarzt David Henrij Gallandat traf ihn 1753 in Axim in „schwermütiger Stimmung“. Nur wenige Kilometer entfernt lebten noch Vater und Schwester. Amo wählte ein Dasein als Eremit, seinem Volk galt er als Wahrsager. Später zog er in das holländische Fort San Sebastian bei Shama, wo er irgendwann nach 1753 starb. Auf seinem später errichteten Grab steht das Todesjahr 1784.