DRK Klinikum Westend: Betrugsverdacht bei Frühchen-Betreuung

Berlin - Im DRK-Klinikum Westend in Charlottenburg soll bei der Abrechnung von Leistungen für die Betreuung von hochriskanten Frühgeburten betrogen worden sein. Derartige riskante Frühgeburten dürfen im Klinikum Westend, laut Klassifizierung, nicht betreut werden, sagen Ermittler. Die Vorwürfe richten sich gegen den Leiter der Kinderklinik und den ehemaligen Chefarzt der Frauenklinik.

Den Medizinern wird vorgeworfen, hochriskante Schwangerschaften und Frühchen entgegen den Bestimmungen behandelt und die erbrachten Leistungen fälschlicherweise abgerechnet zu haben. Eigentlich, so sehen es die Vorschriften vor, hätten die kritischen Patienten in die Charité überwiesen werden müssen.

Polizei beschlagnahmt Patientenakten

Der Betrugs-Schaden soll rund 190.000 Euro betragen. Polizei und Staatsanwaltschaft prüfen auch, ob Patientinnen zu Schaden gekommen sind. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, bestätigte die Ermittlungen. Bereits vor einer Woche waren Klinikräume von der Polizei durchsucht und Patientenakten sichergestellt worden.

Die DRK-Kliniken haben umfassend Informationen zur Verfügung gestellt und kooperieren vollumfänglich, sagte Klinik-Sprecherin Tanja Kotlorz am Sonntag auf Anfrage. Da es sich um ein laufendes Verfahren handele, könnten keine weiteren Angaben gemacht werden.

Frühchenstationen sind in Deutschland in unterschiedliche Niveaus eingeteilt. Das Niveau hängt von der technischen Ausstattung, der fachlichen Kompetenz des Personals sowie von den Qualitätsstandards ab. Die Anforderungen an solche Einrichtungen ist enorm hoch, heißt es in der Ärztekammer. Die Standards würden ständig kontrolliert. Riskante Frühgeburten dürfen nur in Zentren der Stufe 1 betreut werden.

Das sind in Berlin die Charité an ihren Standorten in Mitte und Wedding, das Helios-Klinikum in Buch, die Vivantes-Kliniken in Friedrichshain und Neukölln, das Evangelische Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf sowie das St. Joseph-Krankenhaus in Tempelhof.

Das DRK-Klinikum in Westend hat diese Klassifizierung nicht. Zwar verfügt das Haus über eine Intensivstation für Früh-und Neugeborene. Aber Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm oder einem Geburtszeitpunkt vor der 29. Schwangerschaftswoche dürfen dort nicht behandelt und müssen in die Spezialzentren verlegt werden. Das soll in den Jahren 2009 und 2010 in acht Fällen nicht geschehen sein. Einer Krankenkasse waren die Abrechnungen aus der DRK-Klinik Westend für diese Behandlungen aufgefallen. Sie erstattete Anzeige.

Bereits mehrere Abrechnungsskandale

In der Vergangenheit waren die DRK-Kliniken wegen zweifelhafter Abrechnungen bereits mehrfach in die Schlagzeilen geraten. Im September 2009 gab es eine erste Durchsuchung in den DRK-Kliniken. Im Juni 2010 war die Polizei erneut in den Krankenhäusern. Im Frühjahr 2012 wurde Anklage wegen banden- und erwerbsmäßigen Betrugs gegen mehrere Mediziner erhoben. Wann der Prozess beginnt, ist noch nicht geklärt.

Die DRK-Kliniken in Berlin sind ein gemeinnütziger Verbund aus fünf Krankenhäusern und einem Pflegeheim mit insgesamt 1509 Betten. Gesellschafter ist die DRK-Schwesternschaft Berlin e.V. Die Gemeinnützigkeit berechtigt das Unternehmen zu Steuervergünstigungen und Fördermitteln. Dort werden nach eigenen Angaben jährlich rund 200.000 Patienten, darunter 60.000 stationär, von mehr als 3400 Mitarbeitern versorgt. Die DRK-Kliniken gehören zu den 26 größten Arbeitgebern in Berlin.