Drogenberatung Misfit: Die Drogen der Kreativen in Berlin

Im Büro von Edgar Wiehler in der Drogenberatungsstelle Misfit in der Kreuzberger Cuvrystraße hängt ein Lenin-Orden an der Wand. Kein echter, sondern ein gemalter. Das Bild stammt von einem Russen, den Wiehler betreut hat. Der 65-Jährige ist Drogenberater, die Abhängigen nennt er seine Klienten. Edgar Wiehler führt in einen schmucklosen Besprechungsraum nebenan, dort stehen ein Farn und drei Ledersessel, vor dem Fenster fließt still die Spree vorbei.

Berlin boomt, Menschen aus aller Welt ziehen hier her. Wie hat das den Drogenkonsum beeinflusst?

Ich bin seit 20 Jahren Drogenberater in Kreuzberg, in der Zeit hat sich sehr viel verändert. In den 90er-Jahren war unsere hauptsächliche Zielgruppe die hier lebenden Heroin-Konsumenten.

Also der Junkies vom Kottbuser Tor?

Ja, genau. In Kreuzberg gab es damals die meisten Heroin-Konsumenten. Der Bezirk war das Zentrum alternativer Lebensweise – und Drogenkonsum gehörte auch dazu. 1992 wurde unsere Beratungsstelle in der Schlesischen Straße eingerichtet. Es gab auch einen Kontaktladen, den viele Klienten als Wohnzimmer benutzten. Sie bekamen Essen, medizinische Basisversorgung, konnten Spritzen tauschen, duschen, Wäsche waschen. 2005 musste der Laden schließen, weil die Mittel gestrichen wurden. Das war bitter. Andererseits hatte sich die Klientel geändert. Früher waren 95 Prozent Heroinabhängige, heute sind es 50 Prozent. Stattdessen haben wir mehr mit Cannabis-Abhängigen und der Partyszene aus den Klubs zu tun. Wir bieten Beratung in drei Sprachen an.

Müssen andere Wege finden, zum Beispiel kontrollierte Heroin-Abgabe

Welche Drogen werden am meisten konsumiert?

Ecstasy, Amphetamine, Kokain. Auch die Altersstruktur hat sich gewandelt. Die Heroin-Junkies sind jetzt überwiegend 50 bis 60 Jahre alt, es gibt wenig Neueinsteiger. Bei jungen Leuten gilt Heroin heute als Verlierer-Droge. Es hat sich bislang niemand ernsthafte Gedanken gemacht, wie mit den Alt-Junkies weiter gearbeitet werden kann. Die meisten leben mit Methadon.

Haben sich die Hoffnungen, die man an die Ersatzdroge hatte, erfüllt?

Für viele Junkies hat sich die Lebenssituation grundsätzlich verbessert. Sie kamen in kontinuierliche medizinische und psychosoziale Behandlung und konnten so überleben. Ein weiteres Ziel war es, die Junkies aus dem öffentlichen Erscheinungsbild wegzukriegen. Früher hingen sie am Bahnhof Zoo herum und verstörten durch ihren verelendeten Anblick oder durch Aggressivität. Jetzt sitzen Abhängige mit ihrer Bierflasche am Halleschen Tor und vor Arztpraxen herum, die Methadon ausgeben. Es zeigt, dass man andere Wege finden muss, wie zum Beispiel die kontrollierte Heroin-Abgabe. Sie wird in Berlin von einem Mediziner praktiziert. Die Erfahrungen aus anderen Städten sind ermutigend.

Die Grünen-Politikerin Monika Herrmann will im Görlitzer Park eine staatliche Vergabestelle für Cannabis einrichten. Wie finden Sie das?

Ich bin von der Idee begeistert, weil sie der Diskussion eine neue Richtung gibt. Allerdings wirkt die Herangehensweise etwas naiv. Ein Shop nur an einem Ort kann nicht funktionieren. Die Idee müsste vom Senat aufgegriffen werden. Das verlangt mehr Kräfte als die einer Bezirksbürgermeisterin.

Ist Cannabis nicht eine Einstiegsdroge für härtere Substanzen?

Das ist meiner Erfahrung nach ein leider recht verbreiteter Mythos.

Sie sagten aber vorhin selbst, dass vermehrt Cannabis-Konsumenten bei Ihnen Hilfe suchen.

Als wir in den 90er-Jahren anfingen, kamen zu uns kaum Cannabis-Abhängige, einige Kollegen haben sogar selbst gelegentlich gekifft. Wir waren unbefangen. In den Nullerjahren entwickelte sich bei manchen eine massive psychische Abhängigkeit, immer häufiger traten auch Psychosen auf. Das waren häufig intelligente, im Leben stehende Leute, die Probleme mit Drogen zu verdrängen suchten und die die Kontrolle über den Konsum und über ihr Leben verloren. Doch mit so etwas muss man umgehen. Alkohol schädigt das Gehirn auch, der Verkauf ist dennoch nicht verboten.

