Vier Tage nach den Schüssen im Berliner Dom sind in Justizkreisen offenbar Zweifel an der Aussage der beteiligten Polizisten aufgetaucht. Demnach ist es nicht eindeutig, ob der 53 Jahre alte Angreifer aus Österreich die Beamten tatsächlich mit einem Messer attackierte. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Martin Stelter sagte: „Er hatte ein Messer bei sich. Wo und wann er es trug, wird noch ermittelt.“

Der Untersuchungsrichter lehnte bereits am Dienstag ab, Haftbefehl wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung gegen den Mann zu erlassen. Für ihn gebe es noch zu viele offene Fragen, wurde seine Entscheidung begründet. Noch wurde der in Wien geborene Mann nicht befragt, weil er weiterhin im Koma liegt. Unter Umständen wird er in die Psychiatrie eingewiesen, statt in Untersuchungshaft genommen zu werden.

Verstärkung wurde nicht gefordert

Sollten die Beamten aus der Direktion 3 tatsächlich auf einen Unbewaffneten geschossen haben, dann wäre das einer von mehreren groben Fehlern bei dem Einsatz. Intern wundern sich Fahnder darüber, dass die beiden Streifenbeamten nicht um Verstärkung gebeten haben, als sie mitbekamen, dass der Mann hochgradig aggressiv war. Des Weiteren ist unklar, weshalb vier Schüsse auf den Randalierer abgegeben werden mussten, um ihn zu überwältigen. Dazu kommt, dass der Partner des Schützen an der falschen Stelle stand und dabei versuchte, den Mann von hinten mit Reizgas zu besprühen. Deshalb war er von einem Projektil an der Hüfte getroffen und verletzt worden. Die Polizeiführung äußerte sich zu den Vorwürfen bislang nicht und verwies auf die Staatsanwaltschaft.

Am vergangenen Sonntag hatte eine Mitarbeiterin des Doms die Polizei alarmiert, weil ein Mann im Altarraum schreiend umherlief und randalierte. Sie soll nach Angaben der Polizei dabei auch gesagt haben, dass der Randalierer ein Messer führe. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich hundert Besucher in dem Gebäude. Sie wurden von Angestellten des Doms unverletzt nach draußen gebracht. Kurz darauf trafen die beiden Polizisten ein.

Deren Einsatz filmte eine Dombesucherin, die sich auf der Empore in Sicherheit gebracht hatte. Auf dem verschwommenen Film, der in geschnittener Fassung auf verschiedenen Seiten im Internet zu sehen ist, lässt sich kein Messer in der Hand des Mannes erkennen. Was er auf die lautstarke Aufforderung der Beamten erwidert, sich auf den Boden zu legen, ist nicht zu verstehen.

Kritik am Umgang mit psychisch Verwirrten

Er scheint sich zunächst ruhig zu verhalten, geht aber auf einen der Beamten zu, der ihm daraufhin einen Tritt in die Brust versetzt. Als die Beamten ihn von zwei Seiten mit Reizgas besprühen, greift er an. Kurz darauf fallen die Schüsse. Sie treffen den Österreicher in die Beine, ein Querschläger verletzt einen der Polizisten.

Mittlerweile wurde bekannt, dass der Mann an ansteckenden Krankheiten leiden soll. Die Polizeiführung legte inzwischen den Beamten, die mit Roman M. in Kontakt gekommen waren, aus Fürsorgepflicht nahe, sich medizinisch untersuchen zu lassen. Bei dem 53-Jährigen sollen Anzeichen von Hepatitis C und HIV entdeckt worden sein.

In der Vergangenheit gab es wiederholt Kritik am Umgang der Polizei mit psychisch Verwirrten. In Berlin werden die Beamten inzwischen regelmäßig darin geschult, wie sie sich in entsprechenden Situationen verhalten sollten.