Berlin - Der Andrang an den Berliner Impfzentren lässt nach. Nicht, weil die meisten Menschen in dieser Stadt schon ihre Impfungen gegen das Coronavirus bekommen haben. Vielmehr sind die Berliner impfmüde. Der Ruf nach einfachen, unkomplizierten Impfangeboten wird lauter. Einzelne Bezirke gehen neue Wege. Und auch Sportvereine machen sich Gedanken. Wie es bei den Schulen weitergeht, ist allerdings völlig offen.

Das Bezirksamt Lichtenberg etwa startet am Sonnabend bei Ikea an der Landsberger Allee Berlins ersten „Drive-in mal anders“. Statt Köttbullar gibt es Moderna oder Johnson & Johnson. Ikea hat dafür auf dem hinteren Parkplatz kostenlos ein etwa 5000 Quadratmeter großes Areal zur Verfügung gestellt. Derzeit werden dort zwei Zelte aufgestellt, die mit dem Auto durchfahren oder als Walk-in für Fußgänger durchlaufen werden können. Mit kurzen Stopp für den Piks. Die Impfstation ist sechs Wochen lang jeden Tag, auch sonntags, von 11 bis 21 Uhr geöffnet. Ärzte und Impfstoffe stellt die Senatsgesundheitsverwaltung.

Die Idee des Bezirksamtes zu dieser unkonventionellen Impfstation, die auch gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, wurde schnell umgesetzt. Erst Ende voriger Woche sei das Bezirksamt an das Unternehmen herangetreten, sagt eine Sprecherin am Dienstag.  Für die 15 Minuten nach der Impfung plant Ikea einen Food-Truck auf dem Gelände zu stationieren, „um die Wartezeit so angenehm wie möglich zu gestalten“.

Eine Pop-up-Impfstation am Hermannplatz

Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Linke) zeigt sich erfreut, den Menschen in dieser Stadt „ein weiteres sehr niedrigschwelliges Impfangebot“ unterbreiten zu können. Schon die Schwerpunktimpfungen in Hohenschönhausen seien erfolgreich gewesen. „Nun probieren wir etwas Neues aus“, sagte er. 

Auch Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) ist in Sachen einfacher Impfangebote dabei. An diesem oder am nächsten Freitag will er auf dem Hermannplatz an der Grenze zu Kreuzberg ein Art Pop-up-Impfstation einrichten. Zwei Ärzte werden da sein, „einer für die Aufklärung, einer für die Impfung“. 200 Vakzindosen sind geordert. Bei Bedarf können es auch mehr werden. „Der Freitag ist perfekt, an diesem Tag ist Markt auf dem Hermannplatz.“

Liecke hält allerdings nichts davon, in Moscheen zu impfen. „Moscheen stehen derzeit bei Impfungen nicht im Zentrum der Kooperation.“ Und er ist auch gegen den Vorschlag des SPD-Gesundheitsexperten Lauterbach, in Shisha-Bars zu spritzen. „So etwas muss in einer ruhigen, abgeschirmten Umgebung geschehen.“

Mittlerweile machen sich auch Sportvereine Gedanken. „Wir planen einen Handball-Impftag“, sagte Konstantin Büttner, der Geschäftsführer des 12.000 Mitglieder starken Berliner Handball-Verbands. Stattfinden werde der Impftag im Radiologie Diagnostikum in den Gropius-Passagen. Einen Termin gebe es noch nicht. Büttner schätzt den Bedarf auf etwa 1000 Interessenten. Dagegen gibt es beim ebenso mitgliederstarken Basketballverband noch keine Planungen. „Wir schließen aber nicht aus, dass es eine gemeinsame Aktion mit dem Landessportbund nach den Sommerferien geben wird“, sagte Florian Bath vom Verband.

„Wir betreiben unmittelbar in Stadionnähe das Testzentrum, und wir haben die Impfkampagne in Berlin von Anfang an unterstützt. Derzeit sind wir im Austausch mit dem Bezirksamt Treptow-Köpenick, in welcher Weise wir das auch weiterhin machen können“, sagte Christian Arbeit, der Sprecher von Fußball-Erstligist 1. FC Union Berlin. Eine Impfaktion im Stadion oder eine Impfstation in Stadionnähe könnten vielleicht wirksame Mittel sein. Hertha BSC will hingegen erst einmal keine Kampagne zum Thema Impfen unterstützen, teilte Sprecher Max Jung mit.

Während sich Sportclubs auf den Weg machen, scheint sich auf einem wichtigen Feld nichts zu bewegen: bei den Schulen. In knapp vier Wochen beginnt das neue Schuljahr. Und viele fürchten, dass es im Krisenmodus starten wird – das heißt im Zweifel: mit Maskenpflicht für Schüler, Wechselunterricht und Online-Stunden. Schuld daran ist die unklare Corona-Lage.

Franziska Giffey: Erwachsene mit Kinderkontakt sollten geimpft sein

Die Senatsbildungsverwaltung verhängt für die ersten beiden Schulwochen eine Maskenpflicht für Schüler und Lehrkräfte. Außerdem müssen sich in der ersten Woche alle Schüler dreimal testen lassen, in der zweiten Woche zweimal. Dann, so die Hoffnung von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sollten alle möglicherweise in den Ferien eingeschleppten Corona-Infektionen identifiziert sein. Die Positiv-Getesteten müssten in Quarantäne, der Rest könnte normalen Schulbetrieb erleben.

Doch tatsächlich gibt es eine große Unbekannte: Spätestens nach Eintritt der niedergelassenen Ärzte in die Impfkampagne weiß niemand, wie viel Personal von Schulen und Kitas immunisiert ist. Wahrscheinlich gibt es etliche Skeptiker – schließlich habe, wie Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) vorige Woche sagte, „jeder inzwischen alle Chancen der Welt zum Impfen gehabt“. 

SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey sieht es genauso. „Die Ausrede, keine Möglichkeit zum Impfen zu haben, gilt nicht mehr“, sagte sie am Dienstag im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Jetzt gehe es darum, „nachdrücklich an die Solidarität, die Vernunft und die Verantwortung aller Erwachsenen zu appellieren“.

Aus Giffeys Sicht haben auch die Gewerkschaften „die Aufgabe, aktiv für das Impfen zu werben. Lange genug haben sie ja den Impfschutz für das Personal eingefordert.. Jetzt müsse die Kokon-Strategie umgesetzt werden: „Alle Erwachsenen, die mit Kindern in Kontakt sind, sollten geimpft sein, um das Risiko einer Ansteckung zu reduzieren und die Kinder zu schützen.“

Ist es also Zeit für eine neue Impfkampagne, speziell für Lehrpersonal? Von der Bildungsverwaltung gab es dazu am Dienstag keine positiven Signale.