Auf der Karte ist sie nur ein dahingetupfter Fleck im Seddinsee, weit im Berliner Südosten. Die Insel Dommelwall, komplett überwuchert und ohne Brücke zum Land. Längst ist fast vergessen, dass sich ausgerechnet hier, in dieser Abgeschiedenheit, in den 30er- und 40er-Jahren ein Stück Zeitgeschichte zugetragen hat, das diesem Ort den Namen Sonneninsel eintragen sollte – mitten in den dunkelsten Jahren des letzten Jahrhunderts.

Erst jetzt wird die Geschichte der Sonneninsel und ihrer Bewohner zum ersten Mal richtig erzählt: im gleichnamigen Dokumentarfilm, der am heutigen Montag in 3sat gezeigt wird. Es sind Filmaufnahmen, die das Ringen um eine Utopie zeigen – und den Kampf um ein kleines privates Glück. Auf der Bühne des schilfumrankten Dramas finden sich keine geringeren ein, als zwei der anerkanntesten Architekten der Weimarer Republik: Leberecht Migge und Martin Elsaesser. Und eine Dritte – die stille Heldin der Geschichte.

Migge und Elsaesser lernen sich in den 20er-Jahren in Frankfurt am Main kennen, wo Elsaesser als einer der Vordenker des „Neuen Bauens“ wegweisende Projekte wie die monumentale Großmarkthalle entwirft, die heute die Europäische Zentralbank beherbergt. Wie Elsaesser, so setzte auch Migge auf Veränderung. Von ihm stammen zahlreiche Schriften, in denen er sich für eine neue Form der Landschaftsgestaltung einsetzte und für die Idee einer nachhaltigen individuellen Selbstversorgung warb.

Migge sah im Garten des 20. Jahrhunderts ein soziales Erneuerungsprojekt der kleinen Leute, eine landschaftsgestalterische Revolution, mit der er die Beziehungen von Natur, Stadt und Mensch grundlegend neu denken wollte. Die Spuren seines Denkens finden sich noch heute, auch in Berlin, an Orten wie der Hufeisensiedlung und der Siemensstadt, deren Gestaltung er entscheidend prägte. 

Garten der Hunderttausend

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten erfuhr die Karriere der beiden Aufsteiger jedoch eine Wende. Elsaesser, der als Jude und Sozialist diffamiert wurde, hatte Frankfurt am Main 1932 verlassen. Auch Migge fand trotz Bemühen um die Gunst der neuen Machthaber keinen Anschluss mehr. Zu suspekt muss ihnen der individualistische Anstrich der Reformen dieses „grünen Bolschewiken“ gewesen sein.

Ohne Aussicht darauf, seine Vorstellungen im Rahmen offizieller Aufträge noch umsetzen zu können, kehrte auch Migge Frankfurt am Main den Rücken und pachtete Anfang der 30er-Jahre ein sumpfiges Stückchen Inselland am äußersten Rande Berlins. Hier nun sollte seine Vorstellung einer sich selbst versorgenden Gemeinschaft Gestalt annehmen. An das Wasserbauamt Köpenick richtete er sein Versprechen, den Dommelwall „aus Liebhaberei zu pflegen und zu entwickeln.“ Eine Liebe ganz anderer Art verschwieg er in seinem Brief jedoch.

Nichts sollte verlorengehen 

„Jetzt, da Du mein Herz fest in Deines geleert hast, da weiß ich es“, schrieb er im Mai 1929 an Liesel Elsaesser. Schon zu Frankfurter Zeiten hatte er eine Affäre mit der Frau seines Kollegen angefangen. Und seither nicht mehr aufgehört, sie zu bestürmen: „Du willst nicht kämpfen, aber Du musst. Denn fürderhin werde ich, Dein Liebhaber, um die Ausschließlichkeit Deiner Liebe kämpfen, ganz simpel: um Deinen Besitz.“

1934 folgte Liesel ihrem Liebhaber auf das Eiland, wo dessen Ideen längst den Boden durchwirkten. Ein Teil der Insel war von der Stadtreinigung mit Müll aufgeschüttet worden, die Schilfgürtel rund um die Ufer wurden befestigt, Obstbäume und Sträucher gepflanzt, und nach einer ersten kargen Zeltlaube entstand auch ein größeres Wohnhaus.

Nichts sollte verlorengehen, Müll und Abfälle kehrten in den Boden zurück, um der Natur Nahrung zu geben. Ein Ort, der seine Bewohner unabhängig machen sollte von der Außenwelt. Die Vision Migges vom „Garten der Hunderttausend“, mit der er das Leben der gesamten Bevölkerung hatte verändern wollen, die Urzelle des Kleingartens also, hier entstand sie: auf einer nur leicht über dem Wasserspiegel schwebenden Moorkrone im Schatten der Hauptstadt. Migge taufte sie die Sonneninsel.

