Schöneberg - Glanz und Elend stoßen in Berlin oft unmittelbar aufeinander. Besonders krass an der Martin-Luther-Straße: Unter den Kolonnaden des beeindruckenden Amtsgerichts Schöneberg haust ein Obdachloser in unvorstellbaren Umständen, und niemand kann ihm helfen.

Vor einem Jahr hat der Mann sein Lager hier aufgeschlagen, vorher campierte er in einem Eingang der früheren BVG-Zentrale am Kleistpark. Umgeben von Gestank und Müllsäcken, in denen auch von Anwohnern geschenkte Kleidung liegt, hockt der Mann unbestimmbaren Alters in einem Winkel. Auf Ansprache reagiert er nicht, weder Blickkontakt noch Gespräch kommen zustande.

„Er nimmt weder Essen noch Getränke an.“

Immer wieder melden Anwohner über die Ordnungsamts-App, was sich dort abspielt. Der Heilpraktiker Norbert Stolze, der immer wieder bei seinen Hunde-Runden vorbeikommt: „Seit Januar frage ich regelmäßig bei den Behörden an, aber der Zustand ändert sich nicht.“ Mitarbeiter des Gerichts berichten, dass manchmal das Ordnungsamt vorbeischaut und die BSR Müllsäcke mitnimmt.

Tempelhof-Schönebergs Sozialstadträtin Jutta Kaddatz (CDU): „Der Mann ist seit Jahren bekannt.“ Ordnungsamt, sozialpsychiatrischer Dienst, Caritas und Kältehilfe hätten sich um ihn gekümmert, aber: „Er nimmt weder Hilfe noch Beratung an.“ Eine Beobachtung, die Angelika Heller vom Verein „Sunny on tour – Hilfe für Obdachlose und ihre Hunde“ bestätigt: „Er nimmt weder Essen noch Getränke an.“

Justiz will sein Lager nicht abräumen lassen 

Laut Kaddatz wurde er mehrmals in Kliniken eingewiesen, verschwand aber immer wieder. „Zwangseinweisung in eine Einrichtung ist ansonsten nur möglich, wenn von ihm Gefahr ausginge. Das ist nicht der Fall.“ Regelmäßige Rechtsprechung in solchen Fällen sei, dass das im Grundgesetz festgeschriebene Selbstbestimmungsrecht schwerer wiege als die Fürsorgepflicht des Staates.

Die Justiz will das Elendslager nicht abräumen lassen, weil der Mann friedfertig sei. Und so bleibt nur, dass die Wachtmeister des Gerichts nach dem Mann sehen und bei Frost den Kältebus alarmieren, damit er nicht erfriert.