Karstadt in der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg bleibt für seine Kunden offen. Auch die Filialen in Tempelhof und der Müllerstraße können weitermachen.
Foto: Sabine Gudath

BerlinGute und schlechte Nachrichten für den Kaufhausstandort Berlin: Drei vom Aus bedrohte Filialen des Kaufhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof können weitermachen, eine weitere Filiale von Galeria Kaufhof wird dagegen schließen müssen. Außerdem soll in den kommenden Jahren in die geretteten Standorte investiert werden. Das geht aus einer Vereinbarung, einem sogenannten Letter of Intent, zwischen dem Konzern und dem Land Berlin hervor, das am Montag von den Spitzen des rot-rot-grünen Senats – Michael Müller (SPD), Klaus Lederer (Linke) und Ramona Pop (Grüne) – unterzeichnet und vorgestellt wurde. Ein Karstadt-Manager hatte schon vorher unterschrieben. Die Bilanz fällt für die Stadt aber nicht uneingeschränkt positiv aus. Und wie hoch der Preis ist, den man für die Zugeständnisse des Kaufhauskonzerns bezahlen muss, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

Seit Juni kursiert eine Streichliste des insolventen Konzerns aus Essen, die das Aus für sechs von elf Berliner Kaufhäusern sowie die Filiale von Karstadt Sport an der Joachimsthaler Straße vorsah. Hinzu kommt der Verzicht auf den geplanten Neubau an der Gorkistraße in Tegel. Landes- und Kommunalpolitiker führen deswegen seit Wochen zahlreiche Gespräche mit Karstadt-Managern, Vertretern der Mutter-Holding Signa aus Österreich, aber auch mit den Vermietern der Immobilien in Berlin. Das Ziel: der Erhalt der Filialen, der Schutz der Arbeitsplätze, aber auch der Erhalt der Einkaufsstraßen, die durch ein großes Kaufhaus als Anker geprägt werden.

Aus dem aktuellen Papier geht hervor, dass die traditionsreichen Karstadt-Filialen an der Wilmersdorfer Straße, am Tempelhofer Damm und an der Müllerstraße in Wedding in Betrieb bleiben. Die Galeria-Kaufhof-Filiale im Ring-Center in Lichtenberg hatte schon vor zwei Wochen überraschend grünes Licht bekommen. Für das Ring-Center gilt eine Bestandsgarantie von zehn Jahren, am Tempelhofer Damm sind es fünf Jahre – bei den anderen beiden sind es zunächst drei Jahre Garantie. Außerdem zeigt sich Karstadt dazu bereit, 45 Millionen Euro in die Standorte zu investieren, „um diese Warenhäuser weiter zu entwickeln, zu modernisieren und nachhaltig zu stabilisieren“. Darüber hinaus bemühe man sich gemeinsam mit dem Senat um die Zukunft von Karstadt Sport im ehemaligen Bilka-Haus an der Joachimsthaler Straße. Geschlossen werden dagegen, wie berichtet, die Galeria-Filialen im Linden-Center in Hohenschönhausen sowie in den Gropius-Passagen im Süden Neuköllns.

Die Vereinbarung sichert rund 800 Arbeitsplätze im Einzelhandel in der Stadt, schließlich verzichtet Karstadt in den geretteten Häusern auf betriebsbedingte Kündigungen. Alle Beschäftigten, die von Kündigungen an den Schließungsstandorten betroffen sind, können in eine Transfergesellschaft wechseln oder sich abfinden lassen. Die Transfergesellschaft soll zwölf Monate lang bestehen, das Transferkurzarbeitergeld stockt Karstadt auf bis zu 80 Prozent der Nettolöhne auf.

Doch so viel Kompromissbereitschaft von Unternehmen hat seinen Preis. Im Gegenzug erklärt sich der Senat dazu bereit, der Immobilen-Holding Signa bei Investitionen entgegenzukommen. Dabei geht es unter anderem um ein Hochhaus am Alexanderplatz, für das das Land Berlin Planungsrecht schaffen soll. Signa will ein 130 Meter hohes Haus – alte Pläne sahen 150 Meter vor – errichten, das die bereits existierende Galeria-Kaufhof-Filiale möglichst wenig beeinträchtigen soll. Am Standort Kurfürstendamm will der Senat nun doch „ein bis zwei Hochhäuser“ genehmigen. Diese sollen sich in die Bebauung am Breitscheidplatz „integrieren“, wie es heißt. Am Platz stehen bereits zwei jeweils 118 Meter hohe Häuser. Ursprünglich hatte Signa bis zu drei Hochhäuser geplant, von denen einige mehr als 150 Meter hoch hätten werden sollen. Das dritte städtebauliche Zugeständnis betrifft den Hermannplatz. Am Traditionsstandort will Signa investieren und eine gemischt genutzte Immobilie entwickeln. Vor allem das Stadtplanungsamt von Friedrichshain-Kreuzberg meldet Bedenken an. Es drohe eine Verdrängung der bisherigen Einzelhandelsstruktur. Laut Letter of Intent soll nun der Senat einen Bebauungsplan aufstellen. Das bedeutet: Die Landesregierung zieht das Verfahren an sich, der Bezirk wird entmachtet. Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) teilte am Montag jedoch mit, dass „die vom Bezirksamt geäußerten Bedenken bestehen“ blieben.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller zeigte sich am Montag erleichtert. Dies sei „eine gute Absichtserklärung für die nächsten Jahre und ein guter Tag für den Einzelhandelsstandort Berlin“. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop sprach von „harten und fairen Gesprächen“, die zu einem „guten Paket“ geführt hätten. Kultursenator Klaus Lederer erinnerte an das Aus für die Filiale im Linden-Center, als er von einem „lachenden und einem weinenden Auge“ sprach. Dennoch sei es richtig gewesen, um jeden Standort zu kämpfen.

Auch in der Branche herrscht Zufriedenheit. „Gewinner ist die Stadt“, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes der Region. Der Senat habe „ein sehr gutes Ergebnis geholt – für das wenige, was machbar war“. Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sprach von einer „guten Nachricht“. Nach Worten von Landesbezirksleiter Frank Wolf hätten sich „der breite Protest und das Engagement ausgezahlt“. Allerdings müssten auch die Beschäftigten von Karstadt Sport eine Beschäftigungsgesellschaft erhalten, wenn das Haus doch noch geschlossen werden sollte.

Auch aus den Bezirken mit den geretteten Häusern gibt es erste Reaktionen. So zeigte sich Tempelhof-Schönebergs Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) erleichtert über das Ja zur Filiale am Tempelhofer Damm – und damit der Sicherung der mit allen Untermietern insgesamt 140 Arbeitsplätze. Die 5-Jahres-Garantie sei „ein guter Zeitraum, in der sich die Filiale sicher auch beweisen muss. Unter dem Strich müssen natürlich auch die Umsätze stimmen“, so Schöttler. „Aber die Filiale hat jetzt eine realistische Chance.“

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