Berlin - Das „Lo Spaghettino“ in der Flemingstraße in Mitte lief gut. 19 Jahre hatte es Claudio Zerbinati betrieben. Er war Mitte 40, als er die Trattoria eröffnete, 65 war er, als der Mietvertrag für das Lokal plötzlich nicht mehr verlängert wurde. Das war Anfang 2019. Für Zerbinati folgte eine langwierige Suche nach einem bezahlbaren Lokal. Im Norden Berlins fand er Ende 2019 schließlich Ersatz. In einem unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Fabrikgebäude sollten bald wieder Pizza und Pasta zubereitet und angeboten werden. Handarbeit für Gaumen und Magen. Oliven- statt Maschinenöl.

Anfang 2020 stand der Plan für den Neuanfang. „Im März 2020 wollten wir eröffnen“, sagt Claudios Sohn Alberto Zerbinati. „An Corona dachte damals noch niemand.“ Der 30-Jährige, der zusammen mit seinem jüngeren Bruder in das Geschäft einsteigen wollte, hatte bald seinen Job als Schichtleiter bei einem E-Scooter-Verleiher gekündigt. Doch dann verzögerte sich die Fertigstellung des Gebäudes. Erst im Sommer vorigen Jahres konnte Claudio Zerbinati das Gewerbe für sein neues Restaurant anmelden. Dann kamen die in Italien bestellten Küchengeräte wegen der inzwischen grassierenden Pandemie mit großer Verspätung. Ende September bewirteten die Zerbinatis in ihrer „Fabbrica“ endlich die ersten Gäste. Für einen Monat. Dann kam der zweite Lockdown.

Einzige Hilfe vom Staat: 1500 Euro für zwei Monate

Seitdem beschränkt sich das Geschäft auf einen eher mageren Außer-Haus-Verkauf. Lagen die Tagesumsätze des Lokals mit Pizza und Pasta vor dem Lockdown noch bei 500 bis 800 Euro, so sind es jetzt noch 20 bis 80 Euro. „An guten Tagen sind es auch mal 100“, sagt Alberto Zerbinati, der inzwischen wieder einen Job in einem Supermarkt hat. Er ist dankbar dafür, dass der Vermieter ihnen entgegenkam und die Miete um 1000 Euro reduzierte. Dennoch müssen die Zerbinatis monatlich 1800 Euro allein dafür aufbringen. Sie hätten November- und Dezemberhilfe beantragt, zusammen 1500 Euro bekommen und mit einem Zehntel davon den Steuerberater bezahlt, sagt Zerbinati junior. Weitere Unterstützung, Überbrückungshilfe etwa, gab es nicht, und so fragen sich die Zerbinatis enttäuscht, ob „Neugründer von der Regierung total vergessen“ wurden?

In Berlin werden alle Anträge auf Corona-Hilfe bei der landeseigenen Investitionsbank Berlin, kurz: IBB, bearbeitet. Im Hochhaus an der Bundesallee in Wilmersdorf wird entschieden, wer Hilfe bekommt und wer nicht. Auf Anfrage der Berliner Zeitung hieß es, dass Claudio Zerbinati tatsächlich durchs Raster der Hilfsmaßnahmen fällt. „Wenn das Lokal erst im August 2020 gegründet wurde, dann ist er im Rahmen der Überbrückungshilfe III nicht antragsberechtigt“, so die Auskunft. Der Grund: Das „Fabbrica“ wurde erst nach dem 30. April 2020 eröffnet. Bei der IBB verweist man darauf, dass mit dieser bundesweit geltenden Stichtagsregelung Unternehmen ausgeschlossen werden sollen, „die eigens zur Erlangung von Corona-Hilfen gegründet worden sein könnten“. Alberto Zerbinati kann das zum Teil sogar verstehen. Auch er weiß von den bekannt gewordenen Betrugsfällen. Er sagt aber auch: „Ein Restaurant ist keine Briefkastenfirma.“ 30.000 Euro hat die Familie in ihr Lokal investiert.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: Amt für Statistik Berlin/Brandenburg

Fast 3000 Neueröffnungen gab es 2020 in der Berliner Gastronomie

Tatsächlich waren Neugründungen selbst im Pandemie-Jahr 2020 in Berlin keine Seltenheit. Die Berliner Wirtschaftsämter registrierten im vergangenen Jahr insgesamt 37.860 Gewerbeneuanmeldungen. Das waren gerade einmal 1,5 Prozent weniger als 2019. Allein in der Berliner Gastronomie gab es 2020 nahezu 3000 Gewerbeneuanmeldungen, davon etwa 1900 nach dem 30. April . Die Zerbinatis sind also kein Einzelfall. „Deshalb besteht hier eventuell die Möglichkeit einer Berücksichtigung im Rahmen des Härtefallfonds“, sagt Jens Holtkamp, Sprecher der IBB. Diesen wolle der Bund für Unternehmen auflegen, „die trotz existenzieller Betroffenheit sonst keine Angebote finden“.

Vor knapp zwei Wochen haben sich Bund und Länder auf die Ausgestaltung dieser Härtefallhilfen geeinigt. Laut Auskunft des Bundeswirtschaftsministeriums soll ein Härtefallfonds jenen Unternehmen und Selbstständigen helfen, „die aufgrund von speziellen Fallkonstellationen in bestehenden Hilfsprogrammen von Bund und Ländern nicht berücksichtigt sind, deren wirtschaftliche Existenz aber infolge der Corona-Pandemie bedroht wird“.

Dabei geht es um die Förderzeitraum vom 1. März 2020 bis zum 30. Juni 2021. Die Höhe der Unterstützungsleistung soll sich insbesondere an den im Förderzeitraum anfallenden Fixkosten orientieren, wobei die Härtefallhilfe „im Regelfall“ 100.000 Euro nicht übersteigen sollte. Insgesamt wollen Bund und Länder den Fonds mit bis zu 1,5 Milliarden Euro ausstatten. Allerdings soll dieser nur in jenen Bundesländern zur Verfügung stehen, die den Fonds mit finanzieren.

Für das Land Berlin trifft das tatsächlich zu. „Berlin hat gegenüber dem Bund erklärt, sich bei den Härtefallhilfen zu beteiligen“, sagte ein Sprecher der Senatswirtschaftsverwaltung. Wann die Hilfe aus diesem Fonds voraussichtlich beantragt werden kann, vermochte man allerdings weder dort noch bei der IBB zu sagen, während das Bundeswirtschaftsministerium wiederum auf die Länder verwies. Derweil wird es für die Zerbinatis, die sich mit Erspartem über Wasser halten, immer enger. „Monate schaffen wir das nicht mehr“, sagt Alberto Zerbinati.