Mit dem Dokumentarfilm „Wochenendkrieger“, der am Donnerstag in die Kinos kommt, gewährt Regisseur Andreas Geiger einen Einblick in die Welt der Liverollenspieler. Beim sogenannten LARP („Live Action Role Playing“) treffen sich zwischen 30 und 7 000 Teilnehmer zum gemeinsamen Rollenspiel an zur Handlung passenden Orten. Die Szenarien sind häufig im Fantasy-Bereich angesiedelt, wobei viel Wert auf Verkleidung, Sprachgebrauch und das entsprechende Rollenverhalten gelegt wird. Der Berliner Dirk Neumann arbeitet als Sekretär bei den Grünen, ist seit 2004 in der LARP-Szene aktiv und in „Wochenendkrieger“ als Fürst des untoten Fleisches zu sehen.

Herr Neumann, können Sie uns erklären, was für Sie den Reiz des Liverollenspiels ausmacht?

Ich glaube, die Interaktion, das Spielen miteinander. Das hat man zwar auch bei Online-Rollenspielen, aber es ist etwas ganz anderes, wenn ich mit Tastatur und Maus einen Helden durch eine Schlacht führe, oder wenn ich selber der Kämpfende bin, Metall am Körper habe und auf jemanden „eindresche“. Es ist auch die Bewegung an der frischen Luft und die körperliche Herausforderung: Bei 35 Grad eine Rüstung zu tragen, ist nicht immer angenehm. Aber so ein Wochenende Liverollenspiel ist tatsächlich wie ein Kurzurlaub.

Es ist also auch entspannend?

Es ist extrem entspannend. Man hat seine Armbanduhr nicht um, sein Handy nicht dabei, man hat nicht den Zwang, abends seine Facebook-Seite zu checken. Man ist wirklich weg von allen „Segnungen“ des modernen Kommunikationslebens.

Im Film „Wochenendkrieger“ läuft es am Ende auf eine große Schlacht hinaus. Geht es hauptsächlich um Kämpfe?

Nein, der Kampf ist Bestandteil, aber nicht einziger Inhalt des Liverollenspiels. Wir kämpfen ja auch nicht wirklich, wir simulieren nur. Dabei nimmt man eine Perspektive ein, die man im realen Leben eher schwer einnehmen kann. Zum Beispiel, einfach mal ein Arschloch sein: „Der Bauer hat mich gerade angerempelt, den bringe ich jetzt um.“ Man könnte es auch „Ferien vom Ich“ nennen.

Schlüpft man auch gerne in die Rolle des Unterlegenen?

Es macht einen Heidenspaß aufzuschreien, sich ans Bein zu fassen und sich in den Dreck zu werfen, weil man „schwer verletzt“ ist. Da macht auch Verlieren Spaß, insbesondere wenn tolle Heiler da sind, man danach im Lazarett liegt, auf ein Beißholz beißt, mit Kunstblut eingesaut wird und sich von denen mit Nadel und Faden zusammenflicken lässt. Das ist großartig!

Sie sagen im Film, dass das Hobby Außenseiter anzieht. Warum?

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Ich glaube, dieses Hobby ist attraktiv für Menschen, die im realen Leben vielleicht nicht die Bestätigung finden, die sie brauchen. Die können aus ihrem Leben ausbrechen. Für die ist es eher eine „Flucht vor dem Ich“. Und es ist oftmals frappierend, wenn man diese Leute nach so einem Wochenende wieder trifft und denkt: „Oh, das ist der?“

Der Filmverleih schreibt, beim LARP würden „die großen Sehnsüchte der Menschen von heute sichtbar“. Was sind das für Sehnsüchte?

Die heutige Welt wird von vielen als nicht mehr durchschaubar und überkomplex wahrgenommen. Es gibt eine gewisse Orientierungslosigkeit. Uns sind in den vergangenen Jahren die Feindbilder abhanden gekommen. Im Westen war es der böse Russe, im Osten die böse Nato oder der böse Amerikaner. Diese Strukturierung ist weggebrochen. Auch die Gesellschaft ist divergenter geworden. Viele Menschen haben eine Sehnsucht nach Orientierung in irgendeiner Form, nach Handlungsprämissen, die gesellschaftlich akzeptiert sind. Beim Liverollenspiel gibt es eine sehr klar strukturierte Welt: Da sind die Bösen, dort die Guten.

Im Film halten Sie als Fürst des untoten Fleisches eine kriegerische Ansprache an Ihr Heer. Erinnert Sie das manchmal an Durchhalteparolen von Politikern?

Ich glaube, ganz so platt machen es die Politiker – zumindest in unserem Land – nicht. Wir bedienen uns ja auch Bildern, die grenzwertig sind. In der Rolle der Untoten zum Beispiel folgen wir der Knochenkönigin bis in den Tod.

Das heißt, wenn das Setting eines Liverollenspiels historisch ist, ist es die Sprache auch?

Ja, man versucht dann, „mittelalterlich“ zu sprechen. Man sagt nicht: „Wir gehen da jetzt mal rüber“, sondern: „Wir schreiten hinüber.“ Ich versuche immer, ein oder zwei Shakespeare-Zitate einzustreuen, die Ansprachen, die Heinrich IV. bei Shakespeare vor seinen Truppen hält, die sind genial und sehr gut dafür geeignet.

So was verwendet eine Claudia Roth ja vermutlich nicht.

Seltener.

Aber Joschka Fischer damals?

Der vielleicht. Wobei ich glaube, dass ein Alexander Dobrindt oder eher noch ein Jean-Marie Le Pen so reden würde. Parteien, die versuchen, ein einfaches Weltbild zu vermitteln, mit einfachen Lösungsansätzen, die neigen natürlich auch dazu zu simplifizieren. Und da sind die Botschaften dann auch einfacher. „Schlagt sie tot!“ ist eine einfache Botschaft. Die macht ein Holger Apfel genauso, wenn die Kamera aus ist, wie es der Fürst des untoten Fleisches tut.

Wo wir gerade bei Politik sind: Wäre „Berlin, 1. Mai“ auch ein mögliches Setting für ein Liverollenspiel?

Nein, ich glaube nicht, weil es zu dicht an der Realität und der Gegenwart ist.

Interview: Klara Bitzer