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Die Polizeibeamten bleiben lieber im Schatten. Es ist heiß auf dem Gelände in Adlershof und die blauen Uniformen mit dem Wappen von Mecklenburg-Vorpommern sind nicht gerade die angenehmste Garderobe im Sommer. Aber die Polizisten machen auch nur ihren Job, und der verlangt von ihnen heute vor allem im Hintergrund zu bleiben und echt auszusehen. So echt, dass sie auf die Frage, ob sie wirklich Beamte sind, nur lachen.

Eigentlich sind wir auch gar nicht in Berlin, sondern in Wismar. Genauer gesagt im Polizeirevier der kleinen Hansestadt. Das Polizeirevier wurde in Adlershof nachgebaut. Wir sind bei den Dreharbeiten zu „Soko Wismar“, der Erfolgskrimiserie, die mittwochs um 18 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird. Die Hälfte der Dreharbeiten findet in Wismar statt, die andere Hälfte in Berlin, insgesamt gibt es 162 Drehtage pro Jahr. An der Ostseeküste werden die Außenaufnahmen gefilmt.

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Im Polizeirevier klären Revierleiter Jan Reuter (Udo Kroschwald) und seine Kollegen Kleinstadtfälle auf. Heute ist es der Tod eines Sportstudiobesitzers, der sich im Laufe der Ermittlungen als ziemlicher Hallodri entpuppt. Was die Zahl der Verdächtigen nicht kleiner macht. Und so sitzen sie vor seinem Schreibtisch, winden sich und leugnen, bis einem von ihnen kein Ausweg mehr bleibt.

Etage im Kreuzberger E-Werk

Das klingt wenig spektakulär und ist es auch. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – hat die „Soko Wismar“ konstant gute Zuschauerquoten. Mittlerweile wird die zehnte Staffel gedreht. Hergestellt wird die Krimireihe von der Berliner Produktionsfirma Cinecentrum, deren Chefin Dagmar Rosenbauer ist. Die 56-Jährige ist zierlich. Das aber ist nur der erste Eindruck. Wenn sie spricht, merkt man schnell, dass sie genau weiß, was sie will. Und das auch durchsetzt.

Die „Soko Wismar“ macht den Großteil des Umsatzes für die Firma aus, die 35 fest angestellte Mitarbeiter in Berlin und Hamburg hat. Hauptsitz in Berlin ist eine Etage im Kreuzberger E-Werk. Drei Mitarbeiterinnen haben Dagmar Rosenbauer zum Gespräch begleitet. Es sind hauptsächlich Frauen, die die „Soko Wismar“ machen. Zwar gibt es einen Produktionsleiter, aber die Ideen und Drehbücher entwickeln die Producerinnen Britta Hansen und Wilma Harzenetter sowie Dramaturgin Gudrun Lange zusammen mit den Autoren der Serie.

25 Mal harte Arbeit

Man merkt, dass die Frauen gerne und offensichtlich auch ganz gut zusammenarbeiten. „Bei Männern gibt es da viel mehr Gegockel“, sagt Dagmar Rosenbauer und ihre Kolleginnen lachen. „Wir sind ein eingespieltes Team“ erklärt Britta Hansen. Sie und Wilma Harzenetter wechseln sich bei den Dreharbeiten ab. Gudrun Lange arbeitet mit den Drehbuchautoren an ihren Geschichten.

„Eine gute Geschichte in einer knappen Dreiviertelstunde zu erzählen ist schwerer, als die meisten Autoren denken“, sagt Wilma Harzenetter. „Da denken viele, ich schreibe das einfach mal so runter. Selbst die arrivierten Autoren unterschätzen das Format“.

25 Folgen werden pro Jahr gedreht, das heißt, dass 25 Geschichten entwickelt werden müssen, die stimmig, spannend und unterhaltsam zugleich sind. Die „Soko Wismar“ wird im Vorabendprogramm gezeigt, was waghalsige Experimente von vornherein ausschließt. „Eine Serie funktioniert ganz anders als ein anderthalbstündiger Film wie etwa der Tatort“, sagt Dagmar Rosenbauer.

Story im Realitäts-Check

Für die Bücher der Serie gibt es klare Vorgaben: Erst einmal muss die Geschichte einem Realitäts-Check standhalten. „Die Geschichten dürfen nicht in irgendeiner Fantasie-Realität stattfinden“, sagt Britta Hansen. Spektakuläre Autoverfolgungsjagden, Amokläufe, womöglich noch ein Kommissar, der von Verbrechern gezwungen wird, einen Spitzenpolitiker zu töten, wie unlängst im „Tatort“ – das ist in Wismar alles undenkbar. Dafür wurde ein Fall inszeniert, in dem Rentner einen Anlageberater entführen, weil sie ihr Geld wiederhaben wollen. Der Folge liegt eine wahre Begebenheit zugrunde.

Es gibt noch weitere eiserne Regeln: In jeder Folge muss das gesamte Ermittlerteam mit in die Handlung einbezogen sein. Das sind neben Revierleiter Reuter das Kommissarenduo Katrin Börensen (Claudia Schmutzler) und Nils Theede (Jonas Laux) sowie Pathologin Helene Sturbeck (Katharina Blaschke) und Polizeihauptmeister Kai Timmermann (Mathias Junge), der ein bisschen Lokalkolorit in die Reihe bringt.

Außerdem gibt es noch die finnische Konstablerin Leena Virtanen (Li Hagman), die sich gerne mit Timmermann kabbelt. Sie alle müssen ihren Teil zur Lösung des Falles beitragen, dürfen sich aber kaum selbst entwickeln, also Beziehungen eingehen. Denn jede Folge – weitere Regel! – muss in sich abgeschlossen sein, damit das ZDF bei eventuellen Wiederholungen keine besondere Reihenfolge einhalten muss.

"Auch mal blöde Fälle"

Und natürlich drängt auch immer die Zeit: 25 Folgen pro Jahr liefert die Produktionsfirma an das ZDF. „Wir veranschlagen etwa zwei Monate für die Entwicklung eines Drehbuchs“, so Dramaturgin Lange. Dass da „auch mal blöde Fälle“ dabei sind, geben die Macherinnen offen zu. Aber meistens sind sie ganz stolz auf die eher alltäglichen Fälle, wie sie nun mal in einer Kleinstadt wie Wismar vorkommen.

Und die mögen die Produzentinnen richtig gern. „Wir versuchen natürlich, typische Szenen von Wismar in unsere Folgen einzubauen“, sagt Dagmar Rosenbauer, „wir drehen am Hafen oder in der Altstadt.“ Dass Wismar sogar Kinogeschichte geschrieben hat, wissen die Zuschauer ebenfalls aus ihrer Serie. Denn dort drehte Friedrich Wilhelm Murnau 1921 seinen legendären Stummfilm “Nosferatu“.

Diese Geschichte verwob Autor und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg zu einer Folge mit dem gleichen Namen. Und in Wismar gibt es jetzt eine Stadtführung, die zu den Schauplätzen von „Nosferatu“ und denen der Soko Wismar führt.