Wenn eine Partei ihre Mitglieder darüber abstimmen lassen will, wie sie künftig im Umgang mit Drogenkonsum abstimmen soll, ist es immer gut auch dorthin zu gehen, wo Drogen immer schon konsumiert wurden: ins Nachtleben. Und da die SPD noch in diesem Herbst eine Mitgliederbefragung zum Thema Cannabispolitik starten will, lud sie am Donnerstagabend eben ins Ritter Butzke. Da traf dann, nur zum Beispiel, der bekennende Helene-Fischer-Hörer und SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh, auf eine noch immer recht lebendige Techno-Kultur.

Der etwas irreführende Titel der Veranstaltung hieß „Gemeinsam gegen K.o.-Tropfen“. Wie sich im Verlauf herausstellte, war es aber mehr eine Werbeveranstaltung für den SPD-Gesundheitspolitiker Thomas Isenberg. Der möchte seine Partei in Richtung einer Entkriminalisierung von Cannabis bugsieren. „Verbot ist gescheitert“ ist Isenbergs Credo, die Idee etwa von Coffeeshops rund um den Görlitzer Park sei zu begrüßen.

Irreführender Titel

Was das ganze mit K.o.-Tropfen zu tun hat, jenem Zeug, von dem immer mal zu lesen ist, dass es irgendwo irgendwem ins Getränk geträufelt wurde, um ihn gefügig zu machen oder ihn (oder sie) gar vergewaltigen zu können? Nun ja. Eine echte Aufklärung etwa über Orte, an denen solche Anschläge möglicherweise drohen, blieb am Abend aus.

Wie das Ritter Butzke mit dem Thema Drogen umgeht, steht ganz groß an der Wand am Eingang des Clubs in der Ritterstraße in Kreuzberg: „Handel und Konsum illegaler Substanzen ist untersagt!“ steht auf einem angeschraubten Schild. Klingt selbstverständlich, ist es nach Aussagen des Tür-Chefs des Clubs aber durchaus nicht. „Wir müssen alles in unsere Hausordnung schreiben, sonst kommt einer und sagt: Das konnte ich ja nicht wissen“, sagte er und berichtete von einem Gast, der mit seinen Frettchen Einlass begehrte. „Seitdem gibt es in unserer Hausordnung einen Passus, der Tiere verbietet.“

Aber wie ist das denn nun wirklich mit den Drogen? „Also bei uns spielt das Thema nicht so eine große Rolle“, sagte einer der Geschäftsführer des Ritter Butzke. Von einem strafrechtlich relevanten Missbrauch von K.o.-Tropfen in seinem Laden habe er noch nie gehört. Prinzipiell gelte: Man schaue zwar niemandem in die Wäsche, achte aber darauf, dass im Club mit nicht gedealt werde. „Schließlich bin ich nicht nur für meine Gäste verantwortlich, sondern auch für die rund 100 Beschäftigten“, sagte er.

Damit war der Club-Chef wohl nicht so weit entfernt von der Linie von Tim Renner, seit vielen Jahren Musikproduzent, seit etwas mehr als einem Jahr auch Kulturstaatssekretär. Der Neu-Politiker erzählte von seinen Erfahrungen mit Drogen: „Ich habe in meiner Karriere in der Musikbranche viele Menschen an Heroin verloren, auch an Kokain und ganz viele an Alkohol – keinen einzigen an Marihuana.“ Dennoch tue sich seine Partei, die SPD, traditionell schwer mit der kompletten Freigabe von Cannabis. „In unserer Partei stellt sich immer die Frage: Wie kriege ich es hin, dass die Menschen sich nicht schaden“, so Renner. Das klang jetzt nicht sehr danach, dass sich die SPD demnächst ernsthaft mit dem realen Verhalten junger Leute im Nachtleben anfreunden könnte.

Und der Abend bot auch ein Wiedersehen mit Marc Wohlrabe, Urgestein der Berliner Technokultur. Wohlrabe sieht übrigens immer noch so aus, wie Mitte/Ende der 90er Jahre, als er mit seinem Techno-Magazin Flyer seinen Beitrag zum Siegeszug der elektronischen Musik in Berlin leistete. Der gleiche dunkle Bart! Der gleiche dunkle Zopf! Wenn sich da im Laufe der Jahre doch das eine oder andere graue Haar eingeschlichen haben sollte, wurde dies vom schummrigen Licht im Salon des Ritter Butzke gnädig verschluckt.

Heute berät Wohlrabe mit seiner Firma Steinland und seinem „Institut für alle Fragen und Antworten“ zum Beispiel Kunden aus der Wohnungswirtschaft etwa darüber, wie „Wohnen, Geräusch und Bestandsschutz für Kultur“ zusammengehen können.

Daumendrücken für Wohlrabe

Gleichzeitig bewältigt Marc Wohlrabe derzeit eine Art Marathonlauf mit Hindernissen, mit dem verglichen jener von Isenberg in der SPD wie ein Nachmittagsspaziergang aussieht: Wie sein Vater Jürgen Wohlrabe (durch Herbert Wehners Ausspruch „Übelkrähe“ einst quasi geadelt) ist auch Marc Wohlrabe in der CDU. Ausgerechnet diese Partei nun will er, der um den Umgang mit Betäubungsmitteln im Nachtleben nun wirklich weiß, zu einer liberaleren Haltung in der Drogenpolitik bewegen, wie er am Donnerstag sagte. „Auch wenn’s schwer vorstellbar ist: Ich möchte die Leute aus meiner Partei überzeugen.“

Wenigstens der gedrückten Daumen vom SPD-Fraktionschef kann sich Marc Wohlrabe dabei sicher sein. Raed Saleh, der Wohlrabe offenbar nicht kannte, sagte „dem jungen Mann von der CDU: So viel Mut von jungen Leuten finde ich gut.“ Wohlrabe ist Jahrgang 1972 – und damit fünf Jahre älter als Saleh.