Kurz vor dem 40. Jubiläum des Christopher Street Days in Berlin sorgt eine Reihe von Postkarten für Aufregung. Eine von ihnen sticht besonders hervor: „Du Hetero Sau“ steht in fettgedruckten Buchstaben auf der Vorderseite geschrieben. Die provokante Aussage soll jedoch niemanden angreifen, sondern eine gesellschaftliche Debatte anstoßen.

Hinter der Aktion steckt die Arbeitsgemeinschaft SPDqueer Pankow. Mit den Postkarten will die Gruppe auf die aus ihrer Sicht immer noch tief verankerte Homophobie in Deutschland aufmerksam machen. „Es geht nicht darum, Menschen zu beleidigen“, erklärt Alfonso Pantisano auf Nachfrage der Berliner Zeitung. Der 44-Jährige ist stellvertretender Vorsitzende der Pankower Arbeitsgemeinschaft.

Insgesamt gibt es vier verschiedene Motive. Jede thematisiert eine andere Problematik. So fordert die Arbeitsgemeinschaft beispielsweise mit dem Slogan „Ändert endlich das Grundgesetz“, dass der darin verankerte Artikel 3 angepasst wird. Nachdem 1994 der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität unter Strafe stellte, aufgehoben wurde, sei es nun endlich an der Zeit, die Gleichheit aller Menschen auch im Grundgesetz festzuhalten. Denn bis jetzt werde die sexuelle Orientierung oder die geschlechtliche Identität eines Menschen nicht explizit berücksichtigt. Nach Auffassung der Arbeitsgemeinschaft soll sich das schnell ändern.

Mit der polarisierenden Botschaft „Du Hetero Sau“ will die Gruppe auf homophobe Beleidigungen aufmerksam machen, die immer noch alltäglich gebraucht werden. „Du Schwule Sau“, sei nach wie vor eines der am häufigsten verwendeten Schimpfwörter auf Schulhöfen, steht in einer Erklärung zu der Postkarte. Der Slogan auf der Karte soll zeigen, wie überflüssig solche Ausdrücke sind.

Doch nicht jeder sieht die Postkarten mit einem zwinkernden Auge. Der AfD-Bundestagsabgeordneter Jens Kestner wittert in der Botschaft einen „queeren Kreuzzug“. Für „knallrote Ideologie-Projekte“ müsse der GEZ- und Steuerzahler teuer bezahlen, bedauert er bei Facebook.

Für Alfonso Pantisano fällt bei derartiger Empörung vor allem eines auf: „Menschen bedienen sich an Überschriften, ohne sich mit Inhalten auseinanderzusetzen.“ Daran erkenne man eine erkrankte Diskussionskultur in Deutschland.

Pantisano wisse, dass sich seit dem ersten Christopher Street Day vor 40 Jahren vieles für Homosexuelle in Deutschland verbessert hat. So hebt er beispielsweise die Abschaffung des Paragrafen 175 hervor. Im Jahr 2017 folgte die Entschädigung der Opfer dieses Gesetztes. Und natürlich die gleichgeschlechtliche Ehe, die im selben Jahr beschlossen wurde.

Doch er betont auch, dass man von einer wirklichen Gleichberechtigung noch weit entfernt sei: „Wir leben auch im Jahr 2018 noch in einer Gesellschaft, die sich weltoffen gibt, aber nach wie vor an Ressentiments bedient.“