Viele sind weiß lackiert, andere schwarz. Sie parken neben anderen Autos in Berlin – nicht nur im Zentrum, sondern auch in Pankow, Friedenau oder am Flughafen Tegel. Jeder, der sich als Kunde registriert hat, darf diese Wagen fahren. Und in ihrer Gesamtheit bescheren sie Berlin einen Spitzenplatz: Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Carsharing-Autos, die über die Stadt verteilt auf Straßen und Plätzen stehen. Das teilte das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) mit. Doch jetzt gibt es Streit: Ist Carsharing umweltfreundlich – oder soll es das Autofahren nur populärer machen?

Car ist das englische Wort für Auto, und sharing heißt: teilen. Unternehmen stellen Autos zur Verfügung, die Kunden dürfen sie sich teilen. In Berlin ist das nicht neu. Doch das Konzept hatte lange nur wenige Fans. Auch deshalb, weil die Autos bei der ursprünglichen Form des Carsharings nur auf bestimmten Parkplätzen auf Kunden warten. Nicht jeder hat einen in der Nähe.

2011 kam allerdings ein flexibles Geschäftsmodell, das ohne feste Parkplätze oder Mietstationen auskommt, nach Berlin. Seitdem steigen die Zahlen rasant an. Heute sagt InnoZ-Sprecher Frank Wolter: „Beim flexiblen Carsharing liegt Berlin mit Abstand vorn.“ Im Januar 2015 hatten DriveNow, Car2Go, Multicity und Spotcar in Berlin insgesamt rund 2 300 Autos im Angebot. Sie wurden für zirka 333.000 Fahrten genutzt. Auf dem zweiten Platz steht Rom – jedoch mit einer nur halb so großen Flotte.

Die Anbieter wollen weiter wachsen. „In diesem Jahr werden wir unsere Flotte auf rund 1100 Autos aufstocken“, sagt Nico Gabriel von DriveNow, derzeit mit knapp tausend Minis und BMW in Berlin vertreten.

Warum gerade Berlin? Gabriel: „Anders als andere Städte hat diese Stadt viele Zentren“ – damit gibt es auch mehr Wege, die zurückzulegen sind. „Der Anteil der Haushalte, die über kein eigenes Auto verfügen, ist nirgendwo so groß wie hier“ – mehr als die Hälfte. „Und es gibt viele Singles, die eine wichtige Zielgruppe für uns sind“, erklärte Gabriel.

Aber nutzt das flexible Carsharing wirklich der Umwelt? Nur dann, wenn es in Berlin unattraktiv wäre, einen privaten Pkw zu halten, sagt Oliver Schwedes. Doch ein solches verkehrspolitisches Gesamtkonzept kann der Leiter des Fachgebiets Integrierte Verkehrsplanung an der Technischen Universität Berlin in dieser Stadt nicht erkennen. „Wenn wir nur attraktive Carsharing-Angebote machen, dann steigern wir die Attraktivität des Autofahrens in der Stadt – ohne dass sich Autofahrer dazu veranlasst sehen, auf den privaten Pkw zu verzichten“, sagt Schwedes.

Kannibalisierung – oder nicht?

Skeptisch ist auch die Berliner Unternehmensberatung Civity. Ihr Fazit: Die neue Form des Carsharings „deckt Entfernungsbereiche und Mobilitätsbedürfnisse ab, die größtenteils mit dem öffentlichen Verkehr oder mit dem Auto zu bewältigen gewesen wären“. Es gehe um „motorisierte Bequemlichkeitsmobilität im Nahbereich“. Und um einen Markt mit Potenzial, der „zusätzliche Erlösströme“ erzeugt.

Die Carsharing-Branche sieht das naturgemäß positiver. Wenn man das Auto zurückdrängen wolle, komme man ohne Autos nicht aus – gemeinschaftlich nutzbare Wagen, die private Pkw überflüssig machen. Nun ließen DriveNow und Car2Go in Berlin und anderen deutschen Städten 2881 Kunden befragen. Am Mittwoch stellten sie die Ergebnisse vor. Zum Beispiel: Die neue Form des Carsharings ergänze andere Fortbewegungsarten, sie „kannibalisiere“ sie nicht. 65 Prozent der befragten Kunden fahren täglich oder mehrmals pro Woche mit dem Nahverkehr, 39 Prozent mit dem Rad.

„Eine Verlagerung von Fahrten des Nahverkehrs oder mit anderen Verkehrsmitteln findet zwar durchaus statt“ – aber nur bei „gewichtigen Gründen“, weil zum Beispiel die Bahnfahrt länger dauert. Das neue Carsharing stärke „den Einstellungswandel hin zum Pkw-Verzicht“. Rund die Hälfte der Befragten besitze kein eigenes Auto. Und 37 Prozent hätten in den vergangenen Jahren ein eigenes Auto abgeschafft – in mehr als der Hälfte der Fälle, weil es das Carsharing gibt.

„Wir sind noch ganz am Anfang der Entwicklung“, sagte Thomas Beermann, Chef von Car2Go. Wichtig sei es, dass die Flotten größer werden. Damit es in jedem Fall, in dem man sonst ein eigenes Auto nutzen würde, eine Alternative gibt.