Sarah Wiedenhöft dachte lange Zeit, es gebe keinen Rassismus in Deutschland. Dann bekam sie ein schwarzes Kind – und alles änderte sich. Ein Interview.

Sind Sie vorher nie mit dem Thema Rassismus konfrontiert worden?

Sarah Wiedenhöft: Nein, als Weiße dachte ich wirklich, Rassismus existiere in Deutschland nicht. Doch schon kurz nach der Geburt meines Sohnes merkte ich, dass das nicht wahr ist. Er ist per Kaiserschnitt zur Welt gekommen, aber noch bevor ich ihn das erste Mal sah, kommentierte eine Krankenschwester seine Hautfarbe: „Der ist aber doch recht hell“, sagte sie zu mir auf dem Weg zu meiner ersten Begegnung mit meinem Kind, als sei das eine wichtige Information, die sie mir unbedingt vorab noch mitteilen musste. Die Schwestern verglichen ihn mit Schokolade oder Karamell. Vorher hatte Hautfarbe für mich keine Rolle gespielt.

In welchen Situationen waren Sie besonders geschockt?

Wiedenhöft: Vor ein paar Jahren als ich für meinen Sohn ein Konto eröffnen wollte, fragte eine Bankmitarbeiterin mich, was „das“ denn für eine süße  „Promenadenmischung“ sei. Solche offenen Beleidigungen sind zwar selten, aber unterschwelligen Rassismus erlebt mein Sohn täglich. Ein klassisches Beispiel ist, dass Menschen uns einfach so erzählen, dass sie über drei Ecken auch einen Schwarzen kennen. „Der Nachbar meiner Freundin, der ist ja auch schwarz und total nett“, sagen sie dann, als müsste man das als etwas Außergewöhnliches betonen. Oder sie sagen: „Dein Sohn kann bestimmt super singen und tanzen – so wie alle Schwarzen.“

Können Sie eine Veränderung feststellen, seit mehr Menschen aus Afrika zu uns flüchten?

Wiedenhöft: Mein Sohn wird manchmal für ein Flüchtlingskind gehalten. Die Leute wundern sich häufig, wie gut er schon Deutsch spricht. Sie gehen überhaupt nicht davon aus, dass er hier geboren wurde und die deutsche Staatsangehörigkeit hat, dass er sich als Deutscher fühlt und Deutsch seine Muttersprache ist. Allerdings glaube ich, dass die aktuelle Situation das nicht ausgelöst, sondern nur verstärkt hat. Einmal hat ihm ein Mann in der Bahn ein Kuscheltier geschenkt und gesagt, er wolle geflüchteten Kindern etwas Gutes tun.

Wie gehen Sie und ihr Sohn mit solchen Situationen um?

Wiedenhöft: Es kommt immer darauf an. Mein Sohn hat nicht verstanden, warum der Mann ihm ein Kuscheltier geschenkt hat. Ich habe das dann so stehen lassen, denn für ihn selbst war die Situation offenbar in Ordnung. Er hat sich einfach gefreut. Die Frage ist auch, ob man ständig Lust und Kraft hat, eine Diskussion vom Zaun zu brechen. Es ist wichtig, zu schauen, was mein Sohn will. Fühlt er sich gerade diskriminiert oder nicht?  Braucht er meine Hilfe? In der Situation geht es dann ja um ihn. Ich beobachte nur und kann ihn unterstützen, so gut es geht.

Aber wenn mein Sohn – er ist inzwischen fünf Jahre alt –  sich falsch behandelt fühlt, sagt er das meistens direkt selbst. Ich fahre mit ihm jeden Tag vier Stationen mit der Bahn. Wildfremde fassen ihm ungefragt in seine dunklen Locken. Einfach so. Eine Zeit lang wollte er nur noch mit seinem Fahrradhelm auf dem Kopf in die Bahn einsteigen. Als es ihm einmal zu viel wurde, sagte er zu einem Mann: „Fass‘ mich nicht an, du Arsch.“

Sie sagen, dass Sie inzwischen manchmal Angst um ihren Sohn haben. Warum?

Wiedenhöft: Die Lage in Deutschland spitzt sich zu. Kürzlich, als die Wahlen in Sachsen-Anhalt stattfanden, war ich mit meinem Sohn in Berlin unterwegs. Ein Polizist sprach uns an und erklärte, dass die AfD in der Nähe tagen würde und es besser wäre, wenn sie uns begleiten. Die Straßen rings herum waren abgesperrt. Zwei Polizisten brachten uns dann zu dem Haus um die Ecke, in dem wir übernachteten. Ich hätte nicht gedacht, dass wir das einmal brauchen würden. Es ist aber zum Glück nichts passiert. Noch finden die meisten meinen Sohn süß. Ich habe aber Angst vor der Zeit, in der er erwachsen wird. Als erwachsener schwarzer Mann wird man in Deutschland automatisch als bedrohlich wahrgenommen.

Welche Sätze können Sie und Ihr Sohn einfach nicht mehr hören?

Wie sollte man in einer idealen Welt auf Sie und ihr Kind reagieren?

Wiedenhöft: Die Hautfarbe meines Sohnes sollte einfach gar kein Thema mehr sein. Ich hoffe, dass sie irgendwann keine Rolle mehr spielt, dass die weißen Menschen so oft schwarze Menschen gesehen haben, dass es einfach normal ist. Dass sie ihr Privileg, dass sie mit ihrer weißen Haut haben, erkennen, und damit bewusst umgehen. In einer idealen Welt hätten Schwarze auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und überall sonst endlich die gleichen Chancen wie Weiße. Aber ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob wir das noch erleben werden.

Sarah Wiedenhöft bloggt auf mutterseelenalleinerziehend, studiert Medienwissenschaften und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Hamburg.