Diesen besonders unter kleinen Jungs weit verbreiteten Traum vom Leben als Busfahrer träumte Dirk Poguntke nie. Den Chef des Stadtrundfahrt-Unternehmens Berlin City Tour interessierte schon immer eher die technische Seite von so einem Bus. Umbauen, reparieren, optimieren das ist die Welt des Diplom-Ingenieurs.

„Ich war immer technikaffin. Habe ich ein Dreirad geschenkt bekommen, wurde das erst mal auf die Seite gelegt, um herauszukriegen, warum sich die Räder drehen.“ Wenn jemand zu ihm sagt: Das kriegst du sowieso nicht wieder zum Laufen, dann findet er immer besonders reizvoll, das Gegenteil zu beweisen. Als Jugendlicher sammelte er in der Nachbarschaft in Nikolassee kaputte Rasenmäher und Schneefräsen ein und reparierte sie. „Die tuckerten dann durch den Garten der Großmutter.“

Auch bei Weltstars beliebt

Irgendwann erwischte ihn der „Virus Bus“ und er gründete mit anderen Enthusiasten 1989 vor der Maueröffnung die AG Traditionsbus. „Viele der anderen Mitglieder sammelten alte Busschilder und wollten die bloß mal wieder an einem historischen Bus sehen. Ich konnte den Schrotthaufen wieder Leben einhauchen.“

Zum Fall der Mauer gab es über 1200 Doppeldeckerbusse in Berlin. „Die Kisten sind verkauft worden. Wir haben sie im Bundesgebiet gesucht und aus fünf oder sechs von ihnen einen funktionierenden Wagen gebaut.“ Das passte gut in die Zeit. In den 90er Jahren begann das große Geschäft mit den Städtereisen. Wer nur für zwei oder drei Tage in eine Großstadt wie Berlin fuhr, der war ein potenzieller Kunde für eine Stadtrundfahrt. „Wir waren die ersten, die 1994 mit offenen Bussen den Markt auf den Kopf stellten. Man wollte nicht mehr in klimatisierten Fahrzeugen mit abgedunkelten Scheiben durch die Stadt fahren. Die Stadt wächst nach oben. Das will ich doch sehen.“

Poguntke kaufte Hunderte der Doppeldeckerbusse auf und baute sie um. „Die laufen heute in Rejkjavik, Moskau, Madeira und Hawai.“ Und in Berlin. Immer wieder kaufen sich auch Weltstars ein Ticket und lassen sich die Stadt erklären. Sonderwünsche gibt es dabei nur selten: „José Carreras wollte einmal mehr um die Siegessäule gefahren werden. Kein Problem.“

Seine Stadtführer sucht Poguntke unter den Studenten der Geschichtswissenschaften, Theaterwissenschaft und Politologie. „Wir machen unsere eigenen Schulungen. Es geht nicht darum, den Leuten Jahreszahlen um die Ohren zu hauen. Es geht um anderthalb Stunden Theater mit Spannungsbogen.“

Auch unter den Filmproduktionsfirmen spricht sich herum, dass Poguntke ein Bastler ist, bei dem sich eine Anfrage lohnt, wenn historische Fahrzeuge benötigt werden. Oder täuschend echte Nachbauten: „Gut erhaltene alte Fahrzeuge sind inzwischen zu teuer und zu schade dafür, um sie bei Filmaufnahmen kaputt zu fahren.“ Für den historischen Film „Monuments Men“, bei dem George Clooney Regie führte und die Hauptrolle spielte, wurden drei identische Militärfahrzeuge gesucht. Poguntke lieferte.

Ein Bus für eine Million

Wenn Rockstars heute auf Tournee sind, dann schlafen sie in einem Nightliner-Bus in einem von Dirk Poguntke mitentwickelten Bettensystem. Er spricht voller Stolz darüber, wie es gelang, mit Crashtests zu beweisen, dass man in so einem rollenden Bett mit sogenannten Prallwänden sicherer reist als in einem Sitz mit Beckengurt. Der Arbeit an den Nightlinern verdankt der Ingenieur auch einen ganz besonderen Auftrag, den er nie vergessen wird. Eine saudische Prinzessin, deren Tochter in Greifswald an den Mandeln operiert wurde, lernte einen der besser ausgestatteten Busse kennen.

Und hatte anschließend noch viel weiter gehende Wünsche: „Für sie haben wir einen Bus zu einer Spielwiese aus 1001 Nacht umgebaut. Besonderer Gag: Das geflieste Bad hatte ein Bullauge, vor dem ein Flachbildschirm eingebaut war, auf dem Aufnahmen von schwimmenden Fischen liefen.“ Diesen Bus im Wert von einer knappen Million Euro hat er der Prinzessin persönlich nach Riad gebracht.

Eines der aktuellen Lieblingsprojekte von Poguntke ist sein Elektrobus. Der fährt aktuell auf der Tour durchs Regierungsviertel und schafft mit einer Batterieladung 120 Kilometer. Auf dem Gebiet der Elektromobilität hat die deutsche Industrie einen großen Vorsprung verschenkt, indem sie jahrzehntelang auf Verbrennungsmotoren setzte und noch heute setzt: „In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden bei AEG in der Brunnenstraße Elektrofahrzeuge gebaut. Mein Vater hatte einen Lkw-Führerschein, da stand auf der Rückseite: Gültig für elektrisch angetriebene Fahrzeuge.“