Kittlitz/Müncheberg/Neuhardenberg - Der Mitarbeiter der Behindertenwohnstätte in Kittlitz will die Tür gleich wieder zuschlagen. „Wir dürfen nichts sagen“, erklärt er mit Blick auf die benachbarte Förderschule. Seit bekannt wurde, dass in den dreistöckigen Gebäuderiegel in diesem Jahr 130 Flüchtlinge einziehen sollen, sind die Dorfbewohner in Aufruhr. Damit wird sich die Einwohnerzahl des Ortsteils von Lübbenau im Spreewald mehr als verdoppeln. Erst kürzlich erfuhren die rund 100 Alteingesessenen auf einer Versammlung von den Plänen des Landkreises Oberspreewald-Lausitz. Der Bürgermeister von Lübbenau, Helmut Wenzel, erhielt ein anonymes Schreiben, in dem er bedroht wird. Ein Dorfbewohner hat unterdessen damit begonnen, einen hohen Zaun um sein Haus zu bauen.

An diesem trüben Spätnachmittag ist in Kittlitz kein Mensch auf der Straße zu sehen. Geschäfte gibt es nicht. Bei manchen der etwa 40 Einfamilienhäuser sind an den Fenstern die Jalousien heruntergelassen. Es scheint, als hätten sich die Anwohner schon jetzt verbarrikadiert.

Dagegen stehen die Türen zum Heim von Jupp Kötting weit offen. Er schließt nie ab. Jeder kann sein „Geist-Körper-Seele-Zentrum“ betreten, auch wenn der Besitzer nicht da ist. „Hier werden die Messer gewetzt“, sagt der 65-Jährige über die Gemütslage im Dorf. „Rechtes Gedankengut blüht auf.“ Es gebe keine einzige Stimme, die sich für den Zuzug der Asylbewerber ausspreche.

Der gebürtige Rheinland-Pfälzer kaufte vor zehn Jahren das Gemeindezentrum und renovierte es. Die Wände sind in hellen Farben gestrichen, im Wohnraum steht ein Klavier. Kötting hat einen „Garten der Herzen“ mit Pyramiden und Skulpturen angelegt, Besucher können bei ihm übernachten. Auch kostenlos. „Es kommen viele ausgebrannte Menschen aus Berlin“, sagt er.

„Eine Zeitbombe“

Der frühere Bandschlagzeuger sagt, er habe sich auf den Weg der Liebe begeben. Doch mit der Ansiedelung von so vielen Flüchtlingen fühlt er sich überfordert. „Man kann kein ganzes neues Dorf in ein bestehendes integrieren“, sagt er. Kötting befürchtet, dass es in Kittlitz so weit kommen könnte wie in Tröglitz (Sachsen-Anhalt). Dort verteidigte der Bürgermeister eine geplante Flüchtlingsunterkunft und trat nach Drohungen zurück. Auf das noch nicht bezogene Heim wurde vor wenigen Tagen ein Brandanschlag verübt. Für die aufgeheizte Stimmung in Kittlitz macht Kötting die Politiker verantwortlich, die Anwohner seien unzureichend informiert worden. Er spricht von einer Zeitbombe. Auch für die Flüchtlinge sei dieser Standort unzumutbar. „Hier gibt es keine Verkehrsanbindung.“

Das Landratsamt in Senftenberg verteidigt sein Vorgehen. Die Förderschule sei für die Unterbringung von Asylsuchenden geeignet, sagt Büroleiter Falk Peschel. „Sie muss nur geringfügig umgebaut werden.“ Die Unterrichtsräume seien relativ klein, es gebe ein Therapiebad sowie größere Sanitärbereiche als in normalen Schulen. Zudem solle das Haus nur zwei bis drei Jahre lang genutzt werden. „Bis dahin soll eine Unterkunft in Lübbenau hergerichtet werden, wo jetzt noch das Gymnasium untergebracht ist“, sagt er.

Doch die Anwohner lassen sich nicht beschwichtigen. „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge. Aber wir sind ein kleines Dorf und kennen so eine Situation nicht“, sagt Heike Kettlitz. Sie ist Kellnerin im Rasthof an der nahe gelegenen Autobahn, in dem Dorfbewohner und Kraftfahrer einkehren. „Die Leute haben Angst, dass es bald mit dem Klauen losgeht.“ Auch ihr sei unwohl bei dem Gedanken an die Zuzügler. „Ich habe die Spätschicht und bin abends oft allein“, sagt Kettlitz.

