Droge MDMA: Das chemische Glück, das mich zum Egoisten macht

Thilo Mischke nimmt nie Drogen, trinkt äußerst selten Alkohol. Auf dem Festival Fusion probiert er die Substanz MDMA – und trifft eine Entscheidung.

Besucher eines Open Air Festivals
Besucher eines Open Air Festivalsimago/Wiedemann

Ich konsumiere keine Drogen. Niemals Kokain, selten Alkohol, kiffe nicht. Ich verlasse Partys, wenn sie beginnen, will dann nach Hause und mich nicht unterhalten, nicht laute Gespräche in die nahen Ohrmuscheln ferner Menschen führen. Ich wollte nie jemand anderes sein, deswegen nehme ich keine Drogen.

Die Welt, in der ich mich als Journalist und damit auch als Mensch, bewege, die mir offen steht, ist eine dunkle. Eine von Schmerz, von Tod und Verderben bestimmte Wirklichkeit. Ich wurde in den letzten Jahren so oft mit dem Tod konfrontiert, dass meine Prioritäten in der Heimat, zu Hause, in meiner Straße ganz andere geworden sind.

Ich will meine Ruhe. Ich will nicht lesen, nicht mal Videospiele spielen, keine Filme sehen, ich will Stille. Mehr brauche ich nicht. Alltag ist für mich Aufregung. Ein Ausbrechen aus dem Alltag bedeutet, das gedämpfte Geräusch des Verkehrs der Straße, in der ich aufwuchs, zu hören. Es bedeutet, die Krähen beim Kacken von Kirschkernen zu beobachten.

MDMA als Therapeutikum: Wie schmeckt Glück?

Obwohl ich keine Drogen nehme, bin ich neugierig. Ich habe mich zwei Jahre lang mit der Substanz MDMA auseinandergesetzt, bevor ich sie zum ersten Mal genommen habe. Ich habe sie als Therapeutikum ausprobiert. Kürzlich, wie viele andere auch, auf der Fusion. Die einen wollten aus dem Alltag ausbrechen, ich wollte wissen, wie Glück schmeckt. Ob ich denn noch glücklich sein kann. Vor allem: unbefangen.

Vor zwei Monaten war ich in Afghanistan. Solche Reisen hinterlassen feine Verletzungen auf der Seele, Verletzungen, die ich immer erst später spüre. Als erstes geht die Freude. Jene Freude und damit auch Neugierde, die mich das werden lassen hat, was ich heute bin.

Aber es sind nicht nur die Kriegsgebiete, die mich seltsam haben werden lassen, sondern auch das Großwerden in dieser Stadt Berlin. In der Umarmen als Begrüßung eher ungewöhnlich ist, in der eine Geste der Zärtlichkeit ein schmallippiges Zunicken ist. Ich wollte für eine Nacht all das abschütteln. Ist mir das vorzuwerfen?

Ich konnte nicht mehr hindurchsehen durch das, was ich erlebt habe und wollte nun, nachdem ich verstanden hatte, wer diese Substanz erfunden hat, was ihr Zweck ist, wie sie funktioniert, was diese Moleküle im Körper bewirken, Glück spüren. Ich wusste über die Suchtgefährdung Bescheid (gering) und über das Risiko körperlichen Versagens (gar nicht mal so gering).

Ein Redakteur eines großen deutschen Nachrichtenmagazins gab mir das Tütchen mit dem bitteren Pulver. Die Sonne schien fest und beständig auf die Köpfe der Fusion. Die Menschen schwitzten und tanzten zu Musik, die sie nicht kannten. Meine Fingerspitze ein Messlöffelchen. Ungenau und schmutzig.

80 Milligramm pro Fingertipp

Schätzungsweise 80 Milligramm pro Fingertipp in das Tütchen mit einem Gramm MDMA. Der bittere Geschmack auf meiner Zunge vertreibt die Erziehung durch Christiane F., die Angst vor dem Absturz, die Angst vor der Ausgrenzung.

So viele Menschen nehmen Kokain, denke ich in diesem Moment, was soll schon so schlimm daran sein, wenn ich ein Mal in meinem Leben MDMA probiere? Obwohl diese beiden Substanzen nichts miteinander zu tun haben, sage ich mir das.

Das Leben verengt sich auf einen schmalen Korridor. Ich kenne kein Links und Rechts mehr, nur noch das vor mir liegende. Ich vergesse zu essen, zwinge mich zum Trinken. Eine große Unruhe ergreift mich. Es erinnert mich an die schmerzhafte Ungeduld der Pubertät, wann das Leben nun endlich losgehen würde.

Noch mal 80 Milligramm.

Das Rauschen der Birkenblätter scheint die schönste Musik auf diesem Festival zu sein, dieser Baum, der mir viel bedeutet, über den ich schon viel geschrieben habe. Es fällt mir wieder ein, als ich die verletzlichen Blätter im Wind sehe, meinen Kopf eine Ewigkeit in den Nacken gelegt. Ich lächle die Blätter an, als wären sie Mitglieder meiner Familie, in der ruhigen Harmonie des zweiten Weihnachtsfeiertages.

Noch mal 80 Milligramm.

Alles, was mich bedrückt, verschwindet, ich atme aufgewirbelten Staub ein, die feinen Haare meines Arms stellen sich wie die Ranken des Efeus auf. Efeu, der nach sicherem Halt sucht. Ich vergesse die von mir entdeckte und entzauberte Welt. 20 Jahre Journalismus, Berlin in den 90ern, die Unruhe im Blick der Eltern, als der Kapitalismus sie in seine kalten Arme nahm. Weg. Verschwunden. Als das Sonnenlicht verschwindet, laufe ich mit schnell schlagendem Herz durch Menschenmassen, manche Gesichter erdrücken mich fast mit ihrer feinen Perfektion. Ich habe keinen Zweifel mehr. Ich spüre eine unbändige Neugier, alles wissen und probieren zu wollen. Ich bin wieder elf, es ist ein Sommer in Brandenburg und meine Eltern rufen über die Wiese, dass ich zu Hause sein muss, wenn es dunkel wird.

„Es ist das chemische Glück“, höre ich jemanden sagen.

Noch mal 80 Milligramm.

Und dann verschwinde ich. Die Sätze versagen, die Überlegungen werden zu Wünschen. Nicht mehr, was ich erlebt habe, gestaltet mich, sondern nur das, was ich gerade erlebe ist von Wert. Größtes chemisches Glück, das mich fast verzweifeln lässt. Nichts davon soll je aufhören. Erschöpftes Kichern und die Feststellung, dass dieses Gefühl, dieses Glück in seiner scharfkantigen Falschheit so bezaubernd ist, dass es mir Angst machen könnte. Macht es aber nicht. Ich bin nicht mehr das, was das Leben aus mir gemacht hat. Es ist nicht nur chemisches Glück, sondern auch künstliche Unschuld.

Die größte Gefahr für Menschen wie mich

Vollkommen klar formuliere ich für mich: Niemals mehr darf ich diese Substanz nehmen. Vollkommen bewusst ist mir, nicht erst am nächsten Tag, sondern auf dem Höhepunkt der Wirkung, das, was ich hier und jetzt erlebe, ist von größter Gefahr für all diejenigen, die in der Wirklichkeit keinen Frieden finden. Für Menschen wie mich.

All das, was mich beschäftigt, der Freund in Afghanistan, die verwaisten Frauen im Nordirak, ja selbst mein Vater, der an dieser Welt zerbricht, meine Mutter, die ihm hilft, das Leben aufzulesen, mein Bruder, der jünger ist, in einer Welt, die kaputt geht. All das ist verschwunden.

Ich bin glücklich, weil das chemische Glück mich zu einem Egoisten gemacht hat. Ich spüre das. In diesem Moment und weil die Moleküle an meinen Serotoninspeichern reißen, das Dopamin durch meinen Körper rast und jede Sorge weggespült wird, ich spüre das Glück, weil es für diesen einen, seltenen Moment nur noch das vor mir gibt. Das, was ich sehe, zählt. Nur noch ich.

Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels war von „80 Mikrogramm“ die Rede. Wir haben diesen Fehler nach Hinweisen von Lesern, für die wir danken, korrigiert.

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