Ist nicht auch die Konzentration des bewusstseinsverändernden Stoffes THC gestiegen, weil die Hanfpflanzen hochgezüchtet werden?

Das stimmt. Manche Klienten konnten deshalb die Wirkung der Substanz nicht mehr einschätzen. Auch die Zahl der durch Cannabis hervorgerufenen Psychosen stieg.

In den 90er Jahren gab es eine Organisation namens „Eve & Rave“, die in die Clubs ging, um die Qualität der Drogen zu überprüfen. Warum gibt es das nicht mehr?

Das wurde als aktive Förderung des Drogenkonsums angesehen und deshalb abgeschafft. Es gibt aber Aktivitäten, wieder ein Drug-Checking Angebot zu etablieren.

Bei Misfit hängt ein Schaukasten, in dem erklärt wird, wie man Heroin snieft. Ist das nicht auch Förderung des Drogenkonsums?

Misfit ist keine öffentliche Einrichtung, es kommt ein begrenzter Personenkreis hierher. Aber mit der sich wandelnden Klientel haben wir auch Besucher, die das verstört.

Ihre Klientel ist also heute weniger der Junkie vom Kottbuser Tor, sondern der Angestellte, dem man seine Sucht nicht ansieht?

Nadelstreifen trifft es nicht so, eher normale Angestellte, die ihre Sucht mehr oder weniger verstecken können. Viele kommen aus dem kreativen Bereich gerade auch in der Nachbarschaft. Da ist es gängig, Drogen zu konsumieren, auch während der Arbeit.

Kokain?

Vielfach ja. Mit Kokain lässt es sich besser feiern. Es wird auch als Doping genutzt. Ich kann besser durchhalten, habe mehr Ideen.

Gibt es derzeit eine Trenddroge?

Nicht wirklich. Sicher wäre der Anteil von Kokain viel höher, wenn es billiger wäre. Ein Gramm kostet zirka 80 Euro. Was sehr stark zunimmt, ist Spielsucht, auch Internet-Sucht, Porno-Sucht. Das führt auch zu einer Art von Verelendung.

Es scheint ständig neue chemische Party- und Clubdrogen zu geben.

Die gibt es. Zum Beispiel Ketamin, GHB, GBL, KO-Tropfen. Von manchen erfahren wir erst in Gesprächen. Wir bedürfen da der Weiterbildung. Wir können ja unseren Klienten nicht sagen: Erklärt uns das.

Ist die Droge Crystal Meth schon in Berlin angekommen?

Nein, wir warten darauf. Ich weiß von Klienten aus Bayern, Thüringen, Sachsen, dass es Leute gibt, die vor Crystal nach Berlin flüchten, weil es das hier nicht so gibt. Von den Leuten erfahre ich, dass Crystal Meth nicht zum Feiern, sondern als Alltagsdroge konsumiert wird. Zum Abhängen. Manche arbeiten, manche verlieren dann dadurch ihre Arbeit oder arbeiten gar nicht. Der körperliche Verfall geht sehr schnell.

Tilidin ist sehr ernst zu nehmen

Haben sich die Gründe für den Drogenkonsum verändert?

Seinerzeit signalisierte Heroin eine Verweigerung des Mainstreams. Sich nicht anzupassen, sich rauszunehmen, grade in Kreuzberg. Heute geht es bei Drogen eher darum, besser zu funktionieren.

Sie bieten Beratung in verschiedenen Sprachen an. Gibt es nationale Unterschiede beim Gebrauch?

Ich war lange Zeit der einzige russischsprachige Drogenberater in Berlin – etwa für die jüdischen Kontingentflüchtlinge, Kriegsflüchtlinge aus dem Kaukasus, Tschetschenien, Georgien, Dagestan, Spätaussiedler aus Mittelasien, Sibirien und so weiter. Da wurde aus Opium etwas gebraut, das hieß Hanka oder Tschernjaschka, und war im Abhängigkeitspotenzial nicht ganz so gefährlich wie Heroin. Aber dann kamen die Leute nach Berlin, und hier gab es ja nur Heroin. Unter den Spätaussiedlern waren es auch junge Leute, die zu Heroin gegriffen haben, weil es mit der Integration nicht geklappt hat.

Gibt es ein ähnliches Verhalten bei türkischen Migranten?

Bei türkischen Migranten dominierte lange der Heroinkonsum, aber jetzt hat mein türkischer Kollege auch sehr viele Klienten mit Partydrogen, Kokain. Das ist bei den Russischsprachigen eher selten. Aber auch bei Türkischstämmigen ist die Ursache häufig, dass sie hier ihren Platz nicht finden können.

Man hört viel von dem Schmerzmittel Tilidin, das in Moscheen verkauft wird und aufputschend wirkt.

Tilidin ist die sogenannte Neukölln-Droge, aber das schwappt herüber nach Kreuzberg und Friedrichshain. Tilidin ist sehr ernst zu nehmen. Das ist ein Opioid, das lange nicht substituiert werden durfte, sodass wir Abhängigen nichts anbieten konnten. Inzwischen ist das aufgeweicht. Und bei Tilidin ist die Quote der Leute, die zur Abstinenz zurückfinden, höher als bei Heroin.

