Berlin - In den letzten Tagen war die Schlange vor der kleinen Imbissbude in der Leipziger Straße 56 in Mitte ganz besonders lang. Ganz sicher lag das an jenem Zettel, der dort hinter der Scheibe klebt. „Sehr geehrte Damen und Herren“, steht da mit roter Schrift geschrieben. „Am 22.12. ist mein letzter Arbeitstag im Imbiss… Danach wird der Imbiss für immer geschlossen.“

Das Wörtchen immer ist dick unterstrichen.

Der Imbiss gehört Dorothea Berger. Seit 27 Jahren stand sie montags bis freitags hinter dem Tresen und briet Würste – Currywürste mit und ohne Darm, Bockwürste, Krakauer. Es gab auch Pommes und Chili con Carne und Linseneintopf. Einfache Gerichte eben, die satt machen und nicht viel kosten. Das teuerste Gericht war Schnitzel mit Pommes oder Kartoffelsalat für vier Euro.

Aber jetzt ist Schluss. Für immer eben. Dorothea Berger, 63 Jahre alt, geht in Rente. Und damit schließt „eine der letzten Wurstbuden mit Herz“. So schrieb es ein Gast im Internet über sie.

„Essen müssen die Leute immer“

Am 1. August 1990 wurde Dorothea Berger Würstchenverkäuferin. 27 Jahre ist das also her. Seither fährt sie täglich von Grünheide im Südosten Berlins in die City. Fast eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Regionalzug. „Dafür wohne ich im Grünen“, sagt sie, während sie blitzschnell eine Wurst in Stücke hackt. Mit viel Übung halt.

Zu DDR-Zeiten arbeitete sie als Erzieherin, dann in einem Porzellangeschäft in Köpenick. Nach der Wende schlossen viele Geschäfte im Osten, und Dorothea Berger hatte Angst, arbeitslos zu werden. Was also tun?

Sie sprach mit ihrem Mann, und das Paar beschloss, eine Imbissbude zu kaufen und einen Standplatz zu mieten. „Essen müssen die Leute immer“, sagt sie in ihrer leicht schnoddrigen Art. Und der Standplatz schräg gegenüber der Kolonnaden nahe des Spittelmarkts versprach viel Laufkundschaft.

„Mittlerweile haben aber viele Geschäfte hier geschlossen, die Gegend hat sich verändert“, erzählt Dorothea Berger.

27 Jahren an der gleichen Stelle 

Ziemlich trist sieht die Leipziger Straße dort aus. Unermüdlich rauscht der Verkehr vorbei. „Berliner Imbiss“ steht schlicht auf dem Schild auf ihrem Dach „Uns ist damals auf die Schnelle kein anderer Name eingefallen“, sagt Dorothea Berger. Geöffnet wurde jeden Werktag um Punkt neun Uhr, geschlossen um 16 Uhr. Dann hieß es noch saubermachen. Das dauert etwa eine Stunde, sagt sie.

In den ersten drei Jahren hatte sie noch eine Angestellte. Doch das wurde ihr zu teuer. Die Einnahmen, sagt sie, hätten gerade Mal für eine Person gereicht.

Seither steht Dorothea Berger allein in dem winzigen Imbisswagen, der sich seit 27 Jahren nicht von der Stelle bewegt hat. Auch das Angebot hat sich praktisch nicht verändert, wenn man mal davon absieht, dass es keine Kartoffelpuffer mit Apfelmus mehr gibt. Seit drei Jahren seien die nicht mehr im Angebot, sagt die 63-Jährige. Die habe kaum noch einer gewollt. Auch das alkoholfreie Bier, das einst im Regal stand, gibt es nicht mehr.

Am letzten Tag in ihrem Imbiss wird Dorothea Berger doch noch ein wenig wehmütig. „Sie sehen ja, ich habe sehr viel zu tun, komme kaum zum Luftholen“, sagt sie und deutet auf die lange Schlange vor ihrem Laden. Die Schließung hat sich unter den Stammgästen herumgesprochen. Alle möchten noch ein letztes Mal eine Wurst bei ihr kaufen und sich von ihrer langjährigen Köchin verabschieden.

Privat isst Berger nie Currywurst 

Die Schließung hat auch das benachbarte Café mitbekommen. „Seit einer Woche haben die dort ihre Speisekarte erweitert und bieten jetzt Dinge an, die es bei mir gab“, sagt Berger. Sie erwähnt nicht, dass der Nachbar nun aber fast doppelt so hohe Preise verlangt.

Einen Nachfolger wird es nicht geben. Die Erlaubnis für den Standplatz in der Leipziger Straße wird vom Tiefbauamt Mitte nicht verlängert. Der Imbiss selbst wird abgeräumt. „Der Stand kommt zu dem Händler zurück, bei dem ich ihn vor 27 Jahren gekauft habe“, erzählt Dorothea Berger. „Was dann daraus wird, ist unklar.“

Privat isst Berger übrigens nie Currywurst mit Pommes oder Chili con Carne. Gutbürgerliches Essen ist ihr da doch sehr viel lieber. Heiligabend wird sie zwei Gänse braten, denn sie erwartet Besuch. Die Feiertage wird sie in aller Ruhe mit ihrem Mann verbringen. Der ist bereits in Rente.

„Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Liebe und Gute“, hat Dorothea Berger für ihre Kunden auf den Abschieds-Zettel geschrieben.