Dreharbeiten in Moabit: Berlin wird die Kulisse für "Die Blumen von gestern"

So ein Film verlangt nicht selten maximalen körperlichen Einsatz von seinen Schauspielern. Vielen sieht man noch nach einer Szene die Entbehrungen an. Und manchmal kommt es beim Dreh sogar zu Verletzungen. Am Mittwoch zeigten Lars Eidinger und Adèle Haenel, wie es ihnen bei den Dreharbeiten zu dem Film „Die Blumen von gestern“ ergangen ist. Der Schaubühnen-Star zeigte eine schlimme Stelle an der Schläfe, seine französische Kollegin einen Cut an der Augenbraue. Was war passiert? „Wir hatten eine Prügelei mit zwei Nazi-Truckern. Jeder von denen wiegt 100 Kilo“, berichtete Haenel fröhlich.

Nachfahre von NS-Täter

Klingt wild, tatsächlich – man ahnt es – waren die Prügel nur gespielt und die Wunden geschminkt. Und im Wortsinne ist „Die Blumen von gestern“ auch kein Actionfilm. Regisseur Chris Kraus inszeniert eine Geschichte um den in eine Lebenskrise geratenen Holocaust-Forscher Toto Blumen (Lars Eidinger), einen Nachfahren von NS-Tätern, und seine vermeintlich naive Assistentin Zazie (Adèle Haenel), deren Großmutter in Auschwitz ermordet wurde. Aus dieser unmöglichen Paarung entwickelt sich so etwas wie eine Romanze – jede Menge auch komödiantische Hindernisse inklusive. Zwei Wochen in der Gegenwart werden im Film abgebildet, es gibt keinen Zeitsprung in die Nazi-Zeit.

Ein Teil des Films, der 2016 zunächst ins Kino und dann ins Fernsehen kommen soll, wird auch in Berlin gedreht. Obwohl die Stadt darin gar keine Rolle spielt. So ist das nun einmal, wenn auch das Medienboard Berlin-Brandenburg zu den Förderern gehört.

Dieser Tage hat sich die Filmcrew im ehemaligen Frauengefängnis an der Lehrter Straße in Moabit eingenistet. Weitere Szenen werden in einem Studio in Zehlendorf abgedreht, sogar New York spielende Szenen entstehen in Berlin.

Der seit Jahren leer stehende Gebäudekomplex an der Lehrter Straße doubelt die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen im schwäbischen Ludwigsburg, an der ab 1958 zunächst einige wenige Staatsanwälte und Richter die juristische Aufarbeitung der NS-Zeit vorantrieben. Die Zentralstelle zog in das Gefängnis, wo man sich Büros einbauen ließ. Dort fühlte man sich sicher, denn anfangs wurde die Zentrale Stelle heftig angefeindet. „Rufschädigung für Ludwigsburg“ war noch einer der harmlosen Vorwürfe. Die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft glaubte, Wichtigeres zu tun zu haben, als die Nazi-Gräuel aufzuklären. Man wollte mit diesem Teil seiner Geschichte nichts zu tun haben.

In Moabit entstehen jetzt unter anderem Szenen im Zellentrakt, aber auch in nüchternen Verwaltungsräumen.

Mehr als zehn Jahre lang hat sich der gelernte Historiker Chris Kraus mit der NS-Aufarbeitung beschäftigt, in seiner eigenen Familie recherchiert, eine Dokumentation über den eigenen Großvater gedreht. Die Zeiten mögen sich seit den 50er-Jahren geändert haben, doch das Thema sei „auch heute noch echt brisant“, sagte er.

Bond-Girl sprang ab

2013 war das Drehbuch fertig und wurde bereits mit Preisen bedacht. Doch die Suche nach den Hauptdarstellern stockte. Zunächst sollten Bond-Girl Eva Green und der österreichische Kabarettist Josef Hader Zazie und Toto mimen, doch beide sprangen schließlich ab.

„Eher zufällig haben wir jetzt mit Adèle und Lars das ideale Gespann gefunden“, erzählt Kraus. Adèle Haenel, in ihrem Heimatland jüngst mit dem begehrten César als beste Hauptdarstellerin (für „Liebe auf den ersten Schlag“) ausgezeichnet, sei „ein Wunderkind, ein Segen für das Projekt“. Sie habe sich nicht nur eigens für den Film „Deutsch draufgeschafft“, so Kraus, sondern sei auch zu jedem körperlichem Einsatz bereit – siehe die Prügelei mit den Nazi-Truckern. Und Lars Eidinger sei „sowieso einfach großartig“, schwärmt der Regisseur. Eine Nebenrolle hat „Tatort“-Star Jan Josef Liefers übernommen.

Lars Eidinger berichtet von „intensiven und großartigen Dreharbeiten“. Er verteidigt das Konzept, aus dem ernsten Thema eine Komödie zu machen. Dennoch bleibe die NS-Zeit „eine blutende, klaffende Wunde“. Einen „Abschluss“ könne es dabei nicht geben.