Zu welchem Zeitpunkt der Abhängigkeit kommen die Leute zu Ihnen in die Sprechstunde?

Es ist selten, dass Leute früh kommen. Wenn, dann geschieht das oft auf Veranlassung der Angehörigen. Der Partner oder der Eltern, die dahinter gekommen sind und dann mehr oder weniger angemessen reagieren. Manchmal auch in zu alarmistischer Weise. Der Weg in die Abhängigkeit ist schleichend. Wer mit Heroin anfängt, denkt kaum daran, dass er abhängig wird. Dieser Glaube an die eigene Stärke unterschätzt, welche Macht Drogen haben. Gründe, in die Drogenberatung zu kommen, sind gesundheitliche Probleme, Einsamkeit, Konflikte mit dem Gesetz. Wir wünschen uns, die Leute würden früher kommen.

Gibt es Menschen, die abhängig sind, und ihr Leben auf die Reihe kriegen?

Dass man auch mit Drogen ein würdiges Leben führen kann, würde ich nicht negieren. Es gibt sicher eine ganze Menge Konsumenten, die sehen eine Drogenberatung nie von innen. Als wir in der Schlesischen Straße den Kontaktladen hatten, gehörte zu unserem Angebot ein Spritzenautomat. Am Freitagnachmittag kamen immer viele Leute in Arbeitsmontur, hielten da schnell mit dem Auto an und haben sich Spritzen gezogen. Ich dachte, es muss eine Anzahl von Menschen geben, die sich zum Wochenende einen Druck setzen und damit gut zurecht kommen. Es gibt auch den Ansatz des kontrollierten Trinkens, da wird gelernt, ob und wie man kontrolliert trinken kann.

Funktioniert das?

Es ist nicht der Königsweg, aber es gibt eine Erfolgsquote. Auch bei Cannabis und partybezogenen Drogen. Wir bieten jetzt eine Gruppe an für Konsumreduktion und Konsumkontrolle. Wir haben das vorher in Einzelfällen gemacht, und die Ergebnisse sind ermutigend, auch bei Leuten, die tief im Drogenmissbrauch waren und dann einen Weg zurückfinden. Das finde ich einen Fortschritt, dass nicht nur das Abstinenzparadigma zählt. Es werden da keine ideologischen Kriege mehr geführt. Selbst Organisationen wie Synanon machen heute Angebote für Substituierte.

Wie hoch ist die Erfolgsquote bei dem Entzug von Heroin?

Etwa 30 Prozent.

Weg aus der Verbotspolitik finden

Nicht gerade hoch.

Wie man’s nimmt. Wichtig ist, dass die Leute eine zweite oder dritte Chance haben. Manche brauchen Zeit, sich damit anzufreunden, was ihnen abverlangt wird in einer Therapie. Die können sich bei einem zweiten oder dritten Versuch besser darauf einstellen. Bei den Heroinabhängigen gibt es eine große Zahl, die nach § 35 Betäubungsmittelgesetz eine Therapie machen zur Haftvermeidung. Da ist die Motivation gemischt.

Wenn Sie Drogenpolitik machen könnten, wie würde die aussehen?

Man muss einen Weg aus der Verbotspolitik finden, der Verfolgungspolitik. Denn davon profitieren nur die Anbieter, die Kartelle, die Händler. Wie das konkret aussehen würde, über kontrollierte Vergabe etwa, das muss man sich in anderen Ländern angucken. In Portugal etwa wird Heroin frei vergeben. Auch die Schweiz probiert ein weitgehend liberales Drogenrecht. Es gibt Erfahrungen, an die man anknüpfen und die man weiterdenken kann. Ich bin für einen selbstbestimmten Drogengebrauch. Damit wären viel bessere Voraussetzungen für eine effektivere präventive Arbeit gegeben.

Sie waren zu DDR-Zeiten an dem Pädagogischen Institut, das dem Ministerium von Margot Honecker unterstellt war. War der Wechsel nach Kreuzberg kein Kulturschock?

Als ich 1994 angefangen habe, hier zu arbeiten, kannte ich Kreuzberg so gut wie nicht. Zu illegalen Drogen hatte ich keinen Bezug, dachte, da würde ich nicht akzeptiert, auch altersmäßig. Ich war 45. Bei Drogensüchtigen hatte ich Christiane F. vom Bahnhof Zoo vor Augen. Ich dachte, wie soll ich zu so jemandem Zugang finden? Und dann saß auf einmal Christiane F. hier bei uns. Sie war substituiert, und ein Kollege war ihr Berater. Das alles war rasch selbstverständlich. Durch beiderseitiges echtes Interesse waren schnell Brücken gebaut.

Haben Sie selbst mal gekifft?

Ja, habe ich. In Amsterdam Anfang der Neunziger. Das war gleich eine Überdosis, mir ist so schlecht geworden. Und damit war das für mich erledigt.

Das Interview führten Susanne Lenz und Sabine Rennefanz.