Potsdam - Für einen Moment verliert Herr Wichmann die Kontrolle. Seine Augen weiten sich und flackern leicht, als könne er nicht glauben, was er da hört. Vor dem Abgeordneten sitzt bei Kaffee und Kuchen eine Gruppe älterer Damen aus seinem Wahlkreis und zieht von Herzen über Hartz-IV-Empfänger her: Wer von denen raucht, ereifert sich eine mit gerötetem Gesicht, solle gar kein Geld bekommen. Herr Wichmann schweigt, legt den Zeigefinger längs über die Lippen und schaut für ein, zwei Sekunden entgeistert, bevor er seine Züge wieder in den Griff bekommt.

Ein Augenblick nur, im wahrsten Sinne des Wortes – aber eine der wenigen Szenen im neuen Film über den Christdemokraten aus der Uckermark, in dem er wirklich Gefühl erkennen lässt. „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ heißt das Werk des Regisseurs Andreas Dresen, weil der Protagonist bei Drehbeginn neu im Landtag war und in der CDU-Fraktion ganz hinten sitzt. Das ist die Idee: Was einer macht und erlebt, der sich für die Politik als Beruf entschieden und die erste Hürde genommen hat, die Wahl ins Parlament.

Tja, der Schreiadler

Die Zuschauer sehen Wichmann dabei zu, wie er kreuz und quer über Land fährt und sich die kleinen Sorgen der Bürger anhört: Ein Zug, der am Bahnhof Vogelsang zwar hält, aber nicht die Türen öffnet; eine illegale Mülldeponie im Wald; die Rechenschwäche von Lehrlingen im Handwerk; ein Radweg, der wegen nistender Schreiadler nicht gebaut werden darf.

Tja, sagt Wichmann in einer Krisenrunde mit Betroffenen und Beteiligten, „der Schreiadler hat in Brandenburg schon vieles verhindert.“ Die Grünen-Abgeordnete Ursula Nonnemacher, deren Partei beim Schreiadler eher anderer Ansicht ist als Herr Wichmann, hält den Film wegen solcher Momente für gelungen. „Er zeigt sehr gut die Mühen der Ebene“, sagte sie nach einer Sondervorführung für die Mitglieder des Landtags in Potsdam.

Wichmann erzählt, er habe die Kamera, die ihn ein Jahr lang begleitete, irgendwann vergessen. „Es hat großen Spaß gemacht.“ Nur manchmal habe es Stress gegeben, „weil ich schneller war als das Team“ – auf dem Bahnhof in Vogelsang etwa, wo er wie ein Sprinter dem nicht öffnenden Zug nachläuft, während Kamera- und Tonmann kaum hinterher kommen.

Mit Dresen ist er ohnehin befreundet, seit der ihn vor zehn Jahren schon einmal zum Helden einer Dokumentation machte. „Herr Wichmann von der CDU“, hieß die und zeigte Wichmanns vergebliche Kandidatur für den Bundestag 2002. Er habe damals gedacht, der Streifen werde spät im dritten Fernsehprogramm gesendet, sagt Wichmann. Es wurde aber ein kleiner Kultfilm daraus und Herr Wichmann zu einer Marke, wenn nicht zu einem Star für Eingeweihte.

Im Landtag dagegen musste er sich erstmal hinten einordnen, noch dazu in der Opposition. Wie frustrierend das sein kann, hat Wichmann vorige Woche wieder erlebt. Da musste er der Exekution eines eigenen Antrags beiwohnen: Als der von ihm verfasste Vorschlag, Musterklagen für Altanschließer zuzulassen, aufgerufen wurde, saß er als Schriftführer auf dem Podium und zählte die wenigen Ja und die vielen Nein zusammen. Natürlich reichte es nicht, Antrag abgelehnt. „Das gehört zur Demokratie“, sagt Wichmann tapfer. So leicht kann ihn nichts verdrießen.“

„Kaum mehr als Hartz-Bezüge“

Er gibt offen zu, dass ihn die Popularität dank der Filme durchaus reizt. „Es hilft immer, wenn man in den Medien vorkommt.“ Nur zeigt Dresen ab und an auch die Schattenseiten. Beim Kuchenessen mit den älteren Damen kann Wichmann der Versuchung nicht widerstehen, dem Affen Zucker zu geben: Er selbst, behauptet der Parlamentarier, habe ja nach allen Abzügen selbst kaum mehr als ein Hartz-Empfänger. Die Anteilnahme der zuvor so empörten Rentnerinnen ist ihm sicher.

Solche Szenen sind selten, aber sie sind die stärksten im Film. Natürlich habe er versucht, gut rüberzukommen, sagt Wichmann, „aber ein Jahr lang hält man das nicht durch. Irgendwann ist der echte Wichmann durchgekommen.“ Privates dagegen blieb fast ganz außen vor, „das hätte gestört“. Wichmann, so viel wird klar, versteht sich als Profi – nur eben als einer, der sich beim Arbeiten beobachten lässt. Das Publikum bekommt gezeigt, dass Politik tatsächlich oft „das langsame Bohren von harten Brettern“ ist, wie der Soziologe Max Weber es ausgedrückt hat.

Das nennt Wichmann als Grund, überhaupt mitzumachen. Trotz Facebook und Twitter gehe es darum, sich Zeit für den Wahlkreis und die Menschen dort zu nehmen. „Es ist ein Film über mich“, sagt er, „aber auch über den Zustand unserer parlamentarischen Demokratie.“