Die Adresse klingt prominent, Kurfürstendamm in der Nähe des Olivaer Platzes, das macht was her. Wenn da nicht der Hinweis auf dem Klingelschild wäre: Linker Seitenflügel, dritte Etage. Dort residiert die Agentur von Dunja Hayali, dort wollen wir uns zum Gespräch treffen. Ein schweres Holztor führt aus dem Foyer in einen Hinterhof, von dort geht es durch eine niedrige Tür in ein enges Treppenhaus, dann eine Stiege mit abgeschabten Stufen nach oben. Ob das richtig ist? Da geht oben eine Tür auf, jemand ruft: „Sie sind richtig!“ So prominent auch die Klienten dieser Agentur sein mögen, hier wird Understatement betrieben.

Dunja Hayali gehört zu den auffälligsten Persönlichkeiten der deutschen Medienlandschaft. Seit vielen Jahren moderiert sie das „Morgenmagazin“ im ZDF, sie hat eine eigene Talkshow, und seit dem Sommer moderiert sie auch eine der Kultsendungen des deutschen Fernsehens, das „Aktuelle Sportstudio“. Kurz noch warten in der Küche, durch die Tür ist schon die dunkle, warme Stimme Dunja Hayalis zu hören.

Sie gibt ein Telefoninterview, offenkundig geht es um ihre Kochkünste, Lieblingsrezepte, so Sachen. Dann empfängt sie in einer Art geräumigem Wohn-Arbeitszimmer. Ein großer antiker Globus zieht den Blick auf sich, sie weist auf ein Ledersofa im Stil der Sechzigerjahre und nimmt selbst in einem Sessel aus der gleichen Zeit Platz. Sie sitzt leicht vorgebeugt und gespannt auf der Sesselkante. Das Gespräch beginnt.

Frau Hayali, ist das „Aktuelle Sportstudio“ für Sie eine Erholung von den politischen Konfrontationen, denen Sie sich ständig im Netz und in Ihrer TV-Sendung „Hayali“ stellen?

Ich könnte jetzt sagen: Es ist so lange Erholung, bis ich mir dann manche Kommentare auf Twitter nach der Sendung angucke. Aber nein, das ist überhaupt keine Erholung, das ist eine totale Herausforderung. Ich habe großen Respekt vor dieser heiligen Kuh und muss mich da auch erst wieder reinfrickeln. Ich habe zwar Sport studiert und war zehn Jahre lang Sportreporterin, ich mache selber, seit ich drei war, Sport, ich kann relativ viel mit dem Ball, ich gehe Wellenreiten. Aber: Das ist jetzt auch alles schon zwölf, dreizehn, vierzehn Jahre her. Der Sport und der Sportjournalismus haben sich verändert. Man muss mir bitte schon noch etwas Zeit geben zum Einarbeiten. Ich habe ja versucht, die Erwartungen runterzuschrauben, was mir aber nicht gelungen ist. Die Leute haben gedacht, jetzt revolutioniere ich das Sportstudio, es fängt wieder um Viertel nach zehn an und alle Randsportarten dieser Welt finden statt, und ich weiß nicht, was man von meiner Moderation erwartet hat.

Der Erwartungsdruck stresst Sie?

Das gibt mir schon manchmal zu Denken. Es ist ja nicht alles, was ich anfasse, mit Gold bestäubt, sondern da geht es erst mal um Handwerk. Da gibt es sicher mal wie bei allen Kollegen Highlights, dann gibt es Durchschnitt, und dann gibt es auch mal Sendungen, mit denen ich selber unzufrieden bin. Auf Twitter schrieb mal einer: Was wollt ihr denn, soll die Hayali jetzt auch noch über Wasser laufen? Da dachte ich: Vielen Dank. Das tat auch mal sehr gut. Die Erwartungshaltung ist schon enorm. Ich sage immer: Wer Erwartungen hat, muss damit leben, dass er enttäuscht wird. Ich kann diese Erwartungen nicht alle erfüllen. Das ist auch gar nicht mein Anspruch. Ich möchte einen guten Job machen, mich als Bürgerin dieses Landes einbringen und mit anpacken, ich finde, das gehört dazu und das darf man auch als Journalist. Man muss nur wissen, dass es ein schmaler Grat ist – mit der Meinung und der Haltung.

Das lange Sportstudio-Gespräch mit Oliver Kahn nach der Bayern-Niederlage in Dortmund war so ein Highlight, oder?

