Weihnachten (Symbolbild).
Foto: dpa/Arno Burgi 

BerlinIch habe neulich „Driving home for Christmas“ von Chris Rea gehört und festgestellt, dass ich die Nachwendezeit in Weihnachtsheimfahrten erzählen kann. Nach dem Abitur 1993 ging ich in den Westen und kam meist nur zu Weihnachten zurück. 

1994 fuhr ich mit dem ICE von Stuttgart nach Berlin, und von dort weiter in das Dorf meiner Kindheit in Brandenburg. In Stuttgart hatte ich ein Zeitungspraktikum gemacht. Ich trank dort meinen ersten Cappuccino und hörte zum ersten Mal das Wort „Kehrwoche“. Es war wie eine Redaktion aus dem Fernsehen; toughe, kinderlose Frauen, Alkohol am Nachmittag. Niemand fragte mich nach der DDR, nicht mal nach der Stasi.

Driving home for Christmas/with a thousand memories. Schon im ICE erkannten wir Rückkehrer uns, an unseren Reno-Schuhen und billigen Reisetaschen über der Schulter. Am Gleis 1 am Alexanderplatz Richtung Frankfurt/Oder waren wir unter uns. Das Haus meiner Eltern schien mir kleiner, der Weihnachtsbaum schäbiger als zuvor. Meine Schwester hasste die Schule und die Jungs, die ich kannte, hörten rechte Bands, trugen Springerstiefel und Glatze. „Die sind politisch“, hieß es.

Geschenke wie die Westpakete 

Mein Vater schimpfte, wie sehr er Weihnachten hasse, immerhin das hatte sich nicht geändert. Driving home for Christmas/I can’t wait to see those faces. Später kam ich Weihnachten aus Hamburg gereist, hatte meine erste Festanstellung in einer Magazinredaktion, rezensierte Lippenstifte und interviewte Stars wie Robbie Williams. „Kenne ich nicht“, sagte mein Vater. Ich hatte ein Exemplar des Heftes, für das ich arbeitete, für meine Eltern mitgebracht, damit sie sehen, wo ich arbeite.

Das bunte Magazin lag wie ein Giftpilz auf dem Tisch. Keiner stellte mir Fragen zu meinem Leben. Ich war zu Hause, aber ich fühlte mich wie ein Alien. In Hamburg wollte ich den Osten verteidigen und zu Hause den Westen. Ich sagte Sätze wie: „Man kann nicht nur jammern, man muss sich heute auch selbst kümmern.“ Schämte mich danach dafür. Später kam ich aus London und kompensierte mein Schuldgefühl, im Westen zu wohnen, mit großen Geschenken. Das war wie die Westpakete von früher.

Die Familie hat sich verändert

Mit meinen Heimfahrten war ich Teil eines Trecks: Rund 3,6 Millionen Menschen zogen seit 1991 aus dem Osten fort, die Mehrheit davon Frauen. Einige sind zurückgekehrt, nach Leipzig oder Berlin. Seitdem ich Kinder habe und zu Weihnachten meine Eltern besuche, hat sich auch das System Familie verändert, die Eltern wurden Großeltern, die Urgroßmutter, die lange ihren festen Platz hatte, ist nicht mehr da.

Meine Kinder essen Plätzchen aus den Dosen, aus denen ich schon Plätzchen aß. Und mein Sohn besteht darauf, dass Opa mit ihm spielt. In diesem Jahr fahren wir zum Fest in die andere Richtung, nach Südengland. Ich fürchte mich vor den Dinner-Gesprächen mit meinen Schwiegereltern, beide Brexit-Befürworter.

Ich möchte am liebsten gar nicht über Politik mit ihnen reden, das ist fast so wie in den Neunzigern im Osten. In diesem Jahr werden wir nicht „Driving home for Christmas“ hören, sondern das Lieblingslied der Kinder: „Santa Baby“, ein Duett zwischen dem britischen Sänger Robbie Williams und der Deutschen Helene Fischer. Dann kann Weihnachten beginnen.

Sabine Rennefanz liest aus neuen Kolumnen im Pfefferberg Theater am 20. Januar um 20 Uhr.