Bildungssenatorin Sandra Scheeres verteilte in Mitte gerade kostenlose Schrippen gegen den Fachkräftemangel an Schulen, als die neueste Hiobsbotschaft öffentlich wurde: Die Zahl der als dienstunfähig ausgeschiedenen Berliner Lehrer hat einen Rekordstand erreicht. Und das ausgerechnet in Zeiten des akuten Pädagogenmangels. Allein im vergangenen Schuljahr verließen 621 Lehrkräfte vorzeitig wegen Berufsunfähigkeit den Schuldienst – mehr als doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Dies geht aus der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage der CDU-Abgeordneten Hildegard Bentele (CDU) hervor, die am Montagmorgen vom Dienst des Abgeordnetenhauses verschickt wurde.

„Diese Lehrer leiden unter massiven Krankheiten wie Krebs oder Herz-Rhythmusstörungen, mitunter verbunden mit psychischen Problemen wie Burnout“, sagte Vize-Gesamtpersonalrat Dieter Haase der Berliner Zeitung auf Anfrage. Eine genaue Auflistung der Krankheiten könne die Bildungsverwaltung allerdings nicht liefern. Haase geht davon aus, dass gerade bei älteren, erfahrenen Lehrkräften die Arbeitsbelastung auch durch die zusätzliche Betreuung von Quereinsteigern zugenommen haben dürfte.

Werbung für den Berlin-Tag für Lehrer und Erzieher

Es gibt also weiter enorm viel zu tun für die Bildungssenatorin, die von einem Hamburger Wochenblatt jüngst als „Trümmerfrau Berlins“ bezeichnet wurde – angesichts des Pädagogenmangels, der ausufernden Schulbürokratie und maroder Gebäude.

Gemeinsam mit Klaus Wiedemann, Chef der Bäckerei Wiedemann, verteilte Scheeres vor der Bäckerei am Dom Aquarée weiter Schrippen an Passanten. Auf den Tüten stand „Kümmere Dich um unsere Krümel“. Scheeres wird sogar von japanischen Touristen angesprochen. Sie bewirbt auf diese Weise den Berlin-Tag für Lehrer und Erzieher am 22. September im Flughafen Tempelhof. Wer sich für den Pädagogenberuf interessiert, sollte dorthin kommen. Viele Schulleiter werden dort von 9 bis 15 Uhr zugegen sein und nach geeigneten Bewerbern Ausschau halten.

„Wir sollten darüber nachdenken, den Lehrerberuf attraktiver zu machen“

Denn auch viele bereits eingestellte Lehrer suchen das Weite: Die Anzahl der voll ausgebildeten Lehrkräfte, die selbst gekündigt hat, ist rasant gestiegen. Sie erreichte im vergangenen Schuljahr mit 470 Kündigungen ebenfalls ein Rekordhoch – diese Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren sogar mehr als versechsfacht, wie ebenfalls aus der CDU-Anfrage hervorgeht. Viele Lehrer gehen offenbar in andere Bundesländer, wo sie verbeamtet werden. Just zum neuen Schuljahr sind deshalb etliche Berliner Lehrer nach Brandenburg gewechselt.

In einigen Fällen hätten sich gar Berliner Quereinstieger nach dem Ende ihrer Ausbildung in anderen Bundesländern verbeamten lassen, heißt es. Berlin musste also auch deshalb zum neuen Schuljahr so viele pädagogisch nicht geschulte Seiteneinsteiger einstellen, weil über 1000 voll ausgebildete Lehrer entweder kündigten oder als dienstunfähig vorzeitig ausschieden. „Das ist dramatisch, wir sollten darüber nachdenken, den Lehrerberuf attraktiver zu machen“, sagte Vize-Gesamtpersonalrat Haase. Etwa durch eine weitere Absenkung der Unterrichtsverpflichtung für ältere Pädagogen.

Arbeitsplätze für Lehrer

Der Landeslehrerausschuss wies in einem offenen Brief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) darauf hin, dass Berlin das einzige Bundesland ist, das Lehrer nicht verbeamtet. Deshalb sollte die Hauptstadt ein Krankengeld für angestellte Lehrer zumindest bei längerer Krankheit gewähren. Verbeamtete Lehrer bekommen bekanntlich im Krankheitsfall auch nach sechs Wochen weiter das volle Gehalt bezahlt. Ansonsten pochte der Vorsitzende Detlev Peter darauf, dass das Beschwerdemanagement der Bildungsverwaltung Lehrer stärker vor Anwürfen oder gar anwaltlichen Klagen von Eltern in Schutz nehmen sollte. „Es geht häufig um die Benotung“, sagte Peter. Unberechtigte Kritik an Lehrern beschädige deren Ansehen.

FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf forderte, jedem Lehrer einen angemessenen Arbeitsplatz in der Schule zur Verfügung zu stellen, „um sich während der Pausen auch einmal zurückziehen zu können“.

Trotz Lehrermangels gibt es für einige dringend benötigte Fächer noch einen recht strengen Numerus clausus (NC) an den Universitäten. Im vergangenen Jahr lag der NC im Bachelorstudium für angehende Grundschullehrer mit den Fächern Sonderpädagogik und Deutsch etwa an der Freien Universität bei 2,0. Allerdings baut Berlin die Studienkapazitäten für angehende Grundschullehrer aus: 2014 boten die Unis nur noch 189 Studienplätze für Anfänger an. Diese Fehlentwicklung fiel erst 2016 auf und in der Folge konnten viele Stellen an Grundschulen nicht mit regulären Lehrern besetzt werden. Im Wintersemester soll die Zahl der angebotenen Studienplätze nun auf 800 steigen.