Das Land Brandenburg habe kein Konzept für die Unterbringung von Flüchtlingen, kritisiert Gabi Jaschke vom Flüchtlingsrat. „Sie müssen in Kasernen oder Ferienlagern weit außerhalb leben, wo es keine Infrastruktur gibt.“ Nur 30 Prozent der Asylsuchenden hätten Wohnungen bezogen, obwohl es genügend leerstehende gebe. „Man darf eine Willkommenskultur nicht nur auf die Bürger abwälzen. Sie muss auch von den Landkreisen kommen“, sagt Jaschke. „Wenn große Heime in kleinen Orten entstehen, ist Integration schwierig.“

Doch ein Zusammenleben kann durchaus einigermaßen reibungslos funktionieren, wie das Beispiel Müncheberg zeigt. In der Kleinstadt im Landkreis Märkisch-Oderland, rund 120 Kilometer von Kittlitz gelegen, gab es zunächst Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen. „Doch die konnten ausgeräumt werden“, sagt Vize-Landrat Lutz Amsel. Ende vergangenen Jahres wurde in der 7200-Einwohner-Stadt eine Gemeinschaftsunterkunft für 110 Bewohner eröffnet. „Es gab seitdem keine Proteste“, sagt Amsel.

„Dampf aus dem Kessel“

Entscheidend sei, die Bevölkerung rechtzeitig einzubinden. Der Landrat geht bei der Eröffnung von Unterkünften nach einem genau festgelegten Fahrplan vor. Sobald ein Standort festgelegt ist, gibt es so schnell wie möglich Einwohnerversammlungen und Tage der offenen Tür. „Die erste Frage in Einwohnerversammlungen ist immer die nach der Kriminalität“, sagt Lutz Amsel, der in den vergangenen Jahren Erfahrung mit der Ansiedelung von Flüchtlingen im Landkreis gesammelt hat. „Doch wenn die Polizei dann berichtet, dass es keine Probleme gibt, ist der erste Dampf aus dem Kessel.“

In Müncheberg scheint dieses Konzept aufgegangen zu sein. Es sind hauptsächlich Syrer, die in einer ehemaligen Schule untergebracht sind. In der angrenzenden Turnhalle spielen sie regelmäßig mit Anwohnern Volleyball. Die Flüchtlingskinder besuchen Kitas und Schulen. Müncheberger bringen Kleidung und Spielzeug im Heim vorbei. „Unsere Lager sind voll. Wir können keine Spenden mehr annehmen“, sagt Mike Boldau, Sachgebietsleiter des Internationalen Bundes, der die Unterkunft betreibt. Die Hilfsbereitschaft sei sehr groß.

Der Internationale Bund bietet auf eigene Kosten Deutschkurse an. Es gibt einen Sozialarbeiter, Beratung für traumatisierte Flüchtlinge, medizinische Versorgung. Auch im wenige Kilometer entfernten Neuhardenberg betreibt die Gesellschaft eine Unterkunft für 190 Asylbewerber. Überwiegend Afrikaner leben dort seit 2013 in Wohnungen in einem Plattenbau. Von den rund 400 Einwohnern haben sich einige in einer Willkommensinitiative zusammen gefunden.

Doch trotz aller Bemühungen sind die Flüchtlinge nicht überall in Neuhardenberg willkommen. „Es ist für uns gefährlich, einkaufen zu gehen“, berichten zwei junge Somalierinnen. „Die Leute schreien uns an, weil wir schwarz sind und Kopftücher tragen“, sagt Safia, eine der Frauen. „Im Ort gibt es eine rechte Szene“, sagt Sebastian Müller, der in der Einrichtung seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Die Jugendlichen würden sich auf dem Parkplatz des Supermarktes treffen, die schwarz-weiß-rote Reichsfahne hissen und T-Shirts mit der Aufschrift „Ohne Sonne braun“ tragen. Für gewalttätig hält Müller sie nicht. „Aber von einer Willkommenskultur sind sie weit entfernt.“