Neulich rief Martin Prinz bei der Berliner Zeitung an. Er hat mit dem früheren österreichischen Skilangläufer Johannes Dürr ein Buch geschrieben. Es heißt „Der Weg zurück: Eine Sporterzählung“ und sorgte mit dafür, dass jetzt bei der nordischen Ski-WM in Seefeld und parallel in Erfurt insgesamt neun Personen festgenommen wurden.

Das Buch erzählt nämlich über Doping und die Mechanismen des Geschäfts. Und genau um die ging es beim Telefonat mit Martin Prinz. Er wollte sich gegen die Behauptung wehren, Johannes Dürr dränge nur in die Öffentlichkeit, um seine Neuerscheinung zu vermarkten. So ähnlich jedenfalls hatte sich Bundestrainer Peter Schlickenrieder in dieser Zeitung geäußert, was wiederum stark an ein bekanntes Prinzip im Umgang mit Doping erinnerte: Der Überbringer der schlechten Nachricht wird geteert, gefedert, verbannt.

Oft geht es auch um die reine Erhaltung der wirtschaftlichen Existenz

Der Fall des Kronzeugen Johannes Dürr und seine Weiterungen zeigen, was andere Fälle davor offenbarten und in Zukunft offenbaren werden. Er zeigt zunächst: Doping ist ein Problem, das aus der inneren Logik des Hochleistungssports entsteht. Bezeichnenderweise waren es Athleten aus der zweiten Reihe, die in die Fänge der Justiz gerieten. Die im Streben nach Verbesserung mit unerlaubten Methoden nachhalfen.

Sportbetrug zielt längst nicht nur darauf ab, sich Medaillen zu erschleichen, lukrative Werbeverträge zu ergattern. Im Profisport zumal geht es oft um die reine Erhaltung der wirtschaftlichen Existenz. Auch ein Wasserträger muss sehen, wo er bleibt. Gerade er.

Da ist es geradezu logisch, dass sich die festgenommenen Athleten offenbar mit Hilfe einer Art Dopingindustrie in Schwung brachten, die sich um den Sport ansiedelt und ihre klandestinen Dienstleistungen nah am Kunden verrichtet. Bis zu 60 Athleten soll der Erfurter Mediziner Mark S. in seiner Kartei gehabt haben, in diversen Sportarten.

Eine ernstzunehmende Analyse würde den Hochleistungssport nicht unter Generalverdacht stellen

Nach der Operation Puerto der spanischen Polizei gegen den Gynäkologen Eufemiano Fuentes oder der Operation Oil for Drugs der italienischen Justiz gegen den Sportmediziner Carlo Santuccione verdeutlicht nun die Operation Aderlass deutscher und österreichischer Ermittler, dass solche Netzwerke weiter existieren, dass die Nachfrage fortbesteht. Und ganz nebenbei, dass die These, der Sport könne sich lediglich von innen heraus reinigen, nicht zutrifft.

Nicht jeder Funktionär steht automatisch unter Verdacht, das Problem von Amts wegen marginalisieren zu wollen. Diesem Vorwurf sieht sich Peter Schröcksnadel ausgesetzt; dem Präsidenten des Österreichischen Ski-Verbandes (ÖSV) warf Kronzeuge Dürr vor, kein ernsthaftes Engagement bei der Bekämpfung der sportiven Seuche an den Tag zu legen. Eine ernstzunehmende Analyse aber würde den Hochleistungssport und seine handelnden Personen nicht unter Generalverdacht stellen. Pauschalisierungen dienen nicht der Sache des sauberen Sports. Ebenso wenig ist ihr aber damit gedient, Dopingfälle als Einzelfälle zu deklarieren.

Die schlechte Nachricht mal lesen, bevor ihr Überbringer geteert, gefedert, verbannt wird

Auch das gehört seit jeher zum branchenüblichen Repertoire im Umgang mit Doping. Nicht zuletzt in Deutschland. Nachdem etwa die Tour de France 1998 ein bis dahin unbekanntes Maß an organisiertem Sportbetrug zutage treten ließ, richtete sich hierzulande der Blick nach Spanien, Italien, zeigten die Finger auf französische Radprofis, auf Schweizer. Der deutsche Tour-Sieger Jan Ullrich, der deutsche Topsprinter Erik Zabel, die deutschen Edelhelfer Udo Bölts oder Rolf Aldag – sie alle wurden nicht in die Überlegungen einbezogen, obwohl sie fleißig voranstrampelten.

Das Problem wird isoliert und gilt damit als gelöst. ÖSV-Chef Schröcksnadel will sich sogar von der gesamten Langlauf-Sparte trennen. Das hat er an diesem Donnerstag gesagt. Pauschalisierung mal andersherum.

Co-Autor Martin Prinz hat am Ende des Telefonats noch einen Vorschlag zur Güte gemacht. Er hat empfohlen, sich vorurteilsfrei mit der Sporterzählung des Johannes Dürr zu befassen. Die schlechte Nachricht vielleicht sogar mal zu lesen, bevor ihr Überbringer geteert, gefedert, verbannt wird. Klingt nach einem Anfang. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.