Ja, aber er hat es mir sehr leicht gemacht. Er hatte Lust, er hatte Spaß, er hat vielleicht gemerkt, die Frau hat Ahnung und weiß, wovon sie spricht. Das ist dann ein Geben und Nehmen, da gehören immer zwei dazu.

Ihnen ist vor einiger Zeit in Kreuzberg Ihr Moped, wie Sie als eine aus dem Ruhrpott sagen, gestohlen worden, eine seltene alte Yamaha XT-250. Ist die Maschine wieder aufgetaucht?

Nein, aber ich habe das gleiche Modell in Aussicht. Und da hängt auch wieder eine Geschichte dran. Der Verkäufer ist ein alter Schrauber, der Heinz heißt. Wir haben bisher nur gemailt und einmal telefoniert. Da habe ich mich zum ersten Mal mit meinem ganzen Namen gemeldet, und sofort kam dann eine Frage: „Was ist denn da mit dem Migrationspakt? Warum lese ich das denn nur in den richtigen Medien?“ Da dachte ich erstmal, oh nein, ich will doch nur ein Motorrad kaufen. Und was sind denn die richtigen Medien? Na, so Internetforen, sagte Heinz. Seitdem tausche ich mich auch mit Heinz aus.

Austausch ist ein Stichwort: Sie kommen aus der Welt der elektronischen Medien, tummeln sich in sozialen Netzwerken, haben nun aber ein Buch geschrieben, ein altmodisches, analoges Produkt. Warum?

Das eigene Innehalten, die Reflexion – wer bin ich, wo stehe ich, wo will ich hin, was ist mir passiert, wie geht es mir, wie hat mich was bewegt – lässt einen anders nachhorchen und nachdenken, als wenn Sie sich einen Tag hinsetzen und einen Artikel oder einen Facebook-Kommentar schreiben. Das andere, warum mir das Buch so wichtig ist, ist, dass ich mir auch von meinem Gegenüber ein Innehalten und Reflektieren erhoffe, ein Zurückblättern, ein über sich selbst Nachdenken, einen Perspektivwechsel. Das geht gerade in dieser schnelllebigen Zeit viel besser mit dem alten Instrument Buch.

Dann müssten Sie ja auch eine Freundin der guten alten Zeitung sein?

Oh ja, ich bin auch ein Zeitungsleser und werde es wohl immer bleiben. Ich bin ein haptischer Mensch. Ich finde gedruckte Zeitungen übersichtlicher als Apps, und ich meine das mit dem Zurückblättern ernst. In der Zeitung bleibt man auch an Dingen hängen, die ich online wahrscheinlich eher überwischen oder –klicken würde, weil sie mir nicht sofort auffallen. Ein Buch ist gründlicher, ruhiger, kann auch versöhnlicher sein, weil man viel differenzierter auf Dinge blickt.

Sie erreichen damit ja wahrscheinlich auch eine ganz andere Zielgruppe als mit Ihrer sonstigen Arbeit.

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Das war jedenfalls nicht der Antrieb für das Buch. In erster Linie hatte ich ein Bedürfnis, meine Gedanken und meine Erlebniswelt darzustellen, und das fängt mit der Integration meiner Eltern an. Daran hangele ich mich entlang, um zu zeigen, wie das Zusammenleben gelingen kann.

Wer ist auf den Titel „Haymatland“ gekommen?

Ich. Und die Reaktionen zeigen mir, dass wir bei gewissen Dingen unseren Humor, unsere Leichtigkeit und Großzügigkeit verloren haben. Weil es sofort auf bestimmte Weise gedeutet und missinterpretiert wird. Die meisten klar denkenden Demokraten verstehen sehr wohl, dass das ein Wortwitz, ein Wortspiel ist. Aber es gibt eben auch Leute, die können oder wollen das nicht verstehen und werfen mir vor, die deutsche Sprache nicht zu beherrschen oder die Islamisierung Deutschlands voranzutreiben, weshalb ich den Tod verdiene. Das finde ich ein bisschen übertrieben.

Na ja ….

Ich nehme viel mit Humor oder Sarkasmus oder atme sehr viel, das sind so meine Überlebensstrategien in den sozialen Medien.

Das Buch hat also seine eigene Motivation, ist keine Entgegnung auf Thilo Sarrazin oder andere?

