Berlin - Das Aussehen einer Person wird für viele Menschen plötzlich ziemlich interessant, wenn es dem „Typischen“ nicht entspricht. Wenn ich neue Leute kennenlerne, reagieren die allermeisten nach einem Muster: Zuerst werde ich auf meinen Vornamen angesprochen: „Miray – das ist aber ein interessanter Vorname. Woher kommst du?“ Dann folgt ein erstauntes „Du siehst aber gar nicht türkisch aus“.

Wenn man jemanden fragt, wie eine typisch-türkische Person aussieht, werden viele sie so oder ähnlich beschreiben: Die Frauen haben langes, volles, schwarzes Haar, tiefbraune Augen und sind sehr gepflegt. Die Männer haben dickes, dunkles Haar, tragen einen perfekt getrimmten Bart, haben gezupfte Augenbrauen, ihre Haut wirkt für Deutsche sonnengebräunt.

Ich habe grüne Augen, dunkelblonde Haare und eine helle Haut – Merkmale, die ich von meinem Papa geerbt habe. Ich werde nicht braun, wenn ich mich in die Sonne lege, sondern rot. Und gefühlt habe ich nur hundert extrem feine Haare auf dem Kopf.

Das Bild vom vermeintlichen „südländischen“ Aussehen der Türkinnen und Türken ist fehlerhaft. Wer einmal durch Istanbul spazieren und sich aufmerksam umsehen würde, würde merken, wie verschieden die Leute dort aussehen. Aber Menschen haben eben ihre Vorstellungen von „typischen“ Türken, Italienern oder Deutschen. Es handelt sich um Klischees oder Stereotypen, die oftmals nicht auf eigenen Erfahrungen beruhen. Das Bild wird reproduziert und, in meinem Fall, auf alle Türkischstämmigen übertragen. Weil ich so gar nicht „südländisch“ aussehe, sind viele fasziniert von meinem „untürkischen“ Aussehen. Ich passe nicht in das Klischee. Das trifft in meinem Fall sowohl auf meine deutschen als auch auf meine türkischen Mitmenschen zu.

Einmal vereinbarte ich auf Deutsch einen spontanen Termin bei einem türkischen Friseur. Ich ging hin, wurde auf Deutsch begrüßt, setzte mich in den Stuhl. Die Friseurin fragte mich, ob ich etwas trinken möchte – ich lehnte höflich ab. Sie lächelte, sagte okay, drehte sich zu ihrer Kollegin – und fing auf Türkisch an so dermaßen über mein unhöfliches, deutsches Verhalten zu lästern, dass ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen soll. „Schon wieder so ’ne Deutsche. Denen kann man auch nichts recht machen.“ Da sei man nazik, also aufmerksam, und vor allem misafirperver, also gastfreundschaftlich, aber werde mit einem unhöflichen Nein abgetan. Eine Türkin hätte sofort um Kaffee oder Tee gebeten, wenigstens um ein Glas Wasser!

Ich hörte mir ihr minutenlanges Geläster über „die Deutschen“ halb amüsiert, halb perplex an und sagte kein Wort darüber, dass ich jedes Wort von ihr verstand.

Ein anderes Beispiel: In einer Straßenbahn saßen mir zwei Freundinnen gegenüber, die sich auf Türkisch unterhielten, über ziemlich persönliche Dinge. Das hätten sie sicher nicht getan, hätten sie geahnt, dass ich ihr Gespräch verstehen kann.

Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich als „unerkennbare Türkischstämmige“ Superkräfte. Nur weiß ich noch nicht, wie ich sie sinnvoll einsetzen oder ihnen gerecht werden kann. Bis ich das herausgefunden habe, versuche ich bei allen, die „Du siehst aber gar nicht türkisch aus“ zu mir sagen, die Bilder in ihren Köpfen zu verwischen, indem ich zurückfrage: „Wie sieht denn deiner Meinung eine typisch türkische Person aus?“ Und: „Würdest du bei einem Deutschen mit dunklen Haaren und dunklen Augen genauso erstaunt reagieren?“