Ein entzaubertes Eden

Von Anfang an ist es unwirkliches Idyll, von Kampf und Widersprüchen gezeichnet: der Ort einer Liebe, die nicht hätte sein dürfen; ein Garten, aus unwirtlichem Sumpfland gewonnen, und nicht zuletzt die Stätte einer alternativen Lebensgestaltung: Ausgerechnet in den Jahren, in denen die Nazis die Volksgemeinschaft beschworen, verwirklichte am Rande der brütenden Germania-Fantasien einer der bekanntesten Architekten der untergegangenen Weimarer Republik einen Traum vom Ausstieg.
Das erste Glück währte nicht lange. Im Mai 1935 starb Migge und ließ als Erbe die tägliche Last seiner Vision zurück: knochenharte Arbeit statt beflügelnder Utopie.

„Es ist nicht auszusagen, wie ich von vier, halb fünf Uhr morgens bis acht, halb neun Uhr abends zu Gange bin“, schrieb Liesel an eine Freundin. Ein entzaubertes Eden des Wasserschleppens und Kompostierens, um das sie dennoch kämpfte. Auf den Aufnahmen, die jetzt im Dokumentarfilm zu sehen sind, hat sich Liesels Erscheinung in atmosphärischen Schwarzweißbildern erhalten. Eine immer rauchende, immer anpackende Gestalt, mit Haaren wie vom Sturm verweht. Eine, die mit stolzen Schritten ihr kleines Reich vermisst.

Prinzip der Selbstversorgung

Dommelwall entwickelte sich zu einem Anziehungspunkt für Menschen aus dem Freundeskreis der Elsaessers, für Künstler und Intellektuelle wie die Schriftstellerin Irmgard Kern, die Pianistin Maria Proelss und ihre Partnerin Hanni Rocco oder den Schriftsteller Ernst Fuhrmann. Auch Martin Elsaesser zog irgendwann auf die Insel zu Liesel – es ist sein Gang ins innere Exil, der Rückzug eines einst gefeierten Architekten, der hier nun als Statist das Lebenswerk eines anderen bewohnte. 

In den Jahren der größten Not erfüllte sich schließlich der Traum des Paradieses auf tragische Weise: Während überall Nahrungsknappheit herrschte, ging das Prinzip der Selbstversorgung hier auf. Und es war Liesel, die dem morastigen Inselland diesen Sieg irgendwann abrang und so die Ideen Migges ins Werk setzte. Ohne sie wäre Dommelwall nie zur Sonneninsel geworden.

Abgeschirmtes Idyll auf Zeit

Zuletzt war die Insel auch ein Fluchtort in den Bombennächten. „Das ist das Draußen, dauernd gewusst. Aber hier wohnt der Frieden auf der Schwell“, schrieb Liesel im September 1942 über das Leben auf Dommelwall. Es sind Worte, die das abgeschirmte Idyll beschreiben, das die Insel für ihre Bewohner in diesen Tagen gewesen sein muss – ein hart erkämpftes, mühseliges und am Ende nicht dauerndes Glück.

Von Osten kommend zog die Rote Armee in ihrem Befreiungsfeldzug 1945 über die Insel hinweg. Den Aussteigern war die Welt auf die Schliche gekommen – Liesel und Martin verließen 1946 die Insel für immer.

Gut und gnadenvoll grausam

Noch einige Jahre weilte sie wie im Dämmerschlaf, Jugendliche hörten hier heimlich Rolling Stones, ein letztes Echo des Außenseitertraums. Der DDR diente das Haus als Domizil für Arbeiterfamilien. Nach der Wende sank das Haus zur Ruine zusammen. Heute erinnert kaum noch etwas an die Geschichte seiner Bewohner, an ihre Visionen und die harte Realität.

„Wenn aber dann die abendliche Stille sich niedersenkt und Einsamkeit einen wie Watte einwickelt“ schrieb Liesel einmal über ihr Leben auf Dommelwall, dann „weiß ich, dass es niemand auf der Welt so selbsterwählt gut und so gnadenvoll grausam hat wie ich.“ Der heutige Besitzer will von all dem nichts wissen und hat den Zutritt durch Schilder untersagt, sagt Thomas Elsaesser, der Regisseur des Films. Ohnehin führt ja keine Brücke hierher. Die Bootssaison hat indes gerade angefangen.

„Die Sonneninsel“: Dokumentarfilm von Thomas Elsaesser, 16. April 2018, 22.25 Uhr, 3sat