Der 39-jährige Sebastian Jung ist empört. „Diese Miete kann ich nicht bezahlen“, sagt er. Der Vermieter seiner Sozialwohnung im Fanny-Hensel-Kiez in der Schöneberger Straße in Kreuzberg verlangt zum 1. April rückwirkend für 27 Monate eine Mietzahlung in Höhe von 9127 Euro. Doch so viel Geld kann Jung, der als Inhaber eines Wohnberechtigungsscheins einzog, nicht aufbringen. „Ich vermute, dass mir bald die Kündigung droht“, sagt er.

Der Vermieter hat die Kaltmiete für die 50 Quadratmeter große Wohnung von 268,95 Euro auf 656,99 Euro monatlich erhöht. Inklusive Nebenkosten soll Jung monatlich 833,58 Euro für seine Sozialwohnung zahlen. Dabei kann er noch froh sein. Der Vermieter teilte ihm nämlich mit, dass sich für den Zeitraum von Dezember 2009 bis März 2014 eigentlich eine Nachzahlung von 17.916,12 Euro ergibt.

Da die rückwirkende Erhöhung erst ab dem Jahr verlangt werden könne, das der Erklärung des Vermieters vorangegangen sei, reduziere sich die Nachzahlung auf 9 127,08 Euro. „Wir bitten Sie, diese Zahlung mit der Miete per April 2014 auf das Ihnen bekannte Konto zu überweisen.“ Anfang nächsten Monats soll Jung also rund 10.000 Euro zahlen.

Hintergrund der Forderungen: Die Wohnungen im Fanny-Hensel-Kiez gehören zu den rund 28.000 Sozialwohnungen in Berlin, die vom Wegfall der sogenannten Anschlussförderung im sozialen Wohnungsbau betroffen sind. Um den Landeshaushalt zu entlasten, beschloss der Senat im Jahr 2003, dass es nach dem Ablauf einer 15-jährigen Wohnungsbauförderung keine Förderung über weitere 15 Jahre gibt, wie bis dahin üblich.

Mit der Förderung wurden die sogenannten Kostenmieten von etwa zwölf bis 20 Euro je Quadratmeter auf ein für die Mieter erträgliches Niveau von etwa fünf Euro subventioniert. Nach dem Wegfall der Anschlussförderung können die Vermieter die Kostenmiete von den Mietern verlangen. Und zwar in voller Höhe. Im vorliegenden Fall fordert der Vermieter von dem 39-jährigen Sebastian Jung die Kostenmiete von rund 13 Euro je Quadratmeter. Eine andere Familie soll 9,62 Euro je Quadratmeter aufbringen.

„Ich bin offenbar der erste Mieter, der mit der vollen Kostenmiete rückwirkend belastet wird“, sagt Jung. Der 39-Jährige hat sich in der Vergangenheit immer wieder für die Mieter in den Wohnanlage stark gemacht – und dabei kritisiert, dass vor allem Bewohner aus Zuwandererfamilien mit hohen Forderungen des Vermieters konfrontiert wurden. Als Reaktion darauf beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg im Jahr 2010 eine Resolution, in der sie das Vorgehen des Vermieters verurteilte und ihn aufforderte, „sofort damit aufzuhören, für sie unliebsame Mieterinnen und Mieter mittels vorgeschobener Mieterhöhung loswerden zu wollen.“

Sebastian Jungs Vermieter scheint das wenig beeindruckt zu haben. So stellt der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, fest: „Einmal mehr zeigt sich, dass es selbst im sozialen Wohnungsbau manchen Eigentümern darum geht, Mieter durch Einschüchterung aus ihrer Wohnung herauszubekommen, um anschließend eine außerordentliche Immobilienrendite einzufahren.“ Faktisch sei die Wahrnehmung von rechtlichen Ansprüchen für Mieter heute schwieriger denn je, denn die Risiken für sie seien hoch. Bei Nichtzahlung von Vermieterforderungen stehe fast immer auch die Kündigung im Raum, so Wild.

Sebastian Jung will die rückwirkende Mieterhöhung nicht akzeptieren. „Ich möchte und muss in meiner Wohnung bleiben“, sagt er. Gegen die Mieterhöhung habe er rechtliche Schritte eingeleitet. Vom Vermieter war am Donnerstag keine Stellungnahme zu erhalten. Der jetzige Eigentümer der Wohnanlage hatte das Haus nach dem Wegfall der Anschlussförderung erworben. Die Mietforderungen basieren jedoch auf den sehr viel höheren Kosten aus der Bauzeit des Gebäudes.