Berlin - More, more, more!“, fordert der Trainer im Gouvernantenton und meint: mehr Pose, mehr Haltung, mehr Sex! Und dann fällt er endlich, der Satz, auf den hier alle gewartet haben und der seit Bruce Darnell Kultstatus erreicht hat: „Drama, Baby, Drama!“ Die versammelten Drag Queens sehen aus, als hätte man ihnen gerade gesagt, sie sollen mehr Schminke auflegen.

Ein Trainer fürs Drama

Drag Queens sind, was Drama anbelangt, vermutlich Superschwergewichtsklasse in der Model-Disziplin und wenn sie etwas gar nicht brauchen, dann einen Drama-Trainer. Was die Rolle für Ernest Look, so nennt er sich, nicht unbedingt leichter macht. Den Catwalk sollen sie hier einstudieren, auf der fußballfeldgroßen Bühne des Friedrichstadt-Palasts, und so stöckeln sie brav mal von links, mal von rechts auf den legendären Tanzboden, werfen Küsse in die Luft und verheddern sich schon mal im Wallekostüm der Vorgängerin.

Anlass des ungewöhnlichen Castings ist die große Gala, die der Friedrichstadt-Palast zusammen mit den Organisatoren des Christopher Street Days im Vorfeld der Straßenparade am 14. Juni ausrichten will. 2000 Besucher werden erwartet. Beim großen Finale, wenn 32 Tänzerinnen in der längsten „Girlreihe“ der Welt ihre Beine in die Luft werfen, sollen auch 16 Drag Queens ihre Röcke lüften. Für Sally Morell, die eigentlich Marcel heißt und 34 Jahre alt ist, wäre das der Hauptgewinn: „Einmal auf dieser Bühne stehen, davon habe ich immer geträumt.“

Revuetheater und Travestie – das geht zusammen wie Märchenschloss und Zauberfee. Man nehme ein wenig Las Vegas, rühre es zusammen mit der auf beinahe 100 Jahre zurückblickenden Transgender- und Queer-Szene Berlins mit ihren Tresentransen und Trümmertunten und – voilà! – heraus kommt eine bunt schillernde Bühnenshow, wie sie nur Berlin in der Friedrichstraße hervorbringen kann.

Doch gemessen an diesem Anspruch war die Ausbeute ein wenig enttäuschend. Gerade mal 19 Queens, von denen einige doch recht männlich wirkten, hatten sich angemeldet, mit zwei Nachzüglerinnen wurden es dann 21. Zählt man die fünfköpfige Jury hinzu, die in großer Zahl angereisten Medienvertreter, Fotografen, Kameraleute, Schreiber und Mikrofonhalter, kamen auf jede Queen 2,5 professionelle Beobachter. Jedes schwul-lesbische Straßenfest kann mehr Fummeltrinen aufbieten.

„So hart wie bei Heidi Klum wird es nicht.“

Vielleicht war es das Wort „Casting“, das seit Heidi Klum und Dieter Bohlen so vergiftet klingt wie „Fukushima“ und ernsthaften Talentwettbewerben den seriösen Anstrich verdirbt. Wer will schon als erwachsene, politisch aufgeklärte Transe mit spätpubertierenden Mädchen bei Germany’s Next Topmodel verglichen werden? Auch wenn Intendant Berndt Schmidt, der anlassgerecht in goldenen Schuhen auf die Bühne trat, versprach: „So hart wie bei Heidi Klum wird es nicht.“

Sally Morell sieht es gelassen: „Wenn ich nicht umkippe, habe ich ganz gute Chancen.“ Normalerweise arbeitet sie im Rauschgold, einem schwul-lesbischen Club am Mehringdamm. Sie legt dort auf oder performt auf der kleinen Bühne. Auch Marina Bitch (28) hat schon professionell „gedragt“, wie sie sagt. Sie kommt aus San Francisco von der renommierten Berkeley-Universität und studiert im Rahmen eines Austauschprogramms mit der Freien Universität Medienwissenschaften.

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Kelly Armnall (29) aus Vancouver ist ebenfalls erst seit kurzem in der Stadt. Ihr Mann studiert hier Internationale Politik. In Kanada stand sie schon öfter auf der Bühne, meistens für soziale Projekte wie die „Open Schools“, wo Kinder aus bildungsfernen Familien unterrichtet werden, zum Beispiel über homophobes Verhalten. Barbara Heels (28) kommt eigentlich aus Budapest. Sie ist Teil des Ensembles im Friedrichstadt-Palast, Position: männlicher Tänzer. Nebenbei übernimmt sie kleine Travestie-Jobs, eher im heterosexuellen Milieu, auf Hochzeiten oder Firmenfeiern. Sie genießt den Rollenwechsel und dass sie ihn in Berlin ausleben kann: „In Budapest würde ich dafür Prügel riskieren.“

Nach gut zwei Stunden gibt Laufstegtrainer Ernest Look die Gewinner bekannt: Barbara Heels ist am 14. Juni dabei, Kelly Armnall, Marina Bitch und auch Sally Morell. Nicht geschafft hat es Bling Bling Chiara, die in einem rosa Fummel extra aus Stuttgart angereist ist und wie eine Zweitbesetzung aus „Charleys Tante“ wirkt. Enttäuscht ist sie dennoch nicht, denn eigentlich steht sie eher auf Latex und den German Fetish Ball, der in den nächsten Tagen in Berlin stattfinden wird.

Dann wird es noch einmal spannend. Die Jury hat die ultimative Drag Queen aus allen Teilnehmern gewählt. Es ist Sally Morell! Sie reißt die Arme hoch, als hätte sie gerade Olivia Jones im Dschungelcamp geschlagen. Später am Abend wird dann gefeiert. Ab 23 Uhr treffen im Rauschgold am Mehringdamm die ersten Gratulanten ein.

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Es wird Wodka getrunken und über den Friedrichstadt-Palast geschwärmt. Aber dann wechselt man schnell zu ernsthafteren Themen. Was passiert mit der Szene am „Damm“, wenn demnächst das legendäre SchwuZ gegenüber seine Pforten schließt und in die ehemalige Kindl-Brauerei nach Neukölln zieht? Wird das Rauschgold eine Dependance eröffnen? Gala hin oder her – Standortfragen sind für Berliner Drag Queens immer noch wichtiger.

2. Berliner CSD-Gala: Fr 14.6., 19.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, Tickets ab 45,89 Euro unter www.show-palace.eu