BerlinMit dem Landeanflug kommt der Abschiedsschmerz. So war es am vergangenem Sonntag, als um 21 Uhr ein von der griechischen Insel Kreta kommender Airbus A320 mit 180 Passagieren Berlin ansteuert. Ich bin mit an Bord, schaue aus dem Fenster, als die abendlich erleuchtete Hauptstadt sichtbar wird. Diesen Blick von oben auf die Metropole genieße ich vor allem als Reporter in dieser Stadt immer wieder gerne, wenn ich mit meiner Familie von einer Urlaubsreise heimkehre. Doch diesmal ist es anders. Mich packt plötzlich die Wehmut. Denn ich werde zum letzten Mal in Tegel landen. Und das auch noch in einem ehemaligen Flieger der Air Berlin, die 2017 in die Insolvenz ging und die auf dem Flughafen Tegel einst ihr Zuhause hatte. Mit der BER-Eröffnung wird dieser Airport ebenfalls Berliner Fluggeschichte sein.

Den Mitreisenden in der Kabine scheint das wenig zu interessieren. Wer nicht gerade schläft, rückt die Rücklehnen seiner Sitze gerade, schnallt die Sitzgurte fest oder beruhigt seine Kinder. Kaum einer schaut so wie ich genau aus den Fenstern auf die sich unter uns ausbreitende Stadt. Wissen sie denn nicht, dass Passagiere diese Sicht aus der Vogelperspektive auf Berlin nie mehr sehen werden, wenn künftig die Flugzeuge aus aller Welt nur noch in Schönefeld landen?

Sicher, es fällt schwer, in dem riesigen Lichtermeer da unten markante Straßen, Plätze oder Berliner Bauwerke auszumachen. Dann aber taucht der Alexanderplatz mit dem hell erleuchtetem Park-Inn-Hotel und dem Fernsehturm auf. Ich stupse meine Familie an. „Schaut doch, es ist das letzte Mal, dass wir Berlin so zu sehen bekommen“, will ich sie auf die letzte Tegel-Landung aufmerksam machen. Doch mein 15-jähriger Sohn schaut mich nur merkwürdig an. Und meine im Berliner Westteil geborene Frau fragt erstaunt: „Was trauerst du Tegel nach? Du bist doch im Osten Berlins aufgewachsen.“

Tegel war für mich das Tor zur Welt

Vielleicht ist genau das ein Grund meines Abschiedsschmerzes. Der Flughafen Tegel war in Mauerzeiten für mich immer das Tor zur weiten Welt, die für DDR-Bürger unerreichbar blieb. Dort starteten und landeten damals Maschinen, die man auf dem Flughafen in Schönefeld zu jener Zeit nie zu sehen bekam: die riesigen Jumbo-Jets, sogar die legendäre Concorde. Erst am 3. Oktober 1991 machte der Überschallflieger Station in Schönefeld, 1999 sogar ein zweites Mal.

„Vergiss nicht, als die Mauer fiel, war ich 22“, sage ich zu meiner Frau. „Meine ersten Flugreisen machte ich von Tegel aus. Und auch wir sind später zum größten Teil von dort aus in den Urlaub geflogen – oft in Air-Berlin-Fliegern wie diesem. Mit Tegel verbinden sich für mich schöne Zeiten.“ Das mag so sein, meint meine Frau. „Aber der Flughafen ist mit den Jahren doch recht heruntergekommen. Eine Schönheit ist er nun wirklich nicht mehr. Allein die oft nicht richtig funktionierenden Gepäckanlagen waren eine Katastrophe.“

Das gilt vor allem für Terminal C, in dem Passagiere in den vergangenen Jahren Passagiere massenhaft abgefertigt wurden, die in die spanischen oder griechischen Feriengebiete flogen. Zwei Wochen zuvor, als wir nach Kreta starteten, wirkte die Halle nur noch wie ein riesiges Gespenst aus Stahl und Beton. Die Regale im Duty-Free oder in den Zeitungs- und Imbiss-Shops waren wegen des Flughafenumzugs zum BER bereits leer geräumt. Nur an zwei kleinen Behelfsständen oder aus Automaten gab es Snacks, Kaffee und Cola.

Ein etwas unsanftes Ruckeln der A320 holt mich zurück in die Gegenwart. Es ist 21.20 Uhr, als die Maschine in Tegel landet. Zum Abschluss dreht der Pilot mit dem Flugzeug noch eine große Runde über das Rollfeld. Vorbei an die Lufthansa-Cargo-Station, über die Brücke, die über die Flughafenzufahrtstraße führt  – und vorbei an dem militärischen Teil des Airports. Ich erinnere mich noch, wie ich dort in einem Heer von Reportern und Fotografen stand, als am 1. Juni 2000 der damalige US-Präsident Bill Clinton in seiner Air Force One zum Staatsbesuch in Berlin landete.

Mein letzter Flug nach Tegel endet, als das Flugzeug seine Parkposition erreicht. Genau auf dem Teil des Flughafens, wo einst auch die Ferienflieger der Air Berlin standen. 114 Flieger, die zum Großteil heute der Lufthansa-Group gehören, hatte die Airline, als sie pleiteging. Dass einst auch der Airbus, der uns nach Tegel brachte, zu Air Berlin gehörte, verrät sein Aussehen. Die 14 Jahre alte Maschine mit der Kennung D-ASGK, die seit 2018 im Besitz der deutschen Fluggesellschaft Sundair ist, trägt noch immer die rot-weiße Lackierung. Am Leitwerk prangt sogar das legendäre Air-Berlin-Logo.

Auch wenn ich beim Verlassen des einstigen Air-Berlin-Fliegers die beliebten Schokoladenherzen für die Passagiere vermisse, die man einst in Tegel bekam: Der Flughafen wird in meinen Erinnerungen und in den Herzen vieler Berliner weiterleben, wenn dort am 8. November der Flugbetrieb endet.