Drängeln, schubsen, schlagen: Warum die RB26 eine Strecke der Angst ist

Auf der Linie zwischen Berlin, Strausberg und Küstrin zeigt sich wie in einem Brennglas, woran die Bahn in Deutschland krankt. Nun begehren die Fahrgäste auf.

Fahrgäste protestieren vor Beginn des Runden Tisches in Müncheberg (Märkisch-Oderland). Friederike Fuchs (Mitte l.), Architektin aus Dahmsdorf, gehört zu den Gründerinnen der Gruppe.
Fahrgäste protestieren vor Beginn des Runden Tisches in Müncheberg (Märkisch-Oderland). Friederike Fuchs (Mitte l.), Architektin aus Dahmsdorf, gehört zu den Gründerinnen der Gruppe.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Detlef Bröcker kam gleich zum Punkt. „Wir haben einen Betriebszustand, der desolat ist“, gestand der Geschäftsführer der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) ein. Er könne die Kritik der Fahrgäste verstehen. Und die ist heftig: Reisende berichten, dass die Regionalbahnlinie RB26 östlich von Berlin für sie zu einer Strecke der Angst geworden ist. Werden sie schon wieder zu spät zur Arbeit oder zum Termin kommen? Wird der Zug wieder zu kurz und überfüllt sein? Lässt sie der Ersatzbus wieder stehen? Jetzt hat sich an einem Runden Tisch, den eine Gruppe genervter Pendler einberufen hatte, die Wut entladen. Klar wurde auch: Die Probleme lassen sich nicht schnell lösen.

„Hat er ‚desolat‘ gesagt?“ In der Runde, die im Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg zusammensaß, meinte man, nicht richtig gehört zu haben. Doch der NEB-Chef wiederholte seine Einschätzung. Und andere am Runden Tisch stimmten zu. „Als größter Arbeitgeber in Müncheberg sind auch wir betroffen“, sagte Martin Jank, der administrative Direktor des Instituts. Viele der 450 Beschäftigten reisten aus Berlin an, viele seien von der Bahn aufs Auto umgestiegen.

Pro Bahn: „Die Qualität lässt zu wünschen übrig“

Zwischen Berlin, Strausberg, Müncheberg, Seelow-Gusow und dem jetzigen Endpunkt Küstrin-Kietz drängten sich Pendler in zu kurzen Zügen, bestätigte Gernot Schmidt (SPD), Landrat von Märkisch-Oderland. „Auch am Wochenende, wenn Ausflügler aus Berlin in die Märkische Schweiz oder ins Oderbruch wollen, kommt oft nur ein einziger Triebwagen.“ Beschwerden bringen offensichtlich nichts: „Wir fühlen uns hilflos.“ Dabei brauchen die Fahrgäste einen zuverlässigen Nahverkehr, gab Thomas Schirmer vom Fahrgastverband Pro Bahn zu bedenken. „Die Qualität lässt zu wünschen übrig.“

Inzwischen sind Pendler aktiv geworden. „Wir wollen endlich pünktliche Züge, genug Sitzplätze für alle, verlässliche Informationen, wenn es Verspätungen gibt, und funktionierende Busanschlüsse“, fordern sie. Um das zu erreichen, sammeln die Bürger Unterschriften – vor dem Runden Tisch am Montag wurden die ersten 650 übergeben. In Zügen wurde ihnen das allerdings untersagt. Ende September fand eine Demonstration statt. Das nächste Treffen ist für den 4. November in Müncheberg geplant.

Täglicher Arbeitsweg kann sieben Stunden dauern

Mittlerweile hat die Facebook-Gruppe zur RB26 590 Mitglieder. „Mehr als vier Fünftel sind weiblich, zwei Drittel kommen aus Polen“, berichtete Friederike Fuchs, Architektin aus Dahmsdorf. Wenn wegen Bauarbeiten wieder Schienenersatzverkehr (SEV) angesagt ist, verlängert sich die Reise zwischen Ostkreuz und Kostrzyn von planmäßig 74 Minuten auf mehr als zweieinhalb Stunden – wenn alles klappt. Manchmal kann der tägliche Arbeitsweg sieben Stunden in Anspruch nehmen, wird bei Facebook berichtet. Weil die Buskapazität zum Teil nicht reicht, komme es zu „unmenschlichen Szenen, drängeln, schubsen, sogar schlagen“. „Sie treiben uns wie Vieh zur Schlachtbank“, so eine Polin. Unfreundliche Behandlung durch das Fahrpersonal käme auch im übrigen SEV vor.

Schienenersatzverkehr auf der Regionalbahnlinie RB26 östlich von Berlin. Am Bahnhof Müncheberg warten Fahrgäste im Dunkeln auf den Bus nach Strausberg. Mit Handylampen versuchen sie sich zu informieren.
Schienenersatzverkehr auf der Regionalbahnlinie RB26 östlich von Berlin. Am Bahnhof Müncheberg warten Fahrgäste im Dunkeln auf den Bus nach Strausberg. Mit Handylampen versuchen sie sich zu informieren.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Wie in einem Brennglas zeigt die Linie RB26, woran die Bahn in Deutschland krankt. Beispiel Infrastruktur: „Sie ist auf Kante genäht. Wir haben null Reserven, um Verspätungen ausgleichen zu können“, klagte Bröcker. Nach dem Krieg verlor die Ostbahn fast überall das zweite Gleis. In Berlin gebe es keine Begegnungsabschnitte, auf denen Züge aneinander vorbeifahren können. Kommen sich zwei Züge entgegen, muss einer warten, bis das einzige Gleis wieder frei ist. Östlich gebe es auf 37 Kilometern keine Überholungsmöglichkeit, berichtete Andreas Hauschild von der Fahrgastinitiative.

Stopp in Berlin-Mahlsdorf hält den Verkehr auf

Auch die Politik sei ein Faktor. So hat der Senat durchgesetzt, dass die Züge in Berlin zusätzlich in Mahlsdorf halten. Weil der Stopp Zeit kostet, schrumpften die Reserven weiter, bestätigte Bröcker. Bei Verspätungen heißt das, dass Züge statt bis Ostkreuz nur bis Lichtenberg fahren können, damit der Fahrplan nicht vollends aus dem Leim gerät.

Beispiel Einsparungen: Die DB ließ in früheren Jahren Weichen und Gleise abbauen, um Betriebskosten zu senken – besonders auffällig im Bahnhof Müncheberg. „Jetzt bauen wir Infrastruktur, die wir schon mal hatten, für viel Geld wieder auf. Das ist doch Wahnsinn“, kritisierte Andreas Hauschild.

Im Blickfeld war auch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der die Fahrleistungen über Ausschreibungen an Zugbetreiber vergibt. In früheren Jahren hatten Experten kritisiert, dass neu vergebene Verkehrsverträge zum Teil weniger Kapazität vorsahen als ihre Vorgänger. Dabei wuchs die Bevölkerungszahl in der Region damals schon. Die RB26 sei ein Beispiel dafür, hieß es am Runden Tisch. Waren zuvor bei der DB vier Zuggarnituren unterwegs, sollten es ab 2006 bei der NEB nur noch drei sein.

Klimaanlagen sind für Temperaturen über 30 Grad Celsius nicht geeignet

Beispiel Fahrzeugprobleme: Die polnischen Dieseltriebwagen vom Typ Pesa Link seien laut, innen verbaut und sie fahren oft nur einzeln, weil das Kuppeln nicht klappt, klagen Fahrgäste. Es war das einzige zur Verfügung stehende Fahrzeug, das auch in Polen zugelassen war, entgegnete Detlef Bröcker. Zwar gehe das Kuppeln inzwischen besser. „Doch weiterhin ist es nicht so einfach, Dinge mit Pesa zu regeln.“ Ein Thema seien auch die Klimaanlagen, die für Hitze über 30 Grad Celsius nicht ausgelegt seien.

Beispiel Personalmangel: Wenn wie derzeit wieder an der Strecke gebaut wird, sollen Busse die Regionalbahnen ersetzen. Doch Fahrzeuge und Personal sind rar – besonders jetzt, wo die S-Bahn Berlin den Markt fast leer gefegt hat. Der NEB bleibt nichts anders übrig, als ihre Fahrleistungen auf fünf Busunternehmen zu verteilen. Bröcker: „Kürzlich fielen Fahrten aus, weil ein Bus nach Fürstenwalde zum Tanken musste“ – das war nur dort möglich. Weil die Straßenbrücke über die Oder nur für 7,5 Tonnen ausgelegt ist, können zwischen Kostrzyn und Küstrin-Kietz nur Kleinbusse fahren. „Mehr als drei oder vier Kleinbusse sind nicht möglich. Der SEV kostet uns jetzt schon ein Vermögen.“

Auf der Ostbahn wird wieder gebaut. Am Stellwerk Müncheberg lässt DB Netz das Gleis erneuern, alte Schienen wurden entfernt. Fahrgäste müssen auf Busse umsteigen – was die Reise in vielen Fällen enorm verlängert.
Auf der Ostbahn wird wieder gebaut. Am Stellwerk Müncheberg lässt DB Netz das Gleis erneuern, alte Schienen wurden entfernt. Fahrgäste müssen auf Busse umsteigen – was die Reise in vielen Fällen enorm verlängert.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Wann wird es besser? Die Rahmenbedingungen seien, wie sie sind – schlecht, bedauerte der NEB-Chef. „Einen Bus, den es nicht gibt, kann ich nicht herbeizaubern.“ Doch einige positive Entwicklungen seien absehbar. So würden die Züge für die Zukunft fit gemacht. Von den elf Pesa Link seien bislang acht mit einer Rollkur ertüchtigt worden. Er setze sich für bessere Information ein und dafür, dass Stammfahrgäste entschädigt werden.

Künftig Halbstundentakt zwischen Berlin und Müncheberg

In zwei Jahren könnte sich die Lage spürbar entspannen. Derzeit werden in Müncheberg nicht nur Gleise erneuert, auch eine Weiche werde eingebaut, sagte Andreas Gollek von DB Netz. Künftig können dort wieder Züge am Bahnsteig beginnen und enden. Dies sei eine Voraussetzung dafür, dass der Verkehr von dort bis Berlin wie geplant von einem Stunden- auf einen Halbstundentakt verdichtet werden kann. Von Dezember 2024 sollen auf dem Abschnitt batterieelektrische Triebwagen den übrigen Verkehr, der auch weiterhin mit Pesa Link abgewickelt werden soll, ergänzen. Freilich ohne den Halt in Berlin-Mahlsdorf, der dem fragilen System derzeit weitere Instabilität beschert.

Fahrgäste fordern, dass sich die Lage bald bessert. „Wir hören immer nur, was nicht geht“, kritisierte Lina Schwarz von der Initiative. „Machen Sie Ihren Job!“