Nein, überhaupt nicht. Es ist eine Streitschrift. Ich freue mich, wenn Leute sich daran reiben oder sich ermutigt fühlen. Mir schreiben ja oft Leute: Wir schätzen Ihre Arbeit, aber wir sind überhaupt nicht einer Meinung. Dann schreibe ich zurück: Gut so! Dann sind die immer ganz irritiert, aber das ist doch der Sinn der Sache. Wir haben Meinungsvielfalt und Pluralität, wenn wir alle gleich denken, gleich leben, gleich lieben und gleich aussehen würden, wie unfassbar langweilig wäre dieses Leben! Aber es gibt Grenzen, die man links und rechts ziehen muss. „Den Holocaust hat es nicht gegeben“, das ist so eine Grenze. Aber zwischen Schwarz und Weiß gibt es viele Grautöne. Das finde ich spannend, als Mensch und als Journalistin, mich dem zu nähern und herauszufinden, wieso denkt jemand so, wie kommt er zu dieser Position? Und lass die Position erst mal beiseite, ich finde den Weg fast spannender. Darüber kann man sich austauschen. Es gibt immer irgendwo etwas Verbindendes, was einen zusammenkommen lässt.

Zum Beispiel?

Nach dem Tod meines Hundes Emma hat mir eine Frau geschrieben: Wir denken anders, wir wollen andere Dinge, wir stehen wahrscheinlich politisch woanders – das finde ich immer interessant, dass Leute glauben zu wissen, wie ich politisch denke. Aber sie wollte mir mitteilen, dass sie den Verlust bedauert und mir ihr Beileid bekunden möchte. Da ist also das Tier, mein Hund, die Verbindung. Darauf aufbauend, kann man über andere Dinge sprechen. Das klingt etwas simpel, aber so einfach ist es tatsächlich manchmal. Am Ende stellt man oft fest, dass man gar nicht so weit auseinander ist. Das erlebe ich auch bei meinen Telefonaten, ich rufe die Leute, die mir geschrieben haben, ja oft an und frage nach.

Sie schreiben, Sie seien weder links noch rechts. Geht das?

Ja. Hier sitzt das lebende Beispiel. Klar ist vor allem, dass ich weder mit dem einen noch dem anderen Extrem etwas zu tun habe. Ich kann mit denen, die rufen: Nie wieder Deutschland! nichts anfangen, und mit denen, die mir mein Deutschsein, mein Land und meine Heimat absprechen und nationalistisch veranlagt sind, kann ich auch nichts anfangen. Ich bin Lokalpatriotin, ich liebe NRW und den Pott, bin oder war nicht nur in Datteln, sondern auch in Köln und in Berlin zu Hause. Ich glaube, dass uns diese Zuschreibungen wie links und rechts gar nicht weiterhelfen. Weil das oft zur Abwertung des Gegenübers führt. Wenn Sie jemanden abwerten, führt das dazu, dass Sie eine Distanz aufbauen, Menschen in Schubladen packen und aufhören, selber zu denken. Das finde ich unverantwortlich, weil Sie Ihre Verantwortung wegdelegieren, und so bin ich nicht erzogen worden.

Aber die Politik ist schon nach links und rechts sortiert …

Es gibt so viele Dinge, die wir nicht unbedingt parteipolitisch diskutieren müssen. Es kann doch auch zum Beispiel einmal ein Vorschlag von den Grünen kommen, den man bei der CDU gut findet und umgekehrt. Aber das ist eigentlich nicht möglich, weil das wiederum als einknicken oder „Endlich bist du aufgewacht“ hingestellt wird. Das führt dazu, dass Menschen sich gar nicht mehr trauen, Fehler einzugestehen, weil sie sofort mit Häme überschüttet werden. Das führt zu Selbstzensur, und ich möchte keine Schere im Kopf haben, die mich dazu verleitet, zu sagen: Ach, das schreibe ich lieber nicht, weil das könnte von links oder rechts oder von wem auch immer instrumentalisiert werden. Oder: Das schreibe ich lieber nicht, denn dann droht der nächste Shitstorm. Wenn wir so anfangen zu denken, dann haben die Extremen tatsächlich gewonnen.

Links oder rechts muss nicht Parteipolitik bedeuten, es ist ja eher eine Frage der Haltung.

Stimmt. Also, was ich definitiv nicht bin, ist rechtsaußen. Ansonsten würde ich immer erst einmal sagen: Ich bin Demokratin und zähle mich zur offenen, liberalen Mitte, wenn man mich überhaupt verorten will. Ich bin weder linksgrünversifft noch Merkelversteherin, sondern ein Mensch, der sich am liebsten aus allen Parteien das Beste heraussuchen und eine neue schaffen würde. Aber so funktioniert Demokratie nun mal nicht.

Im landläufigen Sinne würde man jemanden mit einer Haltung, wie Sie sie zum Beispiel zu Flüchtlingen und Minderheiten einnehmen, als links bezeichnen.

Tja, ich finde, das ist einfach eine klar denkende, humanistische Einstellung. Und wir sind zwar alle gegen rechts, weil wir damit die Neonazis und dergleichen meinen. Aber in der Welt, in der ich aufgewachsen bin, ist rechts erst einmal konservativ. Und das gehört zum demokratischen Spektrum dazu. Ich habe eine Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie, Homophobie, aber gleichzeitig bin ich für Pluralität, für Humanität, für Respekt. Wenn das irgendeiner Richtung zugeordnet wird, ist das nicht mein Problem. Das ist doch erst mal eine menschliche Grundhaltung, die uns alle antreiben sollte.

Sie nennen Ihr Buch eine Streitschrift, Sie sind mit Ihrem Auftreten in den, wie Sie es im Buch nennen, (a)sozialen Netzwerken und mit Ihrer TV-Sendung „Hayali“ eine sehr öffentliche Person, die praktisch rund um die Uhr Konfrontation auslöst und annimmt. Woher nehmen Sie die Kraft dafür?

Das hat meine Schwester mich auch gefragt. Ich habe ihr gesagt: Guck dir mal Europa an, guck dir unsere Umgebung an, was da alles passiert ist. Ich bin froh, dass unsere Eltern nicht mehr miterleben, was mit mir passiert, was mir die Leute schreiben. Ich habe ihr gesagt: Es geht jetzt um was. Natürlich haben wir einen Rechtsruck, den ich am eigene Leibe erlebe, den wir alle sehen. Ich finde, für eine lebendige Demokratie, die mühsam und langwierig ist und die von Kompromissen lebt, die man aber eben auch nicht als selbstverständlich hinnehmen darf, kann jeder einzelne etwas tun. Das muss nicht jeder, aber dann sollen sie auch aufhören zu meckern und zu schimpfen. Mein Buch soll so eine Art Mutmacher sein, wie es auch gehen kann und wie jeder einzelne sich einbringen kann.

Und funktioniert das?

Ich hatte auf der Buchmesse eine schöne Begegnung mit einer Frau, die das Buch gelesen und sich vorgenommen hat, sich mit ihrer Tochter wieder einzumischen in den sozialen Medien und mit ihrer Stimme für eine offene, demokratische Gesellschaft einzutreten. Das freut mich natürlich. Wenn mehr Menschen in ihrem Umfeld aktiv werden und mit Respekt und Offenheit und Differenzierung aufeinander zugehen, ist schon viel gewonnen. Ich habe auch Vorurteile, ich mache auch Fehler, ich bin auch mal schlecht gelaunt, aber ich versuch’ es jedenfalls. Dieser Leitspruch: So wie du behandelt werden willst, so behandele auch andere, ist eigentlich die einfachste Anleitung zum Zusammenleben. Ich verstehe aber auch, dass Menschen wütend sind, in Sorge oder aufgebracht, das bin ich übrigens auch.

Dafür gibt es ja auch gute Gründe …

Ja, aber es gibt auch viele gute Gründe, dankbar zu sein, in diesem Land geboren worden zu sein. Die Medien spielen da übrigens auch eine bestimmte Rolle. Ich werde oft gefragt: Warum berichten Sie nur über Schlechtes? Ich versuche dann zu erklären, warum wir dem Misslungenen und dem Konfrontativen mehr Platz einräumen als dem anderen. Aber das führt dazu, dass viele Menschen glauben, dass es mit unserem Land bergab geht. Da eine bessere Balance hinzubekommen, ist auch kein schlechter Ansatz. Aber ich sage auch: Demokratie ist eine Bring-und Holschuld, das gilt auch für den Umgang mit den Medien. Man kann nicht einfach zu Hause sitzen und erwarten, dass man in einer halben Stunde die ganze Welt präsentiert bekommt.