Berlin - Es war offenbar ein gut organisierter Schmuggel in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit und ein florierender Handel in großem Stil. Von Dezember 2013 bis Anfang März dieses Jahres sollen Haschisch, Kokain, die Heroinersatzdroge Subutex und das Schmerzmittel Tilidin einmal in der Woche ins Gefängnis geliefert worden sein. Dazu noch Handys und Alkohol – versteckt unter den Einkäufen der Häftlinge. Empfänger der verbotenen Ware soll der 33-jährige Häftling Veysel K. gewesen sein, der die Drogen und auch die Mobiltelefone gewinnbringend an Mitgefangene verkauft haben soll.

Seit Donnerstag müssen sich Veysel K. und drei mutmaßliche Komplizen vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen bandenmäßigen Handel mit Betäubungsmitteln vor. Neunmal in drei Monaten soll Veysel K. in der JVA mit Drogen beliefert worden sein. Der Schmuggel flog nach dem Fund eines Handys auf.

Die Angeklagten legen an diesem ersten Prozesstag zumindest Teilgeständnisse ab. Der Drahtzieher Veysel K. gibt an, medikamentenabhängig zu sein und die Drogen für den Eigengebrauch benötigt zu haben. Nur einen kleinen Teil will er an Mitgefangene verschenkt oder gar verkauft haben. „In der JVA bekommst du nahezu alles, was es draußen auch gibt“, sagt er.

400 Euro für eine Lieferung

Der Lieferservice funktionierte einfach. Veysel K. fragte Ende November 2013 den Mitangeklagten Sascha E., ob dieser ihm nicht ein paar persönliche Dinge ins Gefängnis bringen könnte. Schwarzgebrannte CDs etwa, oder Parfüm, oder Handys. „Nur Kleinigkeiten“, sagt Veysel K. Sascha E. war seit kurzem bei der Firma angestellt, die immer sonnabends Obst, Bekleidung und Elektrowaren in die JVA brachte, die die Gefangenen legal gekauft hatten. Er soll für 400 Euro in den Extra-Service eingewilligt haben.

Veysel K., der wegen einer Messerstecherin in U-Haft saß und mittlerweile in erster Instanz zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde, hat nach eigenen Worten den mitangeklagten Ehemann seiner Cousine angerufen und bei diesem Medikamente, Drogen und Handys bestellt. Der wiederum beauftragte einen Bekannten mit den Besorgungen. Kokain jedoch habe er zu keiner Zeit bestellt, versichert Veysel K. Es sei einfach so geliefert worden. Der Angeklagte erklärt, er habe mit den Drogen und Handys im Gefängnis den Eindruck schinden wollen, tolle Kontakte zu haben und alles besorgen zu können.

Der mitangeklagter Verwandte sieht sich vor Gericht nur als Freund von Veysel K. und nicht als Bandenmitglied oder gar Verbrecher. Er habe Veysel K. mit den Besorgungen nur einen Gefallen tun wollen. „Ich wollte ihm nur helfen“, sagt der 36-Jährige. Er erzählt, wie er das Haschisch für den Transport in die JVA verschnürt hat. Das Päckchen sei kleiner als eine Streichholzschachtel gewesen. Handys hätte er in Fischdosen versteckt. 20 bis 25 Mobiltelefone habe er so ins Gefängnis schmuggeln lassen. Er habe es zunächst nicht glauben wollen, dass er für seine Hilfsbereitschaft inhaftiert werden könne.

Auch der Kurier Sascha E. gesteht. Der Student sagt, er sei naiv gewesen, als er auf das Angebot von Veysel K. eingegangen sei. Er habe Schulden gehabt und gehofft, sie auf diese Weise ausgleichen zu können. Er gibt an, nur mit dem Schmuggel von privaten Sachen beauftragt worden zu sein. „Mal eine CD, mal eine Zeitung.“ Ihm sei zu keiner Zeit bewusst gewesen, dass er Drogen oder Medikamente ins Gefängnis bringen würde. „Irgendwann war dann ein verklebtes Päckchen dabei. Ich habe nicht hinterfragt, was sich darin befindet“, sagt der 27-Jährige.

Die Schmuggelware habe er jedes Mal in einem unbeobachteten Moment in den Korb mit den legal erworbenen Dingen gelegt, der für Veysel K. bestimmt gewesen sei. Sascha E. ist entlassen worden, nachdem der Drogenschmuggel aufgeflogen war. Er kam nicht in Untersuchungshaft, hat ein Studium begonnen und einen neuen Nebenjob gefunden.

Im Männergefängnis in Moabit sind Drogen und Handys nichts Ungewöhnliches. In den vergangenen fünf Jahren wurden dort knapp 700 Handys gefunden. Das geht aus der Antwort, der Justizverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber hervor. In den ersten sechs Monaten 2014 waren es 104 Handys. Seit 2010 wurden 267 Mal Drogen